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Ausstellung "Hamlet - Tell My Story":Schauspiel-Stars in ihrer Prinzen-Rolle

Klaus Kinski allein mit Plastikschädel, Maximilian Schell als ambitionierter Text-Bearbeiter: Schauspieler haben Hamlet auf unterschiedliche Weise interpretiert. Eine Ausstellung in München zeigt nun eine Auswahl melancholischer Dänenprinzen.

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Kinski Hamlet, Shakespeare, Theater, Deutschland

Quelle: Deutsches Theatermuseum

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Klaus Kinski allein mit Plastikschädel, Maximilian Schell als ambitionierter Text-Bearbeiter: Schauspieler haben Hamlet auf unterschiedliche Weise interpretiert. Eine Ausstellung in München zeigt nun eine Auswahl melancholischer Dänenprinzen.

Da Anfang der Sechzigerjahre kein Regisseur mit dem Ensemble-inkompatiblen Klaus Kinski den Hamlet erarbeiten wollte, entschloss sich der Unbequeme kurzerhand für eine Solo-Lösung: Im Rahmen der Deutschlandtour "Die klassischen Monologe" trug Kinski 1962 neben berühmten Szenen aus "Faust", "Don Carlos" und "Romeo und Julia" auch Hamlets zärtliches Zwiegespräch mit dem Totenkopf des Hofnarren Yorick vor. Hier tut er das mit Plastikschädel im Berliner Sportpalast. Als begnadeter "Deklamator" hat Kinski im gleichen Jahr übrigens auch eine Hörbuchfassung von "Hamlet" eingesprochen - in diesem Falle mit Ensemble.

Kainz

Quelle: Deutsches Theatermuseum

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"Hamlet ist, wenn Kainz kommt", hieß es um 1900. Zwischen 1891 bis 1909 spielte der in deutschen Kulturkreisen gerne als "größter Schauspieler der Jahrhundertwende" gefeierte Josef Kainz seine Paraderolle - erst am Deutschen Theater Berlin, später dann am Wiener Burgtheater.

Ohne Rücksicht auf tradierte Rollenklischees hinterfragte Kainz als einer der ersten Schauspieler die Psychologie des komplexen Charakters: "Mein Hamlet weiß, was er tun sollte, und sucht immer neue Ausreden vor sich selbst, um es nicht tun zu müssen", sagte er. In Sachen Ausdruck und Optik war Kainz übrigens auch Kinskis großes Vorbild. "Was für ein unvergleichlich biegsames, volltönendes, wärmendes, fortreißendes, was für ein beglückendes Instrument!" schrieb der Theaterkritiker Siegfried Jacobsohn über Kainz' Stimme.

Kortner, Fritz - Schauspieler, Oesterreich/ als 'Hamlet' (l.); Kortner

Quelle: ullstein bild

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Auch der gebürtige Wiener Fritz Kortner (l.) war ein ausgesprochener Kainz-Fan. In Leopold Jessners Inszenierung am Staatlichen Schauspielhaus Berlin von 1926 wurde der Fokus jedoch weit weniger auf Sprachmelodie und Innerlichkeit gelegt, als vielmehr auf die kontinuierliche Sezierung des korrupten Hofstaats durch den Prinzen. "Die Grammophonplatte von 'Sein oder Nichtsein' ist ausgewalzt, die Melancholie des Dänenprinzen zum Klischee geworden", sagte Jessner, der Fritz Kortner jegliche rhetorische Effektheischerei verbat, und damit die volle Aufmerksamkeit seines Publikums auf den spannenden Plot lenken wollte. Schließlich ist ja "etwas faul im Staate Dänemark."

Gründgens

Quelle: Theatermuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf

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Für Gustaf Gründgens war Hamlet - neben Mephisto - seine erklärte Lebensrolle: "Mein Leben bestand darin: Das ist der Tag vor 'Faust' und der Tag nach 'Faust', und der Tag vor 'Hamlet' und der Tag nach 'Hamlet', also einen entspannten Tag gab es ganz selten." Nachdem Gründgens den Prinzen bereits vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg auf diversen Theaterbühnen gab, inszenierte er das Stück 1963 - in den letzten Monaten vor seinem Tod - am Deutschen Schauspielhaus Hamburg schließlich selbst. Hier ist er in Ulrich Erfurths Inszenierung für die Düsseldorfer Städtischen Bühnen von 1949 zu sehen.

Schell

Quelle: Deutsches Theatermuseum München

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Für seine letzte, sehr werkgetreue Arbeit holte sich Gründgens 1963 einen frischgebackenen Hollywoodstar. Der 1962 für seine Hauptrolle in "Das Urteil von Nürnberg" mit dem Oscar und dem Golden Globe ausgezeichnete Maximilian Schell gab jedoch einen Dänenprinzen, der sich keiner großen Beliebtheit erfreute. "Diesem Hamlet fehlt die Dimension der Tiefe. Maximilian Schell verweilte in den Vorhöfen der geistigen Hamlet-Probleme", schrieb der Kritiker Johannes Jacobi. Allerdings durfte Schell sein Potenzial auch nicht recht ausspielen: "Wir hielten uns nur an den Text, und versuchten diesen so einfach wie möglich zu sprechen", berichtete Schell rückblickend.

Das Foto zeigt ihn als Hamlet in seiner eigenen Inszenierung von 1968 am Deutschen Theater in München. Und auch die kam nicht bei jedem an. So schrieb Helmut Karasek: "Gleich dreimal nennt das Programmheft Schells Namen: als Bearbeiter, als Inszenator und als Titelhelden. In der Premiere erlebte man, wie sich die drei Maximilian Schells alle nur denkbaren Steine gegenseitig in den Weg rollten."

Wildgruber

Quelle: Gisela Scheidler

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Ein bleichgeschminkter Hamlet mit Pelz, Spazierstock und Sonnenblume, wie ihn Ulrich Wildgruber 1977 am Schauspielhaus Bochum gab, das war im damaligen Theater-Deutschland dann doch ein kleiner Skandal. "Der erste 'andere Hamlet' war für mich Ulrich Wildgruber. Seine Verkörperung des Hamlet in Peter Zadeks Inszenierung 1977 galt unserer Generation als Provokation pur und Inkarnation der Revolte gegen die Werktreue, das Theater-Heiligtum der Altvorderen", schreibt Claudia Blank, Leiterin des Deutschen Theatermuseums München.

Und das glaubt man ihr gerne, wenn man Zadeks persönliche Beschreibung seines Stücks liest: 'Mein "Hamlet' 1977 in Bochum war [...] eine große expressionistische Clownerie gewesen. Das war sehr schön und hing komplett von Ulrich Wildgruber ab, er war das absolute Zentrum. Ich habe mit dem Text ziemlich rumgespielt [...]. Eine sehr freie Inszenierung, das waren eben die 70er Jahre."

Ganz

Quelle: Deutsches Theatermuseum

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Ganz anders der Hamlet, den Regisseur Klaus Michael Grüber 1982 mit Bruno Ganz in der Hauptrolle an der Schaubühne Berlin inszenierte: Sechs Stunden dauerte diese nahezu ungekürzte Monumentalfassung auf einer kahlen, überdimensioniert wirkenden Bühne mit Schauspielern in schweren, hochartifiziellen Renaissance-Kostümen. Von Interpretation und freier Herangehensweise keine Spur: Grüber ließ seine Darsteller im Grunde nur "sprechen", stellenweise gar rezitieren, aber nicht "spielen" im eigentlichen Sinne. Und so durfte auch Bruno Ganz an keiner Stelle wirklich melancholisch, verzweifelt, wütend, aggressiv oder entzückt sein - sondern nur drüber sprechen.

Mühe

Quelle: Deutsches Theatermuseum

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Seine "Hamlet"-Inszenierung von 1990 legt Heiner Müller als gewaltiges achtstündiges Doppelstück an, in dem er das Original mit seinem eigenen Stück "Die Hamletmaschine" verwob - ein nur neunseitiger Text, der die Tragödie des Intellektuellen in der sozialistischen Gesellschaft reflektiert. So geriet auch der Hamlet mit einem betont künstlich sprechenden und jede differenzierte Psychologie ausblendenden Ulrich Mühe (hinten links) in der Hauptrolle zu einer mächtigen Allegorie über den Wechsel der (Macht-)Verhältnisse in der ehemaligen DDR durch den Mauerfall.

Dass anstelle des ermordeten Vaters Hamlets schließlich der norwegische Prinz Fortinbras die Macht in Dänemark ergreift, deutete Heiner Müller später selbst im Gespräch mit Alexander Kluge folgendermaßen: "Am Schluss kommt dann der Mann, der den Geist gespielt hat (als Fortinbras zurück). Ganz simpel könnte man sagen, vorher war es Stalin, also die Vaterfigur, und am Schluss kommt die Deutsche Bank - das Prinzip freie Marktwirtschaft."

Die Ausstellung "Hamlet - Tell My Story" ist im Deutschen Theatermuseum München noch bis zum 22. Juni 2014 zu sehen.

Zudem wird die Ausstellung vom 24. Oktober 2014 bis 22. Februar 2015 im Theatermuseum Düsseldorf zu sehen sein.

© SZ.de/pfn

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