Leserbriefe:Was Kindern und was Familien hilft

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(Foto: SZ-Zeichnung: Karin Mihm)

Kindergeld, Elterngeld, Kindergrundsicherung: SZ-Leserinnen und -Leser sind unzufrieden mit dem, was die Bundespolitik dazu bietet.

"Zwei Millionen arme Kinder" vom 24. Juli, "Ein Land für Kinder?" vom 19. Juli, "Die wählen ja eh nicht" vom 18. Juli, das Interview "Renate Schmidt über: Familienpolitik" vom 8./9. Juli, "Das Elterngeld ist keine Sozialleistung" und "Kind oder Karriere" vom 6. Juli sowie "Allen nützt es" vom 5. Juli:

Jammern auf peinlichem Niveau

Was für ein unglaubliches und unglaubwürdiges Gejammer der Privilegierten! Es gibt anscheinend für Vielverdiener nichts Schlimmeres, als Geld vom Staat nicht zu bekommen, das andere (nämlich deutlich Ärmere) erhalten. Ähnliches kennt man ja auch von der Steuermoral.

Wenn nun zum Beispiel Vanessa Schobert sagt, "da (gemeint: bei Wegfall des Elterngeldes) überlegt man sich das mit dem zweiten Kind vielleicht auch noch mal", denke ich mir etwas sarkastisch: Vielleicht ist es besser für das Kind, nicht geboren zu werden, wenn die Sorge über den Wegfall eines Monatsgehaltes die Motivation für ein Kind überwiegt.

Dazu ein kleines Zahlenbeispiel: Bei einem von der Änderung betroffenen Gesamt-Bruttogehalt von gut 200 000 Euro im Jahr, also einem Monatsgehalt von circa 17 000 Euro, kann ich mit nur einem Monatsgehalt neun bis zehn Monate Elterngeld finanzieren! Den Wegfall des Elterngeldes könnte ein entsprechend verdienendes Paar also auffangen, indem sie zusammen statt 19 Monaten nur 17 Monate Elternzeit nehmen, also jeder gerade mal einen Monat weniger. Das soll also ein Grund dafür sein, kein Kind zu bekommen?

Für mich ist das eher eine Ohrfeige für Normal- und Wenigverdiener! Wenn eine Familie jammert, die mit ihrem normalen Gehalt gerade so über die Runden kommt, kann ich das nachvollziehen; wenn aber Großverdiener jammern, weil sie der Staat nicht unterstützt, wenn sogar unbezahlter Urlaub genommen wird, um die unbezahlte Elternzeit zu umgehen, kann ich nur lachen. Denn wäre es nicht sogar unsere Pflicht als wohlhabende Bürger, den Staat zu stützen und nicht umgekehrt? Wäre es nicht auch ein deutliches Zeichen von der SZ, wenn diese Änderung nur eine kleine Randnotiz statt ein "Thema des Tages" wäre?

Damit es nun nicht "der Neid auf die Großen" heißt, kurz zu meiner Familie: Wir konnten uns (mit weit weniger als 200 000 Euro Jahresgehalt) problemlos vier Kinder leisten, die wir bekommen haben, "obwohl" wir erst gar kein Elterngeld und dann nur 300 Euro monatlich erhalten haben, weil wir unsere Lebensplanung am Wohl der Kinder ausgerichtet haben und nicht daran, möglichst viel Geld vom Staat zu erhalten.

Holger Nachtigall, Sachsenried

Sinnvolle Obergrenze

Es ist kein harter Einschnitt, was jetzt beim Elterngeld geplant ist. Ab 150 000 Euro zu versteuerndes Einkommen sollen Eltern keinen Anspruch mehr auf bis zu 1800 Euro Elterngeld haben - es ist die Korrektur einer zuvor übertriebenen Sozialleistung. Und es müsste bei weitaus mehr Sozialleistungen eine Staffelung und eine Obergrenze geben. Auch das Kindergeld müsste bei einer Obergrenze aufhören. Warum bekommen in Deutschland Spitzenverdiener mit 500 000 Euro und viel mehr Jahreseinkommen oder Spitzenfußballer mit zehn, zwölf Millionen Jahresverdienst noch ein Kindergeld von 250 Euro im Monat?

André Maßmann, Duisburg

Eine Runde Mitleid

Elternpaare, die mehr als 150 000 Euro im Jahr versteuern müssen, können einem wirklich leidtun. Bisher brauchten sie pro Betreuungsmonat nur auf ein üppiges Gehalt minus 1800 Euro zu verzichten. Künftig soll es das gesamte üppige Gehalt sein. Da kann man schon mal Zweifel kriegen, ob sich Kinderkriegen noch lohnt. Warum lese ich eigentlich zig Artikel über die armen Reichen, aber vom BAföG-Kürzen keine Silbe? Ach richtig: Das betrifft ja bloß die Armen.

Ursula Walther, Herzogenaurach

Falsche Verteilung

Eine Streichung des Elterngeldes für Gutverdienende wurde durch die FDP-Sparpolitik hervorgerufen - betrifft aber die FDP-Klientel, sodass die FDP nun meutert. Paare mit zu versteuerndem Jahreseinkommen von mehr als 150 000 Euro, also mit einem Bruttoeinkommen von mehr als etwa 180 000 Euro, machen ihre Kinderplanung in Wirklichkeit nicht von dem für sie relativ geringen Elterngeld abhängig. Die FDP und auch die Union wollen, dass die von ihnen vertretene Klientel Geld bekommen soll, das eigentlich Bedürftigeren zusteht.

Wolfgang Maucksch, Herrieden

Am Geld allein liegt's nicht

Milliarden für die von Armut bedrohten Kinder, sicher eine schöne Geste. Aber die Frage bleibt, hilft das den Kindern langfristig wirklich. Man muss befürchten, eher nicht. Was dringend nötig wäre, wäre ein viel umfassenderes, grundlegendes Konzept, wie man die Chancen der Kinder - vor allem aus bildungsfernen Schichten - erhöhen könnte. Eine erschreckend hohe Zahl von Jugendlichen verlässt jedes Jahr ohne Abschluss die Schule. Eigentlich ein Skandal angesichts des Fachkräftemangels. Man weiß aus der Entwicklungspsychologie, dass die Chancen der Kinder sich deutlich erhöhen, je früher eine pädagogische Unterstützung einsetzt. Wie in anderen Ländern üblich, könnte man neben der Schulpflicht auch eine Vorschulpflicht einführen, die sich vor allem der sprachlichen und kommunikativen Kompetenz, aber auch der Themen gesunde Ernährung, Bewegung und Sport annehmen sollte. Hier wären Bund und Länder gefordert. Das genaue Konzept müsste von einem Expertengremium ausgearbeitet werden und es bräuchte viel Geld und leider auch viel Zeit. Zu lange ist das Thema von der Politik vernachlässigt worden und auch heute gibt es Widerstände. Doch für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands ist dieses Thema überlebenswichtig.

Prof. Ulrich Harsch, Hochschule Augsburg

Am Sozialhilfezipfel des Staates

Immer wieder erstaunt, dass bei Berichten über Familien und deren Schwierigkeiten meist nur an die Zeitspanne von der Elternzeit bis ins Kinder-, allenfalls Jugendalter gedacht wird. So, als ob die Ursprungseltern (jetzt sogenannte Großeltern) danach gedanklich ausgemustert und nicht mehr zur Familie und den zu bewältigenden Familienproblemen gehören würden. Die (geldwerte) Familienförderung durch sie, ihre oft jahrelangen vielartigen Betreuungs- und Unterstützungsleistungen, manchmal auch das Motivieren oder Mutmachen zu einem weiteren Kind, wird in deutschen Landen von Politikern ebenso wenig gesehen und wertgeschätzt wie die Leistung der Eltern für ihre Kinder - und für unsere Gesellschaft.

Die Schwierigkeiten und die unterlassenen Hilfeleistungen für Familien treiben inzwischen so manche in familienfreundlichere Nachbarländer. Besonders dorthin, wo Frauen auch als Mehr-Kind-Mütter im Beruf Karriere machen können. Und im Rentenalter deswegen nicht frustriert und verarmt (wie voraussichtlich in Deutschland) am Sozialhilfezipfel des Staates hängen müssen.

Annette Gümbel-Rohrbach

Unterschätzte Bedeutung

Ein erfreuliches Wiedersehen mit dieser von mir sehr geschätzten Politikerin - eine immer noch politikbegeisterte alte Frau. Renate Schmidt gehörte für mich zu den Politikerinnen, denen ich vertraute und deren Entscheidungen in der Regel für mich in Ordnung waren. Ihre Argumentation in diesem Interview ist es auch. Familienpolitik ist ein "weites Feld", wie man so sagt, vor allem ist es leider immer noch nicht das wichtigste Ressort.

Hanne Adams, Kastellaun

Lindner spart falsch

Dass der Finanzminister gerade bei der Kindergrundsicherung sparen will, zeigt, dass er keinerlei Verständnis hat für Kinderbedürfnisse. Deutschland hat keine Bodenschätze. Gute Mittelständler werden verkauft an ausländische Investoren. Was haben wir, um in Zukunft zu bestehen? Uns bleiben nur die Menschen, von welchen wir in Zukunft auch zu wenige haben. Wir sollten alles tun, um die junge Generation so gut wie möglich auf das Leben vorzubereiten, ohne Sorgen aufzuziehen, auszubilden, damit sie in Deutschland eine Zukunft haben. Wenn Kinder arm aufwachsen, werden sie sicher nicht die tragenden Säulen der deutschen Wirtschaft, der deutschen Wissenschaft werden. Wenn Lindner sparen will, dann überall, aber nicht bei den Kindern.

Axel Bock, München

Gefährlicher Ampelkurs

Die Ampelregierung entpuppt sich immer mehr als eine Regierung, die bei den Armen kürzt und die Reichen schont. Statt der benötigten zwölf Milliarden Euro gibt Finanzminister Lindner ein Sechstel frei, nämlich zwei Milliarden Euro. Dabei werden Behauptungen vorgeschoben, die empirisch längst widerlegt sind, nämlich dass das Geld bei den armen Kindern nicht ankomme. Während bei den Armen gespart wird, werden die Reichen geschont. Würde der deutsche Staat Vermögen genauso stark wie Frankreich, Großbritannien oder die USA besteuern, so hätte er jedes Jahr 120 Milliarden Euro an zusätzlichen Einnahmen. Nach einer Studie des DIW Berlin verfügt das reichste Prozent der Deutschen über 3600 Milliarden Euro oder 35 Prozent der gesamten privaten Vermögen in Deutschland. Das ist etwas mehr, als 90 Prozent der Bevölkerung zusammen haben. Es ist also genug Geld da, die Kinderarmut so zu bekämpfen, wie es am wirkungsvollsten wäre - durch eine Kindergrundsicherung. Doch eine gerechte Besteuerung der Vermögenden und Reichen wird zum Tabu erklärt. Wer wie Finanzminister Lindner durch seine Finanzpolitik die zunehmende Spaltung einer Gesellschaft vorantreibt, der sollte einen Blick nach Frankreich tun. Dort brennt es!

Prof. Dr. Franz Segbers, Konstanz

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