Im Regierungsflugzeug:Alles "unter drei"

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Im Regierungsflugzeug: Früher war Olaf Scholz gefürchtet wegen seiner kurzen Antworten. Die kann er auch heute noch.

Früher war Olaf Scholz gefürchtet wegen seiner kurzen Antworten. Die kann er auch heute noch.

(Foto: Kai Nietfeld/dpa)

Kanzler, Korrespondent und Karaoke: Warum Olaf Scholz nicht sagt, was er nicht sagt, und warum er das, was er sagt, so sagt, wie er es sagt.

Von Daniel Brössler

Es ist 2.15 Uhr, als der Kanzler endlich zu Bett geht. Um dahin zu gelangen, muss er im Zug eine kurze Strecke zurücklegen. Sie führt vom Salon des französischen Präsidenten in den eigenen und damit unausweichlich vorbei am Abteil des mitreisenden Kanzlerkorrespondenten. So erübrigt sich am nächsten Morgen die Nachfrage beim Sprecher, wie lange Emmanuel Macron, Olaf Scholz und der Italiener Mario Draghi auf ihrer historischen Reise durch die von Russland überfallene Ukraine nach Kiew noch beim Wein zusammengesessen haben. Das Transportmittel ist einem fürchterlichen Krieg geschuldet, aber aus journalistischer Sicht bietet es ungeahnte Vorteile.

Die Berichterstattung aus den Zentren der Macht ist darauf angewiesen, den handelnden Akteuren möglichst nahezukommen. In Washington befindet sich unmittelbar neben dem engen "Press Briefing Room", in dem die täglichen Pressekonferenzen der Präsidentensprecherin stattfinden, ein Raum mit winzigen Arbeitsplätzen für Journalistinnen und Journalisten, die im Weißen Haus akkreditiert sind. Zum Oval Office läuft, wer durchgelassen wird, vorbei am Kabinettsraum, nicht viele Schritte. Der Präsident der Vereinigten Staaten, der mächtigste Mann der Welt, darf sich beobachtet fühlen. Und soll es auch.

Im Kanzleramt, der überdimensionierten Waschmaschine in Berlin-Mitte, werden Journalistinnen und Journalisten normalerweise nur eingelassen, wenn eine Pressekonferenz anberaumt ist oder sie einen Termin haben. Danach wird gern gesehen, wenn sie das Kanzleramt auch wieder zügig verlassen. Ihre Texte verfassen sie für gewöhnlich in gehöriger Entfernung. Journalisten müssen nah genug ran, um aus eigener Anschauung berichten zu können, aber eben auch weit genug weg sein, um ihre Unabhängigkeit zu wahren. Wofür es allerdings weder in Washington noch in Berlin ein exaktes Maß gibt.

Zusammen abgehoben

Neulich poppte eine süffisante Whatsapp-Nachricht auf dem Korrespondentenhandy auf. "Wie war's ohne Maske im Flieger nach Toronto?", lautete der Text. Absender war ein hocherfreuter Bundestagsabgeordneter der AfD. Zuvor waren Fotos und Fernsehaufnahmen aus der Konrad Adenauer der Flugbereitschaft massenhaft in den sozialen Netzwerken verbreitet worden. Zu sehen: Wirtschaftsminister Robert Habeck und zahlreiche Journalisten auf dem Weg mit Olaf Scholz nach Kanada. Durchweg ohne Maske. Der Tenor auf Twitter war: Regierende und Reporter sind wieder mal zusammen abgehoben.

Nirgendwo, vom Sonderfall der Zugfahrt einmal abgesehen, kommen Kanzlerkorrespondenten dem Objekt ihrer Berichterstattung so nah wie auf Flügen in die Ferne. Ohne sie ist der Job nicht zu machen. Für die Redaktionen sind aus diesem Grund ein paar Plätze im Regierungsflieger reserviert. Gegen Bezahlung - und seit Beginn der Pandemie, wie für alle anderen Passagiere, nach einem negativen PCR-Test. Zwischenzeitlich wurde deshalb die Maskenpflicht aufgehoben (was zu den beanstandeten Aufnahmen führte). Diese Reisen bieten die Möglichkeit, dem Kanzler in den Kreml zu folgen oder ins Weiße Haus. In einer entscheidenden Hinsicht aber sind die Flüge selbst das Ziel.

Im Regierungsflugzeug: Ganz nah dran: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD, Mitte) spricht in einem Airbus A340 der Luftwaffe auf dem Rückflug von Moskau nach Berlin mit den mitreisenden Journalisten.

Ganz nah dran: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD, Mitte) spricht in einem Airbus A340 der Luftwaffe auf dem Rückflug von Moskau nach Berlin mit den mitreisenden Journalisten.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Angela Merkel empfing mitreisende Journalistinnen und Journalisten regelmäßig in einem kleinen Besprechungsraum im vorderen Teil des Regierungsflugzeugs. Der Raum war in der Regel zu klein, was zu beträchtlichem Gedränge auf den Sitzbänken und in der Folge zu direkter Tuchfühlung des Sitznachbarn mit der Kanzlerin führte. Ansonsten gab es für die Gespräche eigentlich nur zwei feste Regeln. Erstens: Auf dem Hinflug geht's um die Reise, auf dem Rückflug gerne auch um Innenpolitik. Zweitens: alles "unter drei". Das bedeutet, das nichts vom Gesagten zitiert werden darf. So konnte Merkel - um ein Beispiel zu nennen - frei über Donald Trump reden, ohne den sofortigen Nato-Austritt der USA zu riskieren.

Verwaschene Jeans und Schlabberpulli

Die Regel ist geblieben. Auch Olaf Scholz spricht an Bord nur "unter drei". Allerdings besucht er die Journalistinnen und Journalisten lieber im hinteren Teil des Flugzeugs. Als er dabei im Februar auf dem Flug nach Washington einen schlabbrigen, grauen Pulli und verwaschene Bluejeans trug, führte das zunächst zu ausführlichen Betrachtungen über modische Mindeststandards für dienstreisende Kanzler und dann dazu, dass Scholz die Hintergrundgespräche zwar weiterhin ohne Sakko und Krawatte, aber in aller Regel im weißen Hemd absolviert.

In die frühe Phase der Scholz-Amtszeit fällt auch die verzweifelte Frage einer Reporterin, ob der Kanzler eigentlich absichtlich so leise spreche. Unter einem moderaten Bruch der Unter-drei-Regel kann verraten werden, dass Olaf Scholz darauf keine befriedigende Antwort gegeben hat. Vor dem Erscheinen des Kanzlers bauen Mitarbeiter des Bundespresseamtes allerdings mittlerweile die "Karaoke-Anlage" (Scholz) auf. Sie besteht aus zwei Lautsprechern und zwei Mikros, einem für Scholz und einem für die fragenden Reporter.

Damals, auf der Reise nach Washington, warf der Krieg bereits seinen Schatten voraus. Olaf Scholz und Joe Biden wurden während der Pressekonferenz im Weißen Haus gefragt, ob die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 in Betrieb gehen kann, während Russland seine Truppen an den Grenzen zur Ukraine aufmarschieren lässt. "Wenn Russland zum Beispiel mit Panzern und Truppen die Grenze zur Ukraine überquert, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben", erklärte Biden. Scholz sagte nur: "Wir haben uns intensiv darauf vorbereitet, dass wir die notwendigen Sanktionen konkret ergreifen können, falls es zu einer militärischen Aggression gegen die Ukraine kommt."

"Ja, könnte ich."

Früher einmal war Olaf Scholz gefürchtet wegen seiner kurzen Antworten. Die kann er auch heute noch. Als er beim G7-Gipfel in Elmau von einer aus Polen stammenden Journalistin der Deutschen Welle gefragt wurde, ob er mehr über die geplanten Sicherheitsgarantien für die Ukraine sagen könnte, sagte Scholz: "Ja, könnte ich." Die von seinem Sprecher eingelegte Pause ließ er ungenutzt verstreichen. Olaf Scholz kann sehr stur sein. Mittlerweile äußert sich das aber eher in langen Antworten. Scholz ist dabei ein Meister der ewigen Wiederholung. Anders als Angela Merkel hält er auch nichts davon, sich rar zu machen.

In vergleichsweise kurzen Abständen gibt Scholz Interviews, tritt er auch vor die Kameras. Niemand kann seriös zählen, wie oft er dabei ausführlich dargelegt hat, wie "frühzeitig" sich die Bundesregierung "sorgfältig vorbereitet" habe auf den russischen Gas-Lieferstopp. Scholz findet, dass bestimmte Dinge nicht oft genug gesagt werden können und mindestens ebenso viele besser ungesagt bleiben. Eine Zeitlang führte er einen stillen Kampf mit den Medien um den Begriff "schwere Waffen". Mittlerweile liefert Deutschland Waffen, von denen auch Scholz gerne sagt, wie schwer sie sind.

Vielleicht noch mehr als früher ist Kanzlerberichterstattung in Zeiten von Olaf Scholz eben auch Kanzlerdeutung. Auf Flughöhe, wenn die Karaoke-Anlage läuft, geht es jedenfalls ziemlich oft darum, warum Scholz nicht sagt, was er nicht sagt, und warum er das, was er sagt, so sagt, wie er es sagt. Der Kanzler wird dann mitunter recht lebhaft und gelegentlich sagt er auch, was er von der ganzen Deuterei hält. "Unter drei", versteht sich.

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