Arbeitsmarkt:Endlich einer, der nicht nur Formeln anwenden kann

Goethe in der Uni Greifswald

Goethe-Experten mit ausgedehnter Erfahrung im Lesen schwerer Folianten werden nur selten gesucht. Aber zunehmend verlangen Firmen nach Fachkräften, die Orientierung geben können.

(Foto: David Ausserhofer/Intro:)

Der Arbeitsmarkt für Geistes- und Kulturwissenschaftler wächst: Banken, Autokonzerne und IT-Firmen bieten Jobs, Aufstieg und gutes Gehalt.

Von Tim Kummert

Wenn Thomas Martin seinem zehnjährigen Sohn von der Arbeit erzählt, sagt er: "Ich bringe Menschen zusammen, damit sie danach besser Dinge verkaufen." Für einen Historiker ist das eine ungewöhnliche Aufgabe. Wenn er Erwachsenen erklärt, was er beruflich tut, klingt das so: "Wir versuchen, die verschiedenen Abteilungen noch besser miteinander zu koordinieren, um für den Kunden bessere Angebote entwickeln zu können."

Der 51-jährige Martin arbeitet in der Abteilung Änderungsmanagement im Vertrieb der Deutschen Bahn und hat ursprünglich Geschichte und Russisch in Gießen studiert. Erst auf Lehramt, anschließend schrieb er eine Doktorarbeit über die Baumwollindustrie in Russland. Dann war Schluss: "Für mich ging es an der Uni nicht weiter, es waren keine Stellen frei."

1998 bewarb er sich am Check-in-Schalter der Lufthansa - mit Doktortitel. "Der Hintergedanke war aber schon damals: Eigentlich müsste in einem großen Unternehmen jemand mit meinen Fähigkeiten gebraucht werden", sagt er. Mit seiner Vermutung lag er richtig. "Ich wurde Trainer und 2005 schließlich Referent für Veränderungsmanagement der Produktentwicklung." Vor fünf Jahren wechselte Martin dann zur Deutschen Bahn.

In Nürnberg, am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, sitzt eine Frau, die sich über solche Karrieren schon seit einiger Zeit nicht mehr wundert: Britta Matthes ist Leiterin der Forschungsgruppe "Berufliche Arbeitsmärkte" und beobachtet Karrieren wie die von Thomas Martin seit Jahren. Matthes glaubt: "Im Moment entstehen neue Tätigkeitsfelder, weil viele Technologie-Unternehmen merken, dass die Bedienbarkeit von Programmen, Autos und Maschinen so einfach wie möglich sein muss, um möglichst viele Kunden anzusprechen."

Karrierevoraussetzung: Zusatzkompetenz

Dass ein Programm schlau programmiert sei, reiche selten aus, meint Matthes. Menschen müssten es auch bedienen können. Und zwar so, dass dafür möglichst wenig Schulung erforderlich sei. "Da geht es nicht nur um technologische Fragen. Genau hier kommen die Geistes- und Kulturwissenschaftler ins Spiel." Wichtig sei eine bestimmte Art von Zusatzkompetenz. Egal ob man die nun am Schalter der Lufthansa, beim Arbeiten unter Stress im Kontakt mit Menschen oder beim Besuch eines Programmierkurses gelernt hat.

Im Gegensatz zu den Natur- und Technikwissenschaftlern haben es die Geistes- und Kulturwissenschaftler selten mit einem klar kontrollierbaren Gegenstand zu tun. Und seit Jahrzehnten ist der Arbeitsmarkt für sie nicht besonders groß. Doch: Laut Agentur für Arbeit ging im Jahr 2015 die Zahl der Arbeitslosen im Bereich "Geistes-, Gesellschaftswissenschaften und Publizismus" am zweitstärksten zurück, nur getoppt von "Management, Handel, Finanzen, Wirtschaftswissenschaften".

In fachfremden Bereichen lässt sich mehr Geld verdienen

Ähnlich sieht es bei den Stellenangeboten aus: Das Portal Joblift sammelt die Offerten aller Online-Jobbörsen und wertet sie aus. Für die Geisteswissenschaften stieg die Zahl der Ausschreibungen in den letzten 24 Monaten um 17 Prozent an. Zum Vergleich: Im Bereich der Wirtschaftswissenschaften waren es 14 Prozent. Insgesamt gibt es für Bewerber mit BWL-Abschluss immer noch weitaus mehr Angebote. Aber der Markt für Geistes- und Kulturwissenschaftler verbreitert sich - und zwar längst nicht nur im Bereich Marketing und PR.

Eine, die davon profitiert, ist Susanne Gildehaus. Die 30-Jährige sitzt am Flughafen von Peking, wartet auf ihren Flug nach Seoul und schildert ihren Arbeitstag: "Heute Vormittag habe ich Daten von Elektrofahrzeugen aus China eingelesen. Wir schauen, wie sich diese Fahrzeuge durch den Verkehr in Peking bewegt haben. Heute Nachmittag hatten wir dann einen Erfahrungsaustausch mit Big-Data-Professionals anderer Firmen aus China."

Gildehaus arbeitet als Big-Data-Scientist bei einer Außenstelle des Autobauers Daimler in Peking. Ihr Job ist es, große Mengen von Daten zu analysieren und passende Algorithmen dazu zu schreiben. In Kiel hat sie Psychologie studiert, im weitesten Sinne ebenfalls eine Kulturwissenschaft. Es war "das einzige Fach, das mich gereizt hat". Nach dem Vordiplom folgte das erste Praktikum bei Daimler.

Info

Wenn Geisteswissenschaften in herkömmlichen Berufen arbeiten, verdienen sie im Schnitt deutlich weniger als Absolventen von Ingenieur- oder Wirtschaftswissenschaften. Das ändert sich auch im Laufe ihrer Berufsbiografie nicht. Wie Auswertungen der Datenbank Gehalt.de zeigen, ist der Abstand auch noch nach Jahrzehnten groß. Während Geisteswissenschaftler mit 33 000 Euro ins Berufsleben einsteigen, erzielen Ingenieurwissenschaftler 49 000 Euro und Wirtschaftswissenschaftler 43 000 Euro im Jahr. Anders sieht es aus, wenn Geisteswissenschaftler Führungspositionen einnehmen oder in fachfremden Bereichen Fuß fassen.

Gildehaus hat beobachtet, dass sich seit einiger Zeit im Unternehmen etwas ändert: "Mittlerweile findet bei Daimler ein Umdenken statt. Das liegt daran, dass amerikanische Firmen wie Amazon und Facebook auf dem globalen Markt immer wichtiger werden und der amerikanische Gedanke auch bei deutschen Unternehmen um sich greift: Es ist nicht mehr so wichtig, was man studiert hat, sondern vor allem, was man heute kann."

Von Marketing bis Top-Management ist vieles möglich

Sie selbst lernte nach dem Studienabschluss das Programmieren, fand Gefallen daran - und war damit wie geschaffen für ihren heutigen Job, in dem sie beides verknüpfen muss: Daten sammeln, mithilfe von Algorithmen durchforsten und die Ergebnisse interpretieren: "Von meinem Studium habe ich vor allem die Art zu denken mitgenommen: Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, nicht nur Formeln anzuwenden. Und den Blick für das Ganze nicht zu verlieren."

An deutschen Hochschulen ist laut Statistischem Bundesamt etwa jeder fünfte Student in einer Geistes- oder Kulturwissenschaft eingeschrieben. Das Spektrum ist groß und reicht von Anthropologie über Germanistik und Philosophie bis zu Zentralasien-Studien. Für Britta Matthes kein Grund, sich entmutigen zu lassen: "Geisteswissenschaftler müssen sich heute stärker interdisziplinär aufstellen, um in verschiedenen Gebieten anzukommen. Statistik oder Programmieren zu beherrschen ist gut. Auch ein Job in der Unternehmensberatung funktioniert nicht ohne gewisse handwerkliche Fähigkeiten. Hat man die aber, kann man getrost sagen: Es gibt in den Unternehmen wohl nicht viele Bereiche, in denen Geisteswissenschaftler nicht unterkommen können."

Auch in Branchen, in denen bislang fast keine Geisteswissenschaftler arbeiten, tun sich Möglichkeiten auf. Tobias Gerlach arbeitet bei der deutschen Niederlassung von Barclaycard, einer britischen Privatbank. Wer mit Gerlach spricht, merkt: Er sieht für Geisteswissenschaftler in seiner Branche ein großes Potenzial: "In vielen Unternehmen ist zu beobachten: Die Spezialisten und Fachexperten blockieren sich oft gegenseitig. Da können Geisteswissenschaftler helfen, und zwar nicht nur in der Marketingabteilung. Sie können Fachbereiche miteinander verbinden und eine abgestimmte unternehmerische Agenda mitgestalten - bis hin zum Top-Management. Das gilt natürlich auch für Banken", sagt Gerlach. Wer Energie und Kreativität aufbringt, könne auch als Geistes- oder Kulturwissenschaftler bei Finanzinstituten Karriere machen.

Breit denken können hilft bei Management-Aufgaben

Hans-Joerg Stotz hat auf eine andere Art Karriere gemacht. Er arbeitet heute als Manager für den Softwarekonzern SAP. Gerade ist er in Graz, er ist beruflich unterwegs, im Hintergrund hört man laut Vögel schreien. Der 49-Jährige hat Philosophie und Kunstgeschichte in Tübingen studiert, ging dann für einige Zeit in die USA und bewarb sich Anfang der Neunzigerjahre vor der Dotcom-Blase auf Stellen in Digital-Unternehmen. "Da öffnete sich für einige Zeit ein Fenster, das Geisteswissenschaftler in Unternehmen spülte - ich gehörte dazu."

Stotz profitierte vom Mangel an IT-Kräften, die Unternehmen brauchten Leute, die sich schnell umschulen ließen. In einem viermonatigen Kurs lernte er das Programmieren und stieg vor einigen Jahren bei SAP auf: "Was für meinen Job damals als verantwortlicher Produktmanager wirklich gezählt hat, war, dass ich sehr breit denken konnte. Das war die Qualifikation, die ich für Management-Aufgaben brauchte."

Auch heute sieht er für junge Menschen bei sich im Betrieb diverse Möglichkeiten: "Geisteswissenschaftler haben durchaus zunehmend Chancen in Softwareunternehmen. Sie müssen bereit sein, interdisziplinär zu denken und zu arbeiten", sagt Stotz. "Und sie dürfen sich während des Studiums eben nicht nur mit den engen Inhalten ihres Faches beschäftigen."

© SZ vom 19.08.2017/lho
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