Ernährung:Manuel Uribe schaffte es mit 560 Kilogramm ins Guinness-Buch der Rekorde

Weltweit sind heute mehr Menschen fettleibig als unterernährt, mehr als 640 Millionen Menschen. In fast allen Ländern Lateinamerikas, des Nahen Ostens und Nordafrikas ist mindestens ein Drittel der Erwachsenen zu dick. Selbst in Kenia, wo im vergangenen Sommer Teilen der Bevölkerung eine Hungersnot drohte, sind 25 Prozent der Bevölkerung übergewichtig.

Übergewicht allein kann die Lebenserwartung um sechs bis sieben Jahre senken. Hinzu kommt, dass manche Bevölkerungsgruppen in Lateinamerika besonders ungünstige Genmutationen mit sich herumtragen. Diese halfen früher, Fett im Körper besonders effizient anzulegen, um Hungerphasen zu überleben. Heute erhöhen sie durch die Fettansammlung um Herz und Leber das Risiko für Diabetes. Die Körperzellen der Übergewichtigen sprechen bald nur noch schlecht auf das Hormon Insulin an. Und bei einem Typ-2-Diabetes verdoppelt sich ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Halten sich die Patienten nicht strikt an ihre Therapie, drohen Erblindung, Nervenleiden und Amputationen, Nierenerkrankungen bis hin zur Dialyse. Davor hatte die Polizistin Laura Canseco große Angst. "Ich weiß aus meinem Bekanntenkreis, wie schlimm die Folgen von Übergewicht sein können", sagt sie. In Mexiko ist Typ-2-Diabetes die zweithäufigste Todesursache.

Im September 2011 beriefen die Vereinten Nationen eine Sonderkonferenz ein, unter anderem um sich dem Thema Übergewicht und den Folgeerkrankungen in Ländern niedrigen und mittleren Einkommens zu widmen. "Das war ein enormer Fortschritt", sagt Homero Martinez, bis vor Kurzem Wissenschaftler am renommierten RAND-Institut in Los Angeles.

"In Entwicklungsländern bekommen viele Patienten mit Diabetes keine Behandlung - weil sie sich keine leisten können"

Innerhalb nur einer Generation ist die Fettleibigkeit zu einem gigantischen Problem herangewachsen. Die Regierungen sind auf die neue Situation nicht vorbereitet, und viele von ihnen haben weder die politische noch die finanzielle Schlagkraft, um das Übergewicht und seine gesundheitlichen Folgen wie Diabetes mellitus oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen erfolgreich zu bekämpfen. Allein die Folgen von Diabetes mellitus kosten die Länder Lateinamerikas und der Karibik jährlich schätzungsweise 65 Milliarden Dollar, zwischen zwei und vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts und zwischen acht und 15 Prozent des nationalen Gesundheitsbudgets.

Und die finanzielle Belastung wird weiter zunehmen, auch für den einzelnen Menschen. "In Entwicklungsländern bekommen viele Patienten mit Diabetes gar keine Behandlung - weil sie sich keine leisten können", sagt der amerikanische Epidemiologe Barry Popkin. In Indien etwa müssen die Patienten bis zu ein Viertel ihres Haushaltseinkommens für ihre Behandlung ausgeben. In Bangladesch entsprechen die Kosten einem durchschnittlichen Jahresgehalt. Und in vielen Ländern steht schlicht kein Insulin zur Verfügung.

Als wäre Übergewicht ansteckend, schwappte das Gesundheitsproblem vom mächtigen Nachbarn im Norden nach Mexiko über. Schon vor Jahren haben US-amerikanische Investoren den lateinamerikanischen Staat überrollt, beschleunigt durch das 1994 geschlossene nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta. Auch mithilfe dieses Abkommens haben amerikanische Supermärkte mit ihrem Convenience Food die traditionellen Märkte mit frischer Ware verdrängt. "Nafta hat die Verfügbarkeit und den Konsum von kalorienreichen Lebensmitteln erhöht", sagt der Epidemiologe Barry Popkin. Im Jahr 1985 eröffnete die erste McDonald's-Filiale in Mexiko. Inzwischen lassen sich manche Kunden sogar dort trauen. Marisela Matienzo und Carlos Muñoz etwa gaben sich nahe der Stadt Monterrey am 26. November 2010 das Ja-Wort, es war die erste Hochzeit in einer lateinamerikanischen Filiale der Fast-Food-Kette überhaupt. Das Hochzeitsbuffet bestand aus Spezialitäten wie Big Macs, Chicken Nuggets und Pommes.

Das Hochzeitsbuffet bestand aus Big Macs, Chicken Nuggets und Pommes

Auch der zwölfjährige Luis Ángel aus Mexiko-Stadt ging früher jedes Wochenende mit seinen Großeltern zu McDonald's. Cajita Feliz heißt das Kindermenü in Mexiko, es birgt satte 637 Kalorien. "Die habe ich immer bekommen, wirklich immer!", sagt der Zwölfjährige. Ein rundes Kind gilt in Mexiko noch immer als gesund; liebevoll nennen die Großeltern den Jungen "gordito", Dickerchen. Donuts, Schokolade, Pfannkuchen setzten sie Luis Ángel regelmäßig vor, drängten den dunkelhaarigen Jungen mit dem breiten, freundlichen Gesicht, kräftig zuzulangen. Mexikaner essen im Durchschnitt 19,9 Kilogramm Kuchen und Törtchen pro Jahr, kein anderes Volk vertilgt eine vergleichbare Menge.

Selbst im großzügig angelegten Chapultepec-Park im Herzen von Mexiko-Stadt fällt es schwer, den Angeboten der Straßenhändler zu entgehen; deren Stände drängen sich auf den asphaltierten Wegen. Sie locken mit Zuckerwatte, mit Eis, und für einen Euro können die Familien Chicharrón kaufen, in Fett frittierte Schweinehaut, nach Belieben noch mit einer Portion Schmand dazu. Sogar die Tortillafladen der Straßenhändler triefen von Fett.

Heute können die Verkäufer sich das leisten, denn durch technische Fortschritte in der Produktion sind die Preise für pflanzliche Öle dramatisch gesunken. Eine Studie ergab, dass zum Beispiel in China der Konsum von Pflanzenölen von 14,8 Gramm pro Person im Jahr 1989 innerhalb von 15 Jahren auf 35,1 Gramm angestiegen ist. Allein die Pflanzenöle haben den Chinesen pro Tag und Kopf 183 Kalorien mehr eingebrockt. Und nur 100 Extrakalorien am Tag genügen langfristig, um überflüssigen Speck an Hüfte und Bauch zu produzieren. Wer im Alter von 20 Jahren 70 Kilogramm wiegt, bringt durch die tägliche Extraportion 20 Jahre später 80 bis 90 Kilo auf die Waage. "Es ist sehr einfach, an Gewicht zuzunehmen", sagt Juan Rivera, Leiter des Mexikanischen Forschungszentrums für Ernährung in Cuernavaca und einer der führenden Experten des Landes.

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