bedeckt München 21°

Digitalkonferenz Republica:Was Sie tun können, um das Netz nicht den Rechten zu überlassen

FPÖ Österreich Kurz Strache

Im Dezember 2017 protestiert ein Mann in Wien gegen Kanzler Sebastian Kurz und Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ), die an diesem Tag die Regierung in Österreich übernehmen.

(Foto: AFP)
  • Nationalisten und Rechtsextreme geben im Netz häufig den Ton an.
  • Auf der Digitalkonferenz Republica in Berlin erläutert die österreichische Autorin Ingrid Brodnig die Ursachen.
  • Die Publizistin nennt drei Gründe für den Erfolg der Rechten - und gibt Demokraten drei Ratschläge, um den digitalen Diskurs zurückzuerobern.

Ende der 90er-Jahre erschienen zwei Werbespots, die aus heutiger Sicht absurd wirken. " Bin ich schon drin oder was?", fragte Boris Becker, um für AOL zu werben. In einem anderen Clip schwärmte der US-Internetprovider MCI: " Es gibt keine Rassen, keine Geschlechter, kein Alter." In diesem Paralleluniversum seien alle Menschen gleich. "Eine Utopie? Nein, das Internet."

20 Jahre später fühlen sich beide Videos so alt an, wie sie tatsächlich sind: aus dem vergangenen Jahrtausend. Nur noch Digitalskeptiker wie Manfred Spitzer unterscheiden zwischen (gutem) Offline- und (vermeintlich bösem) Online-Leben. Und wer sagt, dass im Internet äußerliche Merkmale keine Rolle mehr spielten, wird ausgelacht.

Digitale Gesellschaft "Meinungsfreiheit bedeutet nicht, jedem ein Mikrophon zu geben, der eine Meinung hat"
Chelsea Manning auf der Republica

"Meinungsfreiheit bedeutet nicht, jedem ein Mikrophon zu geben, der eine Meinung hat"

Sieben Jahre saß sie im Gefängnis, jetzt tritt Whistleblowerin Chelsea Manning erstmals in Deutschland auf. Auf der Republica erklärt sie, warum sie kein Vorbild sein will.   Von Simon Hurtz

Das Netz gilt vielen als Tummelplatz der Nationalisten, als Forum, in dem Rassismus und Nationalismus gedeihen. Donald Trump in den USA, die FPÖ in Österreich und die AfD in Deutschland, sie alle mobilisieren ihren Unterstützer stark über soziale Netzwerke. Rechte und Rechtsextreme fühlen sich im Internet verdammt wohl. Sie nutzen das Medium geschickt, um ihre Ideologie zu verbreiten.

"Mich interessiert die Frage: Was machen die Rechten richtig?", sagt Ingrid Brodnig. Die österreichische Autorin und Journalistin untersucht seit Jahren, wie Populisten das Internet als Plattform für Propaganda missbrauchen. "Warum sind die Rechten so hip im Netz?" hat sie ihren Vortrag auf der Digitalkonferenz Republica in Berlin genannt. Darin präsentiert sie drei Gründe für den Erfolg der rechten Netzbewegungen - und gibt drei Tipps, was Demokraten tun können, damit das Internet nicht zu einem Ort wird, in dem Wut und Hass den Ton angeben.

Warum die Rechten den digitalen Diskurs dominieren

1. Wer laut schreit, gewinnt

Das Internet sei nicht der Grund, warum sich Menschen von rechten Ideologien angesprochen fühlten, sagt Brodnig. "Aber es hat uns auch nicht geholfen, Rassismus zu überwinden, im Gegenteil." Die Strategie der Rechten passe gut zur Art, wie im Netz über Politik diskutiert werde. Sie vertrauten auf Emotionen, suchten Sündenböcke und setzten Verschwörungstheorien in die Welt. Das sei genau die Art der Kommunikation, die Menschen online mitreiße.

Wut bringt Menschen zum Klicken. Eine Studie des Politologen Timothy Ryan zeigt, dass politische Werbung umso besser funktioniert, je emotionaler sie ist. Wenn Parteien oder Kandidaten versuchen, mit Anzeigen Wut oder Empörung zu schüren, erhöhen sich die Erfolgsaussichten signifikant. Datenwissenschaftler Josef Holnburger hat fast zwei Millionen Reaktionen auf die Facebook-Postings deutscher Parteien analysiert. Die AfD löste mehr Reaktionen aus als alle anderen Parteien zusammen - und in mehr als der Hälfte der Fälle wählten die Nutzer das "Wut"-Emoji.

Emotionale Beiträge verbreiten sich in sozialen Medien also schneller als sachliche Argumente. Das wiederum setzt eine Kettenreaktion in Gang: "Der Algorithmus bewertet die Klicks als Relevanzsignal", sagt Brodnig. Facebook und andere Plattformen priorisieren Inhalte, die in kurzer Zeit oft kommentiert, gelikt oder geteilt werden. Dann bekommen sie noch mehr Menschen in ihren Timelines angezeigt, und das Posting beginnt, "viral zu gehen".

2. Rechte nutzen moderne Medien als Propagandamaschinen

"Moderne Medien haben nichts mit einer modernen Geisteshaltung zu tun", sagt Brodnig. Seit jeher hätten nationalistische Gruppierungen Technologie als Möglichkeit gesehen, um ihre Ideologie zu verbreiten. Die Nazis ließen professionelle Propagandafilme drehen, auch der Ku-Klux-Klan begeistert sich für neue Technik.

"Ich glaube, dass das Internet eine Kettenreaktion rassischer Aufklärung auslösen wird, die die Welt durch das Tempo ihres intellektuellen Siegeszugs erschüttern wird", schrieb der ehemalige KKK-Führer David Duke im Jahr 1998 - in einer Zeit, zu der AOL noch Internet-CDs verteilte und MCI von einem Netz ohne Rassismus träumte. "Die Rechten haben viel früher erkannt, wie sie das Internet für ihre Zwecke instrumentalisieren können", sagt Brodnig. Die sogenannte "Neue Rechte" sei nur ein Marketingtrick: "Neu ist daran gar nichts. Sie verkaufen altes Gedankengut und kleiden es in ein hippes Gewand." Das mache die Ideologie für junge Menschen so anschlussfähig.

Der Facebook-Faktor Sieben Dinge, die ich in der rechten Facebook-Echokammer gelernt habe
Das Beste aus 2017
Facebook

Sieben Dinge, die ich in der rechten Facebook-Echokammer gelernt habe

Ende 2015 erstellte unser Autor ein zweites Facebook-Profil. "Tim" öffnete ihm die Tür zu einer Parallelwelt, die ihn zwischenzeitlich an seinen Überzeugungen zweifeln lässt.   Von Simon Hurtz

Rechte lehnten sich gegen das vermeintliche Dogma der politischen Korrektheit auf. "Das verkaufen sie als rebellischen Akt - ein genialer Schachzug", sagt Brodnig. Bewegungen wie den Identitären sei es gelungen, sich im Internet als moderne Widerstandskämpfer zu inszenieren. "Sie planen gerade eine App namens 'Patriot Peer', mit der man Gleichgesinnte finden kann. Das soll ein Wir-Gefühl schaffen uns die Szene verbinden."

Mit Mems wie dem Frosch Pepe ermöglichten Rechtsextreme niederschwelligen Zugang zu ihrem Gedankengut. "Sie haben einen harmlosen Frosch in ein Hasssymbol verwandelt", sagt Brodnig. Das zeige, wie Rechte sich Netz- und Popkultur aneigneten. "Es gibt keinen Pepe der Demokraten, kein Mem, das für Progressivität steht."

3. Wiederholung wirkt. Wiederholung wirkt. Wirklich.

Alle vier Jahre sind plötzlich alle Politiker netzaffin. Sobald eine Wahl ansteht, twittern sie fast so eifrig wie Donald Trump und setzen einen Facebook-Post nach dem anderen ab. Spätestens, seit Obama 2008 für seine Digitalstrategie gefeiert wurde, weiß schließlich jeder: Dieses Internet sollte man nicht ignorieren. Doch sobald alle Stimmen ausgezählt sind, schwindet die Begeisterung für soziale Medien oft genauso schnell, wie sie gekommen ist.

Allerdings nur bei einem Teil der Politiker: "Rechte sind viel beharrlicher", sagt Brodnig. "Parteien wie die AfD arbeiten kontinuierlich, während andere abtauchen, sobald der Wahlkampf vorbei ist." Rechtspopulisten hätten verstanden, dass es Ausdauer brauche, um erfolgreich im Netz zu kommunizieren. So startete die FPÖ bereits 2012 einen eigenen Youtube-Kanal, um selbst Inhalte zu produzieren und sie auf Facebook zu teilen. "Damit können sie ihre Botschaften immer wieder unters Volk bringen und sind nicht auf Medien angewiesen."

Rechte Politiker sind nicht nur dauerhaft präsent, sondern wiederholen auch unaufhörlich die gleichen Mantras. "Damit verschieben sie die Debatte", sagt Brodnig. Wenn die AfD etwa immer wieder von kriminellen Flüchtlingen spreche, dann führe dieses sogenannte Framing dazu, dass viele Menschen die beiden Begriffe unwillkürlich miteinander assoziierten. "Rechte Frames sind tief in unsere Gesellschaft vorgedrungen", sagt Brodnig. "Das zeigt sich schon in Talkshows: Ständig diskutieren wir die Frage, wie schlimm politische Korrektheit ist. Warum reden wir nicht darüber, wann sie sinnvoll sein kann?"