Internet 4chan, das düstere Reich des Frosches

Vom satirischen Comic zum Hass-Symbol: "Pepe der Frosch".

(Foto: Matt Furie)

Auf der Webseite entlädt sich die kreative Energie junger Männer. Aber auch ein Mörder präsentierte sein Opfer - und eine Comic-Figur wurde zum Anführer von Trumps Online-Soldaten.

Von Philipp Bovermann

Das sogenannte politische Establishment steht unter Beschuss. Die Gegner sind vielfältig. Der sonderbarste, aber beileibe nicht der ungefährlichste von ihnen ist Pepe der Frosch. Er steht auf dem Plakat eines Actionfilms, bei dem jemand mit dem Bildbearbeitungsprogramm Photoshop die Köpfe einer martialischen Kriegerformation durch diejenigen von Trumps Wahlkampfteam ersetzt hat, direkt hinter dem blonden Haupthaarschopf. Pepe sticht heraus. Nicht nur, weil er ein Cartoon ist.

Im Vergleich zum Rest der Truppe wirkt er aufgeräumt: Breitmaul-Lächeln, maliziöser Schlafzimmerblick. Er könnte auch Europa noch gefährlich werden, denn er repräsentiert eine digitale Schlägertruppe: die Alt-Right-Bewegung, die Grenzen zwar für den größtmöglichen Segen hält, vor ihnen aber nicht haltmacht.

Sie hat sich auf der Plattform 4chan.org formiert, dem, wie manche sagen, bösen Stiefbruder von Facebook. Andere nennen es "das Arschloch des Internets". Dort hat beispielsweise jüngst der mutmaßliche Doppelmörder Marcel H. ein Foto von der Leiche eines seiner Opfer hochgeladen, und zwar vor johlenden Kommentarspalten. Der stolz grinsende Marcel H. mit den blutverschmierten Händen war zu finden neben Anime-Pornos, harmlosen Diskussionen über Computer-Hardware und eben Pepe dem Frosch. Er ist so etwas wie das inoffizielle Maskottchen der verschworenen Gemeinde, die sich auf 4chan trifft.

"Fühlt sich gut an, Mann."

Zum ersten Mal tauchte er aber 2005 auf, zwei Jahre nach dem Start der Plattform, die als Forum für Animationsfilme begann. Dort pinkelt der Frosch in einem Cartoon mit entblößten Hintern im Stehen und sagt dazu "Fühlt sich gut an, Mann." So sehen sich die Nutzer von 4chan selbst gerne, als Computernerds und Geeks: halb Menschen, halb Frösche. "Weirdos", die trotzig darüber scherzen, dass sie alle noch im Keller ihrer Eltern leben.

Auf der Suche nach der großen Porno-Verschwörung

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Sie nennen sich "/b/tards" - das ist eine Verballhornung des englischen "retard", also "behindert", und der berüchtigten Sektion /b/ von 4chan, die für "Random" vorgesehen ist, also "Alles Erdenkliche". In ihr ist alles erlaubt, was im elterlichen Keller keiner mitbekommt und nicht explizit gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten verstößt. Die Kommunikation findet anonym statt, anders als auf den großen Social-Media-Plattformen, die das Verhalten der Benutzer protokollieren und sie ermutigen, es in "Profilen" selbsttätig zu verdichten. Zwar werden auf 4chan bis zu einer Million Beiträge pro Tag veröffentlicht, von angeblich mehr als 27 Millionen Nutzern pro Monat; aber wer diese sind, darüber lässt sich nur spekulieren.

Der Schutz der Anonymität hat nicht nur zu einer gewaltigen Eruption spezieller Pornografie geführt, sondern auch von kreativen Energien. 4chan ist einer der Ursprünge der "Meme", die heute das Netz überschwemmen, also der Internetinhalte, die durch massenhafte und schnelle Verbreitung ein Eigenleben entwickeln. Dort setzt sich nur durch, was möglichst viel Aufmerksamkeit erregt. Das Forum schiebt Diskussionen auf der Seite nach oben, sobald jemand darauf reagiert. Gibt es keine Antworten, rutscht der Beitrag immer weiter nach unten, bis er gelöscht wird. Ein Archiv existiert nicht.

Den Obertroll haben sie ins Weiße Haus gehackt

Die Plattform verhalte sich insofern genau wie das Internet, aber "härter, besser, schneller, stärker", schrieb der Autor Cole Stryker im Jahr 2011 begeistert. Man könnte sagen: 4chan ist der Turbokapitalismus im Reich der Ideen. Seine Währung sind "lulz", schadenfreudige Lacher. Hier darf jeder so krass sein, wie er will, es ist ja alles anonym; andererseits muss er es sogar, wenn sein Post nicht absaufen soll.

So wurde 4chan für eine Generation von Computernerds, die sich gegenseitig mit "Sup fags" ("Was geht, Schwuchteln?") begrüßen, zu einem Trainingscamp für den Verteilungskampf um Aufmerksamkeit im Internet. Es belohnt größtmögliche Übergriffigkeit, als Gegenleistung fordert es den Fotobeweis. Es feierte den anonymen Helden, der einen Totenschädel aus den Pariser Katakomben klaute und zu Hause seinen Penis hineinsteckte. Oder den Burschen, der sich, weil /b/ es verlangte, einen Teil seines großen Zehs abhackte.

Regeln wie in "Fight Club"

So etwas schweißt zusammen. Im Jahr 2007 entstand ein Regelwerk "für das Internet", dessen erster Punkt lautet: "Sprich nicht über /b/." Der zweite: "Du sprichst NICHT über /b/." Bis dahin war das ein adaptiertes Zitat aus Chuck Palahniuks Roman "Fight Club", also offenbar ein Scherz, aber es entsprach der Logik von /b/, einen geheimen Club mit terroristischer Absicht zu bilden. Jene Benutzer, die auf 4chan ihre Posts nicht namentlich unterschreiben, also fast alle, nennt das System "Anonymous". Punkt drei und vier der "Internet-Regeln" lauten: "Wir sind Anonymous. Wir sind Legion."

Unter diesem Namen formierte sich ein Hacker-Kollektiv, das ab 2008 Schlagzeilen machte, als seine Mitglieder mit grinsenden Guy-Fawkes-Masken auftraten und etwa Scientology zu terrorisieren begannen, weil die Sekte ein peinliches Video von Tom Cruise gelöscht hatte. Die Masken hatten sie aus dem Film "V wie Vendetta", ihre libertären Ziele von dem, wofür /b/ steht: radikale Informationsfreiheit ohne moralische oder politische Rücksichten.

Die selbsternannte Titelseite des Internets

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Schon zuvor hatten /b/tards begonnen, sogenannte "raids" (Überfälle) zu organisieren, um kollektiv auf anderen Seiten zu "trollen", also zu stören und herumzupöbeln - und dabei natürlich nicht zu verraten, dass /b/ dahinter steckt. Vor allem ein bestimmter Angriff verriet Details über die Sozialstruktur dieses Teils der Netzkultur. Die Rede ist von "Gamergate".

Es begann im Jahr 2014 als eigentlich läppische Kontroverse. Der verprellte Liebhaber einer Computerspiele-Entwicklerin behauptete, diese würde mit einem Games-Journalisten schlafen, im Austausch für geneigte Rezensionen. Das ließ sich zwar nicht untermauern, war aber ohnehin nur der Aufhänger. Im Grunde ging es um Frauen, die, so der Vorwurf, "spielerfeindlich" seien, weil sie die erniedrigende Darstellung von Frauen anprangerten. #Gamergate witterte eine feministische Verschwörung und schlug mit all der Härte zurück, die insbesondere Frauen, wie jüngst die Autorin Stefanie Sargnagel, im Netz oft erleben. Es gab Morddrohungen.