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Waldkraiburg:Attentäter ist "eine narzisstische Persönlichkeit"

Attacke gegen türkischen Imbiss in Waldkraiburg

Bei einem Dönerladen in Waldkraiburg soll der Verdächtige die Scheibe eingeschlagen haben.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Die Polizei Waldkraiburg ermittelt die Hintergründe der Anschläge gegen türkischstämmige Ladenbesitzer. Der 25-jährige Verdächtige genoss offenbar die Aufmerksamkeit.

Wer mitten in der Nacht ein Haus anzündet, in dem 27 Menschen schlafen, ist offenkundig zu allem entschlossen. Er sei ein "Anhänger und Kämpfer des IS und würde sein Leben dafür opfern" - so hat es der Mann den Ermittlern nach deren Worten selbst gesagt. Und doch richteten sich die Anschläge dieses selbst erklärten Kämpfers des "Islamischen Staats" in erster Linie gegen Menschen, die er für Glaubensbrüder hätte halten können.

Der türkische Gemüseladen im Erdgeschoss des Wohnhauses in Waldkraiburg ist in der Nacht auf 27. April völlig ausgebrannt, sechs Menschen wurden verletzt. In den zwei Wochen zuvor hatte der Mann zweimal Fensterscheiben eingeworfen und eine stinkende Substanz vergossen, in einem türkischen Friseurladen und einer türkischen Pizzeria. Aus "Hass auf Türken, die gut hier in Deutschland integriert sind und sich arrangiert haben mit unserer Lebensweise", wie es Innenminister Joachim Herrmann am Montag formuliert.

Der 25-Jährige ist im Landkreis Altötting geboren, dort zur Schule gegangen, und laut Herrmann schien er "gut integriert" zu sein. Vor sieben Jahren habe er die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und die türkische zurückgegeben. Nach einer Lehre im Einzelhandel hatte der Mann verschiedene Jobs, für eine Zeitarbeitsfirma soll er in einem Chemiewerk gearbeitet haben, doch in den vergangenen Monaten war er ohne Arbeit. Fotos zeigen einen schlanken jungen Mann mit raspelkurzen Haaren und fast noch kürzerem Vollbart.

Der Mann habe "versucht, sich dem IS irgendwie anzuschließen", heißt es von den Ermittlern, die ihn eher für einen Einzelgänger halten. Ob er sich in den vergangenen Jahren allein vor dem Computer radikalisiert hat oder doch Teil einer Gruppe war, wissen sie noch nicht sicher. Seine Familie habe ihn von seinen immer radikaleren Ansichten abbringen wollen, es sei zu Konflikten gekommen.

Als er schließlich am Freitagabend am Mühldorfer Bahnhof von Beamten der Bundespolizei erwartet wurde, weil er der Zugbegleiterin in der Regionalbahn keine Fahrkarte hatte vorweisen können, da hatte er in einem Rollkoffer und einer Sporttasche zehn wohl selbst gebaute Rohrbomben und 20 Kilogramm einer bombenfähigen Chemikalie dabei. Weitere zehn Kilo und 13 Rohrbomben fanden sich in einem Auto in einer Tiefgarage in Garching an der Alz, wo er die nur 14-minütige Bahnfahrt angetreten hatte.

Die Bundespolizisten wollten ihn mit auf die Wache nehmen, weil bei einer Datenabfrage zwei kleinere Geldstrafen wegen Marihuanakonsums aufschienen. Weil er darum bat, das schwere Gepäck zurücklassen zu dürfen, interessierten sich die Beamten erst recht dafür. Das mit den Rohrbomben hat er ihnen dann gleich selbst erklärt. Und auch bei den Ermittlern der inzwischen 50-köpfigen Sonderkommission zu den Anschlägen bezeichnete er sich schnell als "Bombenleger von Waldkraiburg", gestand alle Anschläge, erzählte Dinge, die nur der Täter wissen konnte, und gab überhaupt bereitwillig Auskunft über sich und den IS. "Aus meiner Sicht handelt es sich um eine narzisstische Persönlichkeit, die die Wahrnehmung genoss", sagt Soko-Leiter Hans-Peter Butz. "In seiner Vorstellung waren die Taten für ihn etwas, das sein persönliches Ego positiv angesprochen hat."

Warum der Mann trotz seines Rohrbombenarsenals und trotz der Pistole, die in seiner Waldkraiburger Wohnung gefunden wurde, in der Nacht auf den 6. Mai wieder zu einem Stein und stinkender Flüssigkeit griff, um gegen einen Kebabladen seinen vierten Anschlag zu verüben, erklärte er den Ermittlern damit, dass ihm ein weiterer großer Anschlag zu aufwendig gewesen sei. Das habe ihm "gerade zu viel Mühe gemacht", wie es Soko-Leiter Butz formuliert - zumal der Mann wegen der Marihuana-Delikte seinen Führerschein hatte abgeben müssen. Gleichwohl habe der 25-Jährige nach eigenen Angaben in naher Zukunft weitere Anschläge begehen wollen, ohne konkretere Pläne zu offenbaren. Ob die Zugfahrt mit zehn Rohrbomben, aber ohne Ticket, welche die seit Wochen intensiv ermittelnde Polizei zufällig auf seine Spur gebracht hat, unmittelbar zu einem neuen, diesmal womöglich tödlichen Anschlag führen sollte, ist offen.

© SZ vom 12.05.2020/kafe
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