Immaterielles Welterbe:Traditionelles Bewässerungssystem könnte bald auf Unesco-Liste stehen

Immaterielles Welterbe: Der Wässerer Jürgen Zwingel öffnet eine Schleuse eines Wässergrabens im Nürnberger Ortsteil Reichelsdorf. Die traditionelle Wiesenbewässerung in Franken soll mit anderen Bewässerungskulturen in Europa in die weltweite Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen werden.

Der Wässerer Jürgen Zwingel öffnet eine Schleuse eines Wässergrabens im Nürnberger Ortsteil Reichelsdorf. Die traditionelle Wiesenbewässerung in Franken soll mit anderen Bewässerungskulturen in Europa in die weltweite Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen werden.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Die Wässerwiesen haben seit Jahrhunderten Tradition in Franken. Nun könnten sie immaterielles Weltkulturerbe werden - und die Bewässerungstechnik wieder bekannter machen.

Über ein ausgeklügeltes Netz von Wasserschöpfrädern, Gräben und kleinen Wehren bewässern Landwirte in Franken seit Jahrhunderten ihre Wiesen. Nun soll das von Generation zu Generation weitergegebene Wissen der traditionellen Wiesenbewässerung zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit ernannt werden. In der kommenden Woche tagt der zuständige Ausschuss der Unesco im afrikanischen Botsuana. Eine Entscheidung könnte am 6. Dezember fallen.

Vor allem in Nürnberg und im Landkreis Forchheim erwartet man diese gespannt. Die beiden Kommunen waren von deutscher Seite maßgeblich an dem Antrag beteiligt. Er umfasst auch die Queichwiesen in Rheinland-Pfalz sowie traditionelle Bewässerungskulturen in Belgien, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz.

Der Ausschuss wird außerdem über zwei weitere Beiträge mit deutscher Beteiligung entscheiden: das Hebammenwesen und die manuelle Glasfertigung. Alle drei Nominierungen haben nach Angaben der deutschen Unesco-Kommission eine positive Vorbewertung bekommen.

In Franken rechne man sich deshalb gute Chancen aus, sagte Roland Lindacher, der beim Landkreis Forchheim für das Wässerwiesen-Projekt zuständig ist. Er hofft, dass das uralte Wissen mit der Aufnahme in die Unesco-Liste besser bewahrt wird und wieder an Bekanntheit gewinnt. "Die Wässerwiesen sind wie viele Kulturformen durch die technische Entwicklung bedroht."

Einst war die Kulturtechnik entlang der Flüsse Rednitz, Regnitz und Wiesent in Franken weit verbreitet und half im Mittelalter, die stark wachsende Bevölkerung mit Nahrung zu versorgen. Im Zuge der Industrialisierung verlor sie jedoch an Bedeutung, weil elektrische Pumpen, Beregnungsanlagen und Kunstdünger die mühevolle Handarbeit unrentabel machten.

Angesichts der Klimaerwärmung bekommt die Kulturtechnik jedoch wieder aktuelle Bedeutung. Die Wässerwiesen im Rednitztal bei Nürnberg kühlten die Temperatur in der Umgebung herunter und sorgten für Frischluft in der Stadt, erläuterte Gisa Treiber vom Umweltamt. "Das bei der Bewässerung genutzte Wasser bleibt in der Fläche." Das sei auch wegen der zunehmenden Trockenheit und der sinkenden Grundwasserstände wichtig. In den Gräben könne bei starken Regenfällen außerdem Wasser gespeichert werden, was die Umgebung vor Hochwasser schützen könne, ergänzte Lindacher.

Der Landkreis Forchheim bemüht sich deshalb nicht nur um den Erhalt von Wässerwiesen, sondern versucht ruhende Grabensysteme wieder zu aktivieren. "Das ist nicht etwas, das ein Landwirt alleine realisieren kann", sagte Lindacher. In der Vergangenheit sei dafür eine Genossenschaft gegründet worden. Diese versuche die Behörde nun wiederzubeleben, indem sie auf Landwirte und Kommunen zugehe und diese auch finanziell unterstütze.

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