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Schneechaos in Bayern:Schaufeln bis zur Erschöpfung

Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks Miesbach räumen den Schnee vom Dach des Krankenhauses in Agatharied. Die Bundeswehr hilft mit.

(Foto: Panradl/THW Miesbach)
  • Im oberbayerischen Agatharied schaufeln das Technische Hilfswerk (THW) und die Bundeswehr schon seit Freitag Schnee von den Dächern.
  • Gerade die Führungskräfte sind enorm belastet - sie sind rund um die Uhr beschäftigt. "Da bist du irgendwann schon platt", sagt ein Zugführer des Miesbacher THW.
  • In Balderschwang im Allgäu ging am Morgen eine Lawine ab, die ein Hotel traf. Bewohner und Gäste bleiben jedoch gelassen.

Die Wege rund um die dreistöckigen Bettenhäuser sind seit Tagen gesperrt, wegen der Gefahr von Dachlawinen, so steht es auf den Warnschildern. Gerade kommt der Schnee in deutlich kleineren Mengen herunter vom Dach des Krankenhauses in Agatharied: Immer wieder fliegt eine Schaufel voll daher, dann folgt wieder eine schwere, nasse Ladung, mit dem Schneeschieber über die Dachkante gedrückt.

Die Frauen und Männer auf den flachen Dächern sind nur von weiter weg zu erkennen, mit alarmfarbenen Applikationen an blauen Uniformen die einen, im weißen Schneetarnanzug mit ein bisschen oliv die anderen. Schon seit Freitag sind das Technische Hilfswerk (THW) und die Bundeswehr in Agatharied südlich von Miesbach im Einsatz, um den Schnee von den Dächern zu bekommen - so wie Tausende Hilfskräfte überall am bayerischen Alpenrand. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) besucht am Montag die Helfer in Berchtesgaden, dankt und lobt. "Unmenschliches" leisteten die Einsatzkräfte seit Tagen.

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In Agatharied sitzt Stefan Scheich inzwischen in der Krankenhauskantine und isst den zweiten Teller Nudeln. Der 29-jährige Ingenieur ist mit seiner Berggruppe vom Münchner THW schon seit Samstag im Einsatz. Die Münchner und viele Kollegen aus ganz Bayern haben die einheimischen Kräfte abgelöst, die schon seit einer Woche im Einsatz sind. Vor allem die Führungskräfte wie Einsatzleiter Mathias Huber sind rund um die Uhr beschäftigt. "Da bist du irgendwann schon platt", sagt ein Zugführer des Miesbacher THW, der nach eigenen Worten lieber schaufeln würde als koordinieren, was gerade seine Aufgabe ist. Die Helfer von außerhalb müssen eingewiesen werden. Von Beruf ist er Schreiner, der Arbeitgeber ist kein Großbetrieb, da fehlt jeder Mann. Für zwei Tage Einsatz bekommt er einen Urlaubstag abgezogen, sagt der Zugführer, so sei das vereinbart.

Das THW ist mit rund zwei Dutzend schweren Fahrzeugen und insgesamt 110 Helfern vorgefahren, die Bundeswehr wirkt da mit ihren weißen Minibussen fast zivil. 60 Gebirgspioniere sind seit Freitag hier und schaufeln. "Das gehört dazu", sagt einer. Allerdings wisse man abends schon, was man bewegt habe. Geschlafen wird in einer Turnhalle. Sie alle wissen sich zu sichern auf einem Dach, passiert ist bislang glücklicherweise nichts. Nicht weit von hier mussten die Helfer das Dach eine Industriebetriebs räumen, da war schon fast Gefahr im Verzug, heißt es aus dem Landratsamt. Denn wenn es an diesem Montag gerade mal nicht regnet im Oberland, dann schneit es. Beides macht den Einsatzkräften die Arbeit nicht leichter.

"Für Balderschwang ist die Schneemenge nicht außergewöhnlich"

Zu kämpfen haben die Helfer auch weiterhin im Allgäu mit den Schneemassen. Am frühen Montagmorgen gegen fünf Uhr ging eine rund 300 Meter breite Lawine in Balderschwang im Oberallgäu ab und traf mit Wucht das bereits vorsorglich geräumte Hotel "Hubertus". Silvia Kienle ist dennoch ziemlich gelassen. Sie ist die Frau des Bürgermeisters Konrad Kienle, mit ihm betreibt sie das benachbarte Hotel "Adlerkönig". Sie sagt am Telefon, so eine Situation habe sie in den 25 Jahren, seit sie im Ort wohnt, noch nicht erlebt. Grund zur Besorgnis gebe es aber nicht. Der Schnee sei eben zu locker auf dem Hang gelegen und abgerutscht. Im "Hubertus" gingen Fenster zu Bruch, verletzt wurde zum Glück niemand.

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Der Wellnessbereich im Hotel "Hubertus" ist zurzeit nicht benutzbar. Eine Lawine drückte den Schnee in das vorsorglich geräumte Haus.

(Foto: Benjamin Liss/dpa)

Inzwischen können die Feriengäste aus Balderschwang, wo mehr als 1100 Menschen in den vergangenen Tagen eingeschneit waren, auch wieder abreisen. Allerdings nur mit Schneeketten und im Konvoi mit Rettungsfahrzeugen Richtung Obermaiselstein. Die Route über Österreich hingegen bleibt wegen akuter Lawinen- und Schneebruchgefahr weiter geschlossen. Die 60 Gäste vom "Hubertus" wurden ins Landschulheim umquartiert, auch im "Adlerkönig" habe man noch Platz, sagt Silvia Kienle. 45 Gäste trotzen dort den Schneemassen. "Ein paar Harte haben wir noch da. Sie sind im Warmen, haben Betten und zu essen. Es geht ihnen gut", berichtet die Wirtin. Allerdings müssten die Gäste im Haus bleiben, die Wetterlage ist nach wie vor zu kritisch. Am Montagnachmittag ist es trüb und windig in der auf gut 1000 Meter höchstgelegenen Gemeinde Bayerns. Und Schnee fällt auch wieder.

"Für Balderschwang ist die Schneemenge nicht außergewöhnlich", sagt die Sprecherin des Landkreises Oberallgäu, Brigitte Klöpf. Die Situation sei längst nicht so angespannt wie in Teilen Oberbayerns. Nicht einmal die Wintersportler profitieren, vielerorts stehen die Lifte still. Auf der Zugspitze bleiben die Anlagen geschlossen, eingeschränkt laufen sie in Oberstdorf und im Kleinwalsertal. Am Sudelfeld und am Spitzingsee geht nichts, am Brauneck nur in unteren Lagen. Und auch in Ostbayern sind Piste und Loipen gesperrt. Wie es weitergeht, entscheidet sich von Tag zu Tag.

Unterdessen hat das Organisationskomitee in Ruhpolding die Eröffnungsfeier für den diesjährigen Biathlonweltcup abgesagt, die am Dienstagabend stattfinden sollte. Die Wettbewerbe, die für Mittwoch bis Sonntag vorgesehen sind und in normalen Jahren Tausende Besucher anziehen, sollten stattfinden, mindestens am Mittwoch aber noch ohne organisierten Zuschauertransport in die Chiemgau-Arena. OK-Chef und Bürgermeister Claus Pichler versicherte in einer Mitteilung, dass für die Großveranstaltung keine Katastrophenhelfer von der Bundeswehr oder den Rettungsorganisationen gebunden würden. Gleiches hat der Traunsteiner Landrat Siegfried Walch per Videobotschaft betont. Im Gegenteil sei schweres Gerät, das für den Weltcup bereitstand, zur Bewältigung der Schneekatastrophe herangezogen worden.

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