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Politischer Aschermittwoch:Geschichte einer Abnutzung

Politischer Aschermittwoch in Bayern

Erinnerung an frühere Zeiten: Eine Franz-Josef-Strauß-Figur beim Politischen Aschermittwoch der CSU in Passau 2019.

(Foto: dpa)

Die Rededuelle von Kraftrhetorikern wie Strauß und Schöfberger haben den Ruhm des politischen Aschermittwochs begründet, doch diese Zeiten sind lange vorbei. Wegen Corona steht die Veranstaltung vor ihrer einschneidendsten Veränderung.

Kommentar von Hans Kratzer

Das im Oberpfälzer Wald gelegene Dorf Lixenried zeichnet sich seit jeher durch einen belastbaren Widerstandsgeist aus, lange Zeit wurde hier der Fasching erst am Abend des Aschermittwoch zu Grabe getragen. Aus der Warte des Katholizismus war das natürlich ein Frevel ohnegleichen. Andernorts in Ostbayern war es nämlich heiliger Brauch, dass sich am Faschingsdienstag um Mitternacht eine als Tod verkleidete Gestalt ihren Weg durch das ermattete Volk bahnte. Schweigend ging sie von Tisch zu Tisch und wischte alles auf den Boden, was an Getränken und Speisen noch zu greifen war.

Der strenge Fasttag Aschermittwoch wurde aber nicht nur von den Lixenrieder Narren ignoriert. Die Menschen fanden stets reichlich Wege, um die Zumutungen der Fastenzeit zu lindern - nicht zuletzt den Politischen Aschermittwoch, der das Widersprüchliche der bayerischen Weltanschauung mehr als alles andere auf die Spitze getrieben hat.

Der angebliche Frevel des Chefs der Bayernpartei

Im Grunde genommen wurde das wilde Treiben der Faschingszeit an diesem Tag lediglich in das Bierzelt verlagert, wo das Scheppern der Krüge, das Gejohle der Massen und das Abkanzeln des politischen Gegners jeden Ruf nach Einkehr und Mäßigung ad absurdum führten. Vordergründig schützte man natürlich vor, die Moral zu wahren, in Wirklichkeit rüstete man zum politischen Kampf mit allen Mitteln. Als nach dem Krieg der Bayernpartei-Chef Joseph Baumgartner in den Verdacht geriet, er habe am Aschermittwoch Fleisch gegessen, war er diskreditiert. Seine Gegner stellten ihn auf eine Stufe mit Dieben und Wegelagerern.

Schon vor 100 Jahren ging es an dem Tag um weit mehr als Religion. In den Nachwirren der Revolution hatte der Bauernbund am Aschermittwoch 1919 beim Viehmarkt in Vilshofen zu einer Versammlung geladen. Seit dieser Zeit kollidieren Rausch, Ratsch und Politgeplärr mit den Fastengeboten. Diese Reibung erzeugte in der Folge erst recht jenen Dampf, der den Politischen Aschermittwoch weit über Niederbayern hinaus popularisierte.

Den Ruhm dieser Institution beförderten vor allem die noch in Bierkellern ausgetragenen Rededuelle zwischen Kraftrhetorikern wie Baumgartner, Rudolf Schöfberger (SPD) und dem CSU-Matador Franz Josef Strauß. Sie donnerten vor ekstatischem Publikum los, als bräche die Lava aus dem nächstgelegenen Vulkan.

Ausfallen lassen? Nicht im Jahr der Bundestagswahl

Als schwächere Redner folgten und mit ihren Mitteln dem Publikum einreden wollten, der politische Gegner bestehe primär aus Vollpfosten, nutzte sich der Politische Aschermittwoch langsam ab. Das Elend verschärfte sich, als dialektferne Politiker begannen, sich der ländlichen Bierzeltrhetorik zu bedienen. Es war nicht selten zum Erbarmen.

Diesmal steht dem Politischen Aschermittwoch coronabedingt die bislang einschneidendste Umformatierung bevor. Da die Option, ihn ausfallen zu lassen, im Jahr der Bundestagwahl nicht gezogen wurde, wird er einfach digitalisiert. Natürlich wird diese zurechtgestutzte Veranstaltung kraftmeierisch verbrämt, die CSU ruft "zum größten virtuellen Stammtisch der Welt". Der Aschermittwoch hat alle möglichen Regierungssysteme, Krisen und Doudschmatzer überlebt. Aber ohne Publikum droht unweigerlich Fadesse. Unvergessen, wie einmal zwei Stammgäste am Ende der CSU-Veranstaltung in Passau sagten: "Wenn wir noch aufstehen können, bleiben wir da. Wenn wir nimmer aufstehen können, gehn wir heim."

© SZ
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Im Februar 2020 konnte der politische Aschermittwoch noch wie gewohnt stattfinden - dieses Jahr wird alles digital ablaufen.

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