Nürnberg:"Ich war immer authentisch" - notfalls auch gegen die CSU

Lesezeit: 4 min

Dagmar Wöhrl

Dagmar Wöhrl will nach 23 Jahren im Bundestag neue Projekte in Angriff nehmen.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Nach 23 Jahren verlässt Dagmar Wöhrl den Bundestag. Die Entscheidung sei in der Zeit des "Merkel-Bashings" gefallen, sagt sie.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Dagmar Wöhrl ordnet dieser Tage ihr Büro und es dauert viel länger, als sie sich das vorgestellt hat. Sie kann eben nichts wegschmeißen, sagt sie, und "an den Dingen hängen so viele Emotionen". Alles hat sie abgeheftet, Buch geführt und in ihr Tagebuch geschrieben. Es gibt ein öffentliches Bild von Wöhrl, für das sie sicher auch selbst verantwortlich ist nach 23 Jahren im Bundestag.

Diesem Bild folgend würde man nun erwarten, dass Wöhrl von Bill Gates erzählt, den sie getroffen hat, oder doch mindestens von Karl-Theodor zu Guttenberg, der für kurze Zeit ihr Chef war im Bundeswirtschaftsministerium. Aber Wöhrl erzählt von ihren ersten Bürgersprechstunden. Von der Frau, die sie damals gebeten hat, sie möge sich doch dafür einsetzen, dass Ampeln länger grün bleiben, als sie momentan grün sind. Weil sie doch sonst nicht heil über die Straße komme in so kurzer Zeit. 1994 war das.

Beim Blättern findet Wöhrl jetzt auch sämtliche Artikel, die ihr zu schaffen gemacht haben in all den Jahren. Etwa der SZ-Text, der mit "Die Katzenmama aus dem Ministerium" überschrieben war, und der eine Situation aus dem Sommer 2009 schilderte. Wöhrl, die Abgeordnete aus Nürnberg, war damals parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium und hatte sich auf den ersten Blick eingereiht in all jene, die an diesem Tag vor dem Quelle-Bau mobil machten.

Alle, die etwas zu sagen haben in der Region, hatten sich versammelt, um den verängstigten Quelle-Leuten, die um ihre Jobs bangten, ihre Solidarität auszudrücken. Einer nach dem anderen kletterte auf ein improvisiertes Podium, die Reden erinnerten an die von Volkstribunen. Wohl wussten die Leute unten, dass sie kaum noch eine Chance haben werden, noch weiter bei Quelle arbeiten zu können. Aber in dem Moment schrien und pfiffen sie einfach ihre Angst heraus. Die Redner, so hilflos sie sein mochten, gaben ihnen Kraft dabei.

Unten am Podium stand Wöhrl, die Frau aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Sie sprach nicht zu den Quelle-Leuten an dem Tag. Aber wer nahe genug an ihr dran stand, konnte hören, wie sie das, was da auf dem Podium gerufen wurde, kommentierte. Es war ernüchternd. Mitunter klang es fast hämisch. Mindestens aber illusionslos.

Wöhrl veröffentlichte in jenem Sommer - genau in den Tagen, als bekannt wurde, dass 1800 Mitarbeiter bei Quelle ihren Job verlieren werden - einen Eintrag in ihrem Twitter-Tagebuch. "Fahre jetzt zur Jahrespressekonferenz meines Tierheims. Katzenalarm! Allein in den letzten drei Monaten mussten wir 400 Katzen aufnehmen." Danach fragten sich auch einige in ihrer Partei, ob das nun wirklich das Topthema ist für eine Wirtschaftsstaatssekretärin aus der Quelle-Krisenstadt Nürnberg.

Wöhrl kann das annehmen nach all der Zeit. Aber sie hat auch ihre Version der Geschichte, und die erzählt nicht von einer, die kein Herz hat für Quelle-Mitarbeiter und sich stattdessen lieber um Katzen kümmert. An diesem Tag im Sommer 2009 habe sie als Staatssekretärin "doch längst gewusst, wohin die Reise geht mit der Quelle", sagt sie. Man wolle immer Politiker, die den Leuten die Wahrheit sagen. Hätte sie sich da hinstellen sollen auf ein Podium und den Menschen was vorheucheln? "Ich war immer authentisch", sagt Wöhrl.

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