bedeckt München 10°

Landesjagdverband:Das Treffen der Großhirsche

traditioneller Trachten- und Schützenzug des Festring s München mit teilnehmenden Gruppen aus vielen Ländern am ersten

Der BJV will die Jahreshauptversammlung durchziehen, trotz steigender Infektionszahlen.

(Foto: imago/Ralph Peters)

Trotz dramatisch steigender Corona-Zahlen plant der Landesjagdverband am Wochenende seine Jahreshauptversammlung in Nürnberg mit 400 Teilnehmern - darunter sind auch etliche Vertreter der Regierungsparteien.

Von Andreas Glas und Matthias Köpf

Im März 2018, in Veitshöchheim, schaute Ministerpräsident Markus Söder (CSU) von der Bühne in 500 Jägergesichter und war offenbar erstaunt, wie vertraut ihm viele dieser Gesichter waren. "Fast eine Fraktionssitzung" der CSU, sagte Söder. Die Mainpost schrieb hinterher, der Landesjägertag sei "eine Mischung aus Jahreshauptversammlung und CSU-Parteitag" gewesen. Nun, im Oktober 2020, trifft sich der Bayerische Jagdverband (BJV) erneut, am Samstag in der Messe Nürnberg, in Söders Heimatstadt. Dabei sein wird er diesmal aber nicht. Wie würde das auch aussehen? Ein Raum, 400 Jäger, und mittendrin der Ministerpräsident, der pausenlos mahnt, dass sich bitte nicht zu viele Leute treffen sollten.

Er habe ja auch "ein flaues Gefühl im Magen", sagt Thomas Schreder, der den BJV derzeit kommissarisch leitet. Doch am Mittwochnachmittag gibt es aus seinem Verband keine Signale, die Landesversammlung abzusagen. Der BJV will es durchziehen, trotz steigender Infektionszahlen. Man muss wissen: Kaum ein Lobbyverband ist enger mit der bayerischen Politik verstrickt wie der BJV, vor allem mit CSU und Freien Wählern. Und ausgerechnet dieser Verband trifft sich jetzt mit Hunderten Leuten, darunter CSU-Abgeordnete, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und Staatssekretär Roland Weigert (beide FW). Konterkariert das nicht den vorsichtigen Kurs der Staatsregierung, den Söder pausenlos betont?

Ernst Weidenbusch.

(Foto: Claus Schunk)

Der BJV verweist auf das Hygienekonzept, für das die Messe Nürnberg verantwortlich sei, auf Mindestabstand und Maskenpflicht. Die Veranstaltung ist als Kongress deklariert, weshalb kein Teilnehmerlimit gilt, sondern die Regel, dass maximal ein Besucher pro zehn Quadratmeter zugelassen ist. Die Entscheidung für die Veranstaltung sei schon im Sommer gefallen, als die Corona-Lage eine andere war, sagt der kommissarische BJV-Chef Schreder. Etliche Kreisgruppen hätten auf eine Umfrage dazu nicht geantwortet. Von den anderen habe etwa die Hälfte für eine Präsenzveranstaltung gestimmt, die Hälfte dagegen. Eindeutig sei das Votum nur gegen ein virtuelles Treffen per Livestream gewesen. Deshalb treffe man sich nun "in sehr, sehr sensiblen Zeiten", sagt Schreder.

Wie viele Jäger es unter den Landtagsabgeordnete von CSU und FW gibt, ist nicht leicht zu beziffern. Ein Anhaltspunkt könnte die Größe sein, die Ex-Präsident Vocke in der vergangenen Legislaturperiode nannte: "ein gutes Drittel der CSU-Fraktion". Vier CSU-Abgeordnete haben angekündigt, dass sie bei der BJV-Landesversammlung dabei sein werden, dazu Wirtschaftsminister Aiwanger und Staatssekretär Weigert. Auch Aiwanger betont, es gebe "strenge Vorgaben und wenn die eingehalten werden, halte ich es für verantwortbar". Man könne die Wahl eines neuen BJV-Präsidenten "nicht ewig verschieben".

Delegiertenversammlung Bayerischer Jagdverband

Thomas Schreder.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Wegen der Pandemie war bereits im Frühjahr der Jägertag samt Vorstandswahl abgesagt worden. Die Neuwahl ist nötig, weil sich Ex-Präsident Jürgen Vocke im Herbst 2019 nach massiven Vorwürfen aus der Jägerschaft und einer Durchsuchungsaktion von Polizei und Staatsanwaltschaft von der Verbandsspitze zurückzog. Nach 25 Jahren, auch Vocke war mal Landtagsabgeordneter der CSU. Unter anderem sollte er unter fraglichen steuerlichen Umständen eine hohe Aufwandsentschädigung bezogen, sich ohne Mandat einen Dienstwagen zur privaten Nutzung gegönnt und allerlei private Kosten als Spesen abgerechnet haben. Zeitweise war von einem Schaden von mehreren Hunderttausend Euro die Rede, laut Ermittlungsbericht der Münchner Kripo vom Februar liegt die Summe im niedrigen vierstelligen Bereich. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren nach eigenen Angaben noch nicht abgeschlossen.

Nach Vockes Abgang übernahm dessen langjähriger Stellvertreter Schreder, der sich nun als moderater Erneuerer um das Präsidentenamt bewirbt. Die andere Seite hatte als Gegenkandidaten FW-Staatssekretär Weigert aufgebaut. Doch Ministerpräsident Söder grätschte dazwischen. Er erwarte, dass sich Kabinettsmitglieder in der Corona-Krise auf ihre Regierungsämter konzentrierten, verfügte er, woraufhin nicht nur Weigert "schweren Herzens" zurückzog, sondern auch andere Minister und Staatssekretäre ihre Spitzenämter in Verbänden aufgeben mussten. Statt Weigert tritt nun der Münchner Landtagsabgeordnete Ernst Weidenbusch gegen Schreder an. Damit bewerben sich zwei CSU-Mitglieder um die Verbandsspitze - zum Ärger des Koalitionspartners. Die FW hätten nur zu gern ein eigenes Mitglied an der Spitze des christsozialen Erbhofs platziert. Die Wahl zwischen Schreder und Weidenbusch gilt als offen - und soll stattfinden. "Absagen kann und darf ich das auf keinen Fall", sagt Schreder, dies könnten nur die Messe Nürnberg und das Gesundheitsamt.

Eine Absage ist beim BJV gleichwohl eingetroffen: von Landwirtschafts- und Forstministerin Michaela Kaniber (CSU). Die Mitglieder der Staatsregierung seien in der Pandemie zu besonderer Vorsicht und Umsicht angehalten, teilte sie dem BJV mit und verwies auf die Infektionslage. Vorsicht, Umsicht, ist das nicht die Linie der gesamten CSU-Fraktion? Alles nicht optimal, das sagen auf Nachfrage praktisch alle CSU-Abgeordneten, die ihre Teilnahme in Nürnberg angekündigt haben. Auf Nachfrage betonen auch sie das Hygienekonzept und dass der Verband eben endlich ein neues Präsidium brauche. In der CSU-Fraktion gibt es aber auch welche, die ihre Teilnahme abgesagt haben - und kritische Stimmen, die es problematisch finden, dass ihre Fraktionskollegen nach Nürnberg fahren wollen. Am Mittwoch lag die Sieben-Tage-Inzidenz in Nürnberg bereits über dem Schwellenwert von 35.

© SZ vom 15.10.2020
Europaeisches Reh Capreolus capreolus mit Kitz auf einer Lichtung Deutschland NRW Niederrhein

Bundesjagdgesetz
:Streit ums Reh

Der Bund will die Abschusszahlen erhöhen, um die Waldverjüngung zu fördern. Der bayerische Jagdverband spricht von einem "gnadenlosen Feldzug".

Von Christian Sebald

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite