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Bundesjagdgesetz:Streit ums Reh

Europaeisches Reh Capreolus capreolus mit Kitz auf einer Lichtung Deutschland NRW Niederrhein

Wie viele Rehe es in Bayerns Wäldern gibt, ist nicht erfasst. Allerdings werden jährlich mehr als 300 000 Tiere geschossen. Während Jäger nicht mehr erlegen wollen, fordern Waldbesitzer, die Quote zu erhöhen.

(Foto: Imago)

Der Bund will die Abschusszahlen erhöhen, um die Waldverjüngung zu fördern. Der bayerische Jagdverband spricht von einem "gnadenlosen Feldzug".

Von Christian Sebald

Nun ist der Streit um das neue Bundesjagdgesetz in Bayern angekommen. "Das Rehwild ist kein Schädling", sagt Thomas Schreder, Vizepräsident des Bayerischen Jagdverbands (BJV). "Ein Waldumbau nur mit der Büchse funktioniert nicht." Schon seit Wochen fordern Schreder und der BJV: "Schluss mit dem gnadenlosen Feldzug gegen das Rehwild." Michael Lechner von der Waldbesitzervereinigung im oberbayerischen Holzkirchen hält dagegen: "Der Wald verträgt nur eine begrenzte Anzahl Rehe." Vielerorts gebe es so viele Rehe, dass die jungen Bäume nicht richtig wachsen könnten, weil die Tiere ihnen die Triebe abfressen. Lechners Forderung: "Die Jagd muss schärfer werden."

Genau das ist das Ziel des neuen Bundesjagdgesetzes, dessen Entwurf Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) kürzlich präsentiert hat. Hintergrund der Novelle ist die Klimakrise. Sie richtet in den Wäldern immense Schäden an. Deshalb wollen Bund und Länder den sogenannten Waldumbau forcieren, also die Umwandlung der weit verbreiteten Fichten- und Kiefern-Monokulturen in Mischwälder mit Buchen, Eichen und anderen Laubbaumarten. Laubbäume sind - so die bisherige Einschätzung der Wissenschaftler - resistenter gegen die Klimakrise als Nadelbäume. Die Herausforderung ist groß. Mit 44 Prozent Anteil ist die Fichte die mit Abstand häufigste Baumart in Bayern. Auf Rang zwei folgt die Kiefer mit 19 Prozent. Die Buche (zwölf Prozent) liegt auf Rang drei.

Das Problem beim Waldumbau ist, dass die Triebe der jungen Laubbäume Leckerbissen sind für Rehe, Hirsche und im Gebirge für Gämsen. Auch das zeigen die Zahlen aus Bayern: In fast der Hälfte der Hegegemeinschaften hier - das sind die Einheiten, zu denen die etwa 11 000 Jagdreviere im Freistaat zusammengefasst sind - ist der sogenannte Verbiss so hoch, dass aus Sicht der Forstverwaltung intensiver gejagt werden muss, um ihn in den Griff zu bekommen. So steht es in ihrem aktuellen Gutachten zur Situation der Waldverjüngung. In anderen Bundesländern ist die Situation ähnlich dramatisch. Also sollen nach dem Willen des Bundes die Jäger künftig mehr Rehe schießen.

Möglich werden soll das durch den Wegfall der Abschusspläne für Rehe. Sie sind bisher Pflicht. In ihnen wird die Zahl der Rehe festgelegt, die Jäger in ihren Revier erlegen müssen. An ihre Stelle soll nun ein "jährlicher Mindestabschuss für Rehwild" treten, auf den sich Waldbesitzer und Jäger einigen sollen. Eine Obergrenze ist nicht vorgesehen. Sind Waldbesitzer und Jäger uneinig, sollen die Jagdbehörden entscheiden. Ein zentrales Kriterium für den Mindestabschuss soll "die Ermöglichung einer Naturverjüngung im Wald im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen" sein.

Das ist es, was Jäger-Vize Schreder als "Waldumbau nur mit der Büchse" angreift. Statt nach "immer höheren Abschusszahlen" zu rufen, sei ein "ausgeklügeltes, auf lange Zeit angelegtes und auf wildbiologischen Erkenntnissen basierendes Gesamtkonzept von waldbaulichen Maßnahmen, jagdlichen Methoden und Naturschutzaspekten notwendig".

Fest steht: Es gibt in Bayern sehr viele Rehe. Manche Experten sagen sogar, es seien so viele wie nie zuvor. Exakte Zahlen fehlen aber. Rehe kann man nicht zählen. Außerdem schwanken die Bestände. Sie sind in der Bergen anders als im flachen Land und in waldreichen Regionen anders als in Agrargebieten. Deshalb werden immer nur Schätzungen genannt. Die Biologin Martina Hudler etwa, die über Rehwild in Bayern promoviert hat und an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf Jagdlehre und Wildtiermanagement unterrichtet, geht davon, dass in Bayern 50 Rehen je hundert Hektar Wald leben. "Das heißt, dass es den Rehen prima geht", sagt Hudler.

Zwei Statistiken bestätigen die Expertin. So werden in Bayern Jahr für Jahr mehr als 300 000 Rehe abgeschossen. Das geht nur, wenn die Tiere jedes Jahr mindestens so viele Nachkommen produzieren wie abgeschossen werden. Bei einer Größenordnung von mehr als 300 000 Abschüssen im Jahr ist das nur möglich, wenn die Population insgesamt stabil ist. Die Statistik der Wildunfälle weist in die selbe Richtung. Ihre Zahl steigt seit Jahren an. 2019 sind bayernweit 82 000 Wildunfälle passiert. 51 000 oder 62 Prozent waren laut Zentralstelle für Verkehrssicherheit im Straßenbau Kollisionen mit Rehen.

Rehe gelten zudem als sehr anpassungsfähig. "Sie sind Kulturfolger", sagt Hudler. "Die zunehmende Fragmentierung unser Kulturlandschaft bereitet ihnen kein Problem." Rehe finden nicht nur auf Feldern und Wiesen viel Nahrung. Sondern - dank des fortschreitenden Waldumbaus - auch immer mehr Futter in den Wäldern. Und laut Hudler gibt es immer noch Jäger, die in der kalten Jahreszeit die Rehe im Wald füttern - obwohl die Tiere das nicht nötig hätten. Auch die Klimakrise begünstigt die Rehe. Seit die Winter immer milder werden, überleben mehr Rehkitze als früher.

"Man kann es drehen und wenden wie man will", sagt der Holzkirchner Waldbesitzer-Chef Lechner. "Für Mischwälder mit vielen Laubbäumen, die der Klimakrise trotzen, hat die Jagd eine Schlüsselfunktion." Und noch etwas sagt er: "Rehe gehören zum Wald, keiner von uns Waldbesitzern will einen Wald ohne Rehe. Aber wir brauchen Bestände, die zum Wald passen."

© SZ vom 03.09.2020/aner

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