Frauen in der Wirtschaft:Die soziale Komponente als Erfolgsrezept

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OBERMEIER_Holzwerk, Ingrid Obermeier-Osl

"Für den Erfolg eines Unternehmens ist es von zentraler Bedeutung, wie man mit seinem Team umgeht. Ich bin sicher, da können viele Männer noch einiges lernen", sagt Ingrid Obermeier-Osl, Vizepräsidentin der IHK für München und Oberbayern.

(Foto: Obermeier-Osl)

Als Vizepräsidentin der IHK will Ingrid Obermeier-Osl das Selbstverständnis von Frauen in der Wirtschaft stärken. Als Chefin des Holzwerkes Obermeier lebt sie ihre Auffassung von weiblicher Unternehmensführung selbst vor.

Von Marcel Grzanna

Klare Sprache, klare Positionen und eine Portion Humor: Mit ihrer Geradlinigkeit und Bodenständigkeit kommt Ingrid Obermeier-Osl in Bayern gut an. Die 59-jährige Unternehmerin setzt sich immer wieder für Frauen ein. Sie sagt: "Frauen können alles erreichen, und sogar noch mehr als Männer." Dafür ist sie angetreten. Seit Jahren engagiert sich die Unternehmerin in der IHK München und Oberbayern, der größten Handelskammer in Deutschland.

Im Sommer wurde Obermeier-Osl zum dritten Mal hintereinander für eine fünfjährige Amtszeit als Vizepräsidentin wiedergewählt. Sie ist auch Vorsitzende des Frauenausschusses. Vor zwei Jahren erhielt sie die bayerische Staatsmedaille für ihr "jahrzehntelanges vorbildliches Wirken zum Wohle der Wirtschaft und Gesellschaft in Bayern".

Obermeier-Osl lebt vor, wie sie sich die Frauen in der Wirtschaft vorstellt: selbstbewusst und unabhängig. Sie möchte nicht, dass Frauen aus Prinzip Führungspositionen zugeschanzt werden. Sie möchte, dass Frauen aus eigenem Antrieb nach Verantwortung streben, "weil sie wissen, dass sie es können".

"Es bewegt sich in die richtige Richtung. Gerade in den letzten Jahren ist der Anteil der Frauen, die von den Unternehmen in die IHK-Vollversammlung gewählt werden, deutlich gestiegen", sagt Obermeier-Osl. Die weiblichen Delegierten stellen inzwischen einen Anteil von mehr als 50 Prozent. Doch noch gebe es viel Potenzial. Die 20 Regionalausschüsse werden überwiegend von Männern geführt. Nur bei jedem vierten ist eine Frau an der Spitze.

Das Selbstverständnis, das Obermeier-Osl anderen Frauen vorlebt, ist das Resultat von Persönlichkeit und Erfahrungen. Seit vielen Jahren führt sie als Geschäftsführerin das Holzwerk Obermeier, ein Familienunternehmen mit Sitz in Schwindegg, das dem holzverarbeitenden Gewerbe seit mehr als 60 Jahren Massivholzplatten, Kanteln und Friesen, Schnittholz oder Sägeprodukte zuliefert. Früher zusammen mit ihrem Mann. Heute, vier Jahre nach dessen Tod, in alleiniger Verantwortung.

Die Firma Obermeier beschäftigt Mitarbeiter aus 18 Nationen

Ihr Erfolgsrezept: die soziale Komponente, wie sie sagt. "Mit meinen Soft Skills komme ich sehr gut zurecht bei der Mitarbeiterführung. Für den Erfolg eines Unternehmens ist es von zentraler Bedeutung, wie man mit seinem Team umgeht. Ich bin sicher, da können viele Männer noch einiges lernen."

Knapp ein Drittel von 400 000 IHK-Mitgliedsunternehmen in Oberbayern wird aktuell von Frauen geführt oder mitgeführt. Doch je größer die Betriebe werden, desto seltener stehen Frauen an deren Spitze. Nur eine von 20 Firmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern wird weiblich verantwortet. Es gibt also noch viel zu tun. Zumal sich Obermeier-Osls Kosmos nicht nur um die Frauen dreht. Sie stellt auch Asylbewerber an und bildet sie aus, um deren Integration zu beschleunigen und gleichzeitig den Fachkräftemangel auszubalancieren.

OBERMEIER_Holzwerk

Das Holzwerk Obermeier, ein Familienunternehmen mit Sitz in Schwindegg, liefert dem holzverarbeitenden Gewerbe seit mehr als 60 Jahren Massivholzplatten, Kanteln und Friesen, Schnittholz oder Sägeprodukte.

(Foto: Obermeier-Osl)

Die Firma Obermeier zählt zurzeit 165 Angestellte - Mitarbeiter aus 18 Nationen. Zehn Prozent der Belegschaft bilden Geflüchtete aus Zentralasien oder aus Afrika. Die Chefin setzt auf deren Integration, weil sie um ihre Verantwortung für die Region weiß. "Es gibt natürlich kulturelle Herausforderungen, die wir bei der Integration von Flüchtlingen bewältigen müssen. Aber mit ein bisschen Verständnis und viel Kommunikation funktioniert das gut", sagt Obermeier-Osl.

Nicht alle Arbeitgeber bringen auch die Geduld auf, die es manchmal benötigt, um kulturelle Unterschiede zu überbrücken. Obermeier-Osl erzählt von einem Mitarbeiter, der die Regelmäßigkeit des Arbeitsalltags von der Pike auf lernen musste. Werktäglich zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein, um die Arbeit aufzunehmen, war absolutes Neuland für ihn. Anderswo wäre der Mann wohl relativ schnell entlassen worden. Obermeier-Osl aber hielt an ihm fest.

So investiert sie in jeden und jede Angestellte viel Energie. Nur wenn es gar nicht geht, trifft sie zwangsläufig auch unangenehme Entscheidungen. Denn ihre Verantwortung kann sie auch nur erfüllen, wenn das Unternehmen langfristig gesund bleibt.

Die Anstellung von Migranten ist auch hilfreich, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Aufgrund der schwierigen Arbeitsmarktlage für die holzverarbeitende Industrie bildet Obermeier ihre Fachkräfte auch selbst aus. Ein weiterer Ansatz, um das Problem zu lindern, ist der von Obermeier-Osl initiierte IHK-Bildungsexpress. Der Sonderzug rollt seit 2012 jedes Jahr durch Bayern und informiert Hunderte Schülerinnen und Schüler über Ausbildungsmöglichkeiten in der Region.

Im Holzwerk ihrer Firma lernen die Azubis sowohl das Handwerk des Holzbearbeitungsmechanikers als auch die Kontrolle und Handhabe der Roboter- und Maschinentechnologie, die heutzutage in der Branche eingesetzt wird. 22 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete das Unternehmen im vergangenen Jahr. Man könnte sagen, es läuft gut.

Doch angesichts der unsicheren Lage sieht Obermeier-Osl auch einige Risiken, die ihr Sorgen bereiten. Die Corona-Krise habe deutlich gezeigt, wie essenziell wichtig es für den Mittelstand sei, genügend Eigenkapital zu halten. Der Mangel habe viele Unternehmen in der Krise stark gebeutelt. Deswegen sei es nun "die große Aufgabe, dieses Eigenkapital zu bilden". Eine immer wieder diskutierte Vermögenssteuer hält die Unternehmerin für Gift. "Substanzbesteuerung geht wider die Eigenkapitalbildung und kann zum Ruin führen", sagt sie. Hinzu komme, dass die Banken vorsichtiger geworden seien bei der Kreditvergabe und nicht so schnell Finanzierungen bewilligten.

Den Schaden, so glaubt Obermeier-Osl, trage der Industrie-Standort Deutschland davon. Dringende Investitionen in Forschung und Entwicklung könnten die Unternehmen nicht leisten. Auch "die vielen guten Ideen" des Mittelstandes in Sachen Klimaschutz könnten nicht finanziert werden. "Wir müssen aufpassen, dass das produzierende Gewerbe nicht mehr und mehr abwandert", mahnt die IHK-Vizepräsidentin.

Sie selbst befinde sich in einer "guten Ausgangsposition mit einer hohen Eigenkapitalquote". Investitionen könne die Firma Obermeier selbst finanzieren. Und eines ist ihr dann auch noch wichtig: Als Frau habe es man es sowieso "nicht schlechter bei den Verhandlungen mit dem Vorstand einer Bank".

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Sonja Ziegltrum-Teubner führt seit mehr als einem Jahrzehnt das Traditionsunternehmen Bayerische Blumen-Zentrale. Ihre Heimatverbundenheit und ihr soziales Engagement erweisen sich in der Corona-Krise als Vorteile.

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