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Frauen in der Politik:Allein unter Männern

Stadtratsplenum in München, 2018

Vollversammlung des Münchner Stadtrats 2018: Nicht nur im Münchner Sitzungssaal gibt es einen Männerüberschuss.

(Foto: Florian Peljak)

Nur ein Fünftel der Mitglieder kommunaler Gremien ist weiblich - das liegt auch an alten Rollenbildern.

Von Andreas Glas

Rathaus, erster Stock, Sitzungssaal. Am Tisch, dritter Stuhl von links, sitzt Helga Fischer. Sie sitzt hier jeden dritten Mittwoch im Monat, wenn in Schorndorf (Kreis Cham) der Gemeinderat tagt. 14 Mitglieder, plus Bürgermeister. Fischer ist mittendrin. Und doch allein. Sie ist die einzige Frau, seit 18 Jahren. "Traurig", sagt Fischer, zieht eine Broschüre aus ihrer Mappe und klappt sie auf. Die Kandidatenliste ihrer Partei, Freie Wähler. Fischer zählt durch: 19 Männer, 9 Frauen, immerhin. "Das war bei der letzten Wahl genauso. Ich hätte nie gedacht, dass ich am Ende wieder alleine bin. Aber leider ist es so."

Allein unter Männern. So geht es nicht nur Helga Fischer, auch wenn der Frauenanteil in Schorndorf besonders mickrig ist. 7489 Frauen wurden bei der Kommunalwahl 2014 in Bayerns Stadt-, Kreis- und Gemeinderäte gewählt - und 29 701 Männer. Frauenanteil: nur 20,1 Prozent. Warum? "Ganz einfach kann ich mir das auch nicht erklären", sagt Fischer.

Sie hat ja recht. Es ist nicht einfach zu erklären. Aber die Kommunalwahl ist ein guter Anlass, um Erklärungen nachzuspüren - und der Frage, ob es diesmal besser werden könnte. In Schorndorf, bei Helga Fischer, 71. In Parkstein, bei Tanja Schiffmann, 45. Vielleicht ja überall in Bayern.

"Eine absolute Antwort gibt es nicht." Das sagt auch Schiffmann, die in Parkstein (Kreis Neustadt a. d. Waldnaab) seit sechs Jahren Bürgermeisterin ist. Dann packt auch sie eine Broschüre auf den Tisch in ihrem Büro. Wieder eine der Freien Wähler. Der FW-Kandidat will der CSU-Bürgermeisterin das Amt streitig machen. Die Broschüre hat sechs Seiten. Kein Wahlprogramm, nur Sticheleien gegen Schiffmann. Ihre Neujahrsansprache? "Deplatziert". Ihre Standortsuche fürs neue Seniorenheim? Habe mit "einer souveränen Bürgermeisterin" nichts zu tun. Besondere Leistungen? Davon könne "nicht die Rede sein".

"Volle Breitseite", sagt Schiffmann, "das ist nicht der Stil der Frauen." In Parkstein sitzen zwölf Markträten nur zwei Markträtinnen gegenüber. Aber der Chefsessel gehört einer Frau. Schiffmann ist eine von 186 Bürgermeisterinnen und Oberbürgermeisterinnen in Bayern - gegenüber 1868 Männern. Nur knapp zehn Prozent Frauenanteil. Das habe auch mit der Debattenkultur in den männlich geprägten Gremien zu tun, sagt Schiffmann und zeigt noch einmal auf die Broschüre ihres Konkurrenten. "Manchmal sehr derb" gehe es im Marktrat zu, viele "flache Sprüche", sagt Schiffmann. Sie selbst "mache den Mund auf, wenn ich wirklich was zu sagen habe. Und nicht, wenn ich mich wichtig machen will."

Ihre subjektive Sicht? Nein. Die Kommunalpolitik "ist durch Rituale und Formen geprägt, die eher abschreckend wirken", heißt es auch in einem Heft des Deutschen Frauenrates. "Ich kann mich über unsere Männer nicht beschweren", sagt dagegen Helga Fischer, die einzige Schorndorfer Gemeinderätin. Aber wenn es um vermeintliche Männerthemen gehe, "ums Bauen" etwa, "heißt es schon mal: Das verstehst du eh nicht." Für den Frauenrat gehören solche Sprüche zu den historisch-soziologischen Ursachen für den geringen Frauenanteil. Die Männer sind für die Politik zuständig, die Frauen für das Private und die Familie - so ist das über Jahrhunderte gewesen. Rollenbilder, die es ganz offensichtlich heute noch gibt, gerade in ländlichen Regionen.

"Was will denn eine Frau im Gemeinderat? Habe ich selber schon gehört", sagt Helga Fischer. Das sei "auch von vielen Frauen gekommen", als sie Ende der Neunzigerjahre zum ersten Mal kandidierte. Inzwischen höre sie das kaum mehr, sagt Fischer. Und trotzdem: Je ländlicher die Kommune, desto kleiner noch immer der Frauenanteil in den politischen Gremien. Während dieser Anteil in den Stadträten bei rund 33 Prozent liegt, sind Bayerns Gemeinderäte zu rund 19 Prozent weiblich. "Ich bin guter Dinge, dass sich das ändern wird", sagt Tanja Schiffmann. Bis dahin sei es aber noch "ein langer Weg".

Schiffmann ist Anwältin mit eigener Kanzlei. Ihr Mandat als Bürgermeisterin ist ein Ehrenamt, wie in vielen kleinen Kommunen. Statt Gehalt gibt es eine Aufwandsentschädigung, die Schiffmann teils versteuern muss. Was ist Haupt-, was ist Nebenjob? "Fifty-fifty", sagt sie. 40-Stunden-Woche? Keine Chance. Auch das ist ein Hindernis für Frauen, die sich kommunalpolitisch engagieren wollen. Erst recht auf dem Land, wo die Rollen traditioneller sind als in den Städten - und Frauen meist die Hauptlast tragen, wenn es um die Erziehung der Kinder geht. "Wenn du kleine Kinder hast, kannst du das sowieso nicht machen", sagt Helga Fischer. Sie ist Gemeinderätin, Seniorenbeauftragte in Schorndorf, Mitglied im Pfarrgemeinderat, im Wanderverein, im Schützenverein, und, und, und. Jetzt, als Rentnerin, gehe das alles. Aber damals, als junge Mutter, "da hätte ich das meinen Kindern nicht angetan".

Kinder und Kommunalpolitik, das sei "sicherlich nie leicht", sagt auch Tanja Schiffmann, die zwei erwachsene Kinder hat. "Aber es geht, wenn man einen Partner hat, der da mitmacht." Und "idealerweise eine Oma", die sich um die Kinder kümmere. Und einen Hauptberuf, der es zulasse, die Arbeitszeit "relativ flexibel" einzuteilen. Ziemlich viele Wenns. Aber zumindest über sich selbst sagt Schiffmann: "Es funktioniert."

Der Deutsche Frauenrat nennt noch einen Grund für die niedrige Frauenquote: "das Nadelöhr der Nominierung". Frauen gehen demnach meist später in die Politik als Männer - wenn eben die Kinder nicht mehr klein sind. Den Männern verschafft das einen Zeitvorsprung, um sich in den Parteien zu etablieren, zu vernetzen. Für eine Frau, die später dazustößt, ist es oft schwer, die etablierten Männerzirkel zu sprengen. Auch Tanja Schiffmann wurde vor der Wahl 2014 nicht einfach nominiert. Sie musste erst gegen einen parteiinternen, männlichen Konkurrenten gewinnen. "Wir haben immer männliche Bürgermeister gehabt", sagt Schiffmann. Eine Kandidatin sei noch vor sechs Jahren "was ganz Neues" gewesen, "damit haben manche schon Schwierigkeiten gehabt".

Doch allein den Männern wollen weder Schiffmann noch Fischer die niedrigen Frauenquoten vorwerfen. Beide versuchen seit Jahren, Frauen für die Kommunalpolitik zu gewinnen. Meistens heiße es dann "Das ist nichts für mich", sagt Gemeinderätin Fischer. Und warum? "Viele haben Angst, dass sie nicht gewählt werden." Eine berechtigte Sorge, wenn man weiß, dass in Schorndorf zuletzt 14 Frauen für den Gemeinderat kandidiert haben - und nur Fischer reinkam.

Auch Gemeindetagspräsident Uwe Brandl (CSU) hat erzählt, er "habe Gespräche mit fast 70 Frauen geführt". Er wollte sie überreden, als Bürgermeisterinnen zu kandidieren. Übrig geblieben seien sechs, sagte er. Doch auch das erklärt nicht, warum die Frauen, die kandidieren, oft nicht gewählt werden, wie eben in Schorndorf, in Parkstein. "Wenn alle Frauen Frauen wählen würden, dann wäre es kein Problem", sagt Tanja Schiffmann. Offenbar gebe es auch viele Frauen, die dem Rollenbild nachhängen, dass Politik immer noch Männersache sei. "Ich glaube, dass viele Frauen jetzt mal ein Erfolgserlebnis brauchen. Es wäre wichtig, dass sie gewählt werden", sagt Schiffmann. Dann würden sich auch mehr Frauen zu einer Kandidatur ermutigt fühlen.

Ob diesmal aber wirklich mehr Frauen in den Landratsämtern, Rathäusern und Gemeinderäten landen, lässt sich kaum prognostizieren. Dafür ist die Lage zu unübersichtlich, dafür gibt es zu viele Kommunen, in denen am Sonntag gewählt wird. Die Chance aber ist da. Nach Schätzungen des Gemeindetags steht in mindestens der Hälfte der Kommunen, wenn nicht in zwei Dritteln, ein Wechsel an. Theoretisch tun sich also Lücken auf, in die nun Frauen stoßen könnten. Praktisch ist die Sache komplizierter. Helga Fischer ist trotzdem optimistisch, "dass diesmal mehr Frauen reinkommen" in den Schorndorfer Gemeinderat. Und dass sie nach 18 Jahren nicht mehr allein ist.

© SZ vom 14.03.2020

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