Kanzlerin in München Merkel spottet, Söder klagt

Die Kanzlerin gibt dem bayerischen Ministerpräsidenten bei einem Abendessen die Ehre. Mit ihrem Witz kann Söder nicht mithalten.

Von Marc Beise

Drei Wochen sind es noch bis zur Neuwahl des Bayerischen Landtags, und für die bisher alleine regierende CSU sieht es bitter aus. 35 Prozent oder weniger, und die AfD bundesweit auf Platz 2 der Umfragen, das ist der blanke Horror. Gerade noch hatte ein CSU-getreuer Wirtschaftsführer einem zugeraunt, das ganze Drama sei "wegen der Merkel, unmöglich die Frau". Die Flüchtlingskanzlerin und Aussitzerin, die Reizfigur der CSU-Größen von Horst Seehofer bis Markus Söder, von Parteichef bis Ministerpräsident. Jetzt sitzt genau diese Reizfigur im roten Blazer im Ballsaal eines führenden Münchner Hotels, und neben ihr Markus Söder, ausgerechnet der.

Kein gemeinsamer Wahlkampfauftritt der beiden ist bisher verbürgt, aber dieser Abend war namentlich Söder wichtig. Merkel hatte gezögert, sich aber dann in die Obhut der Münchner Filmproduzentin und Unternehmerin Susanne Porsche begeben. Die hat nun etliche Münchner Bürger aus der Wirtschafts- und Kulturszene zum Abendessen eingeladen, eine geschlossene Gesellschaft, in der sich die Kanzlerin deutlich wohler fühlt als der Ministerpräsident.

In der gemeinsamen Fragerunde lässt Merkel etwas von ihrem Witz erkennen, den sie sonst nur in kleinstem Kreis offenbart. Söder kann da nicht mithalten, er erschöpft sich in "In Bayern ist alles besser"-Floskeln.

Von wegen Geheimtreffen

Der Ministerpräsident beklagt Gerüchte über ein "Geheimtreffen" der beiden, es werde spekuliert, gegen wen sich das nun wohl richte, da sehe man mal wieder, wie die Politiker durchs mediale Dorf getrieben würden. Nicht dass man ihn noch für einen "hinterhältigen Typ" halte, kalauert Merkel. Gelächter. "Das Gute an einem Geheimtreffen ist, da hören die Leute hin."

Das mit dem Geheimtreffen geht auf ihre Kappe. Denn als die SPD am Freitag den Fall Maaßen wieder aufmacht und die Absprache in der großen Koalition aufkündigt, wonach der unglückselige Verfassungsschutzchef zwar abberufen, aber in Seehofers Innenministerium befördert werden soll, gerät sie in Erklärungspflicht. Also geht Merkel vor Beginn des Dinners kurz vor die herbeigerufenen Kameras und erklärt, sie sei mit Neuverhandlungen in der Causa Maaßen einverstanden. Eine tragfähige Lösung mit Seehofer und SPD-Chefin Andrea Nahles solle noch am Wochenende gefunden werden. Mit diesem öffentlichen Auftritt ist der kurze München-Besuch enttarnt. Der ist zwar nie "geheim" gewesen, aber immerhin nicht öffentlich.

Wie es ihr so gehe, wird die Kanzlerin zu Beginn gefragt, und sie holt kurz Luft: "Wie immer fokussiert", Pause, "auf die jetzige Situation". Ob sie denn wisse, wie viel Vertrauen da in den letzten Tagen zerstört worden sei? Natürlich, so die Antwort, sie lese Zeitungen auch: "Wir sind doch keine Ignoranten." Das Thema, das Söder als "Personalie in einer nachgelagerten Behörde" abtut, müsse an diesem Wochenende erledigt werden, die "Leute erwarten, dass wir die wichtigen Dinge anpacken". Söder dagegen wird zum Aufwärmen nach dem Oktoberfest gefragt, er lässt sich bereitwillig darauf ein.

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Die Groko-Spitze spricht dieses Wochenende noch einmal über die Zukunft des Verfassungsschutzchefs. Prominente Mitglieder von CDU und SPD reagieren mit Lob, Ermahnungen und einem Forrest-Gump-Zitat.

Für Merkel sind die wichtigen Dinge der Wohnungsgipfel, die Flüchtlingsfrage, Türkei und China, die Digitalisierung. Für Söder der Umstand, dass Bayern einfach überall gut dastehe. Nebenbei sorgt er sich über die Verrohung der Sprache, den Hass, der sich im Internet breit macht. "Aus bösen Gedanken werden böse Worte. Hoffentlich nicht mehr", und: "Wir müssen aus der Hassspirale rauskommen." Ob CSU-Leute zur Verhärtung der Fronten beigetragen haben, sagt er nicht, aber er knöpft sich die AfD vor. Seit dem Aufmarsch Rechter in Chemnitz sehe man diese Partei klarer, die manche anfangs für eine Protestpartei gehalten hätten, aber das sei nicht nur Protest, dass sei kaltblütiger Plan. Merkel sagt dazu nichts, warum auch, sie hatte mit den Themen der AfD nie etwas am Hut.

Zur Abwechslung lobt Merkel nun Bayern, irgendwie ist das hier ja auch ein Wahlkampfauftritt. Aber das geht dann so, dass sie das wirtschaftlich erfolgreiche Land würdigt, das junge Menschen aus der ganzen Republik anzieht, ein großer Schatz. Soll wohl heißen: Dafür kann der Söder ja nun nix. Und dass das bayerische Kabinett stundenlag tagt, dass das ein Ort ist, "an dem wirklich Fragen erörtert werden", bewundere sie sehr. Aber es liege eben dran, dass die CSU bisher mit absoluter Mehrheit regiert. Sie in Berlin dagegen muss in der Koalitionsregierung alles und jedes im Vorfeld abstimmen, Spaß macht das nicht.

Überhaupt, reden, abstimmen, das ist ihr Geschäft auch auf der europäischen Bühne, in dieser Woche war ja EU-Gipfel in Salzburg. Da ist nichts rausgekommen, aber eigentlich ist sie trotzdem guter Dinge nach Berlin zurückgeflogen, man hat voneinander gelernt, ambitioniert klingt das nicht. Gut beispielsweise, dass die anderen jetzt auch Afrika entdeckt haben, dass sie erkannt haben, wie wichtig es ist, dort die Verhältnisse zu verbessern. Überhaupt solle man den Kontinent nicht immer als Problem sehen, sondern von den Menschen dort lernen, beispielsweise "Lebensfröhlichkeit". Und noch einmal: "Wir müssen an Afrika glauben."

Nach dem Essen fliegt die Kanzlerin zurück nach Berlin. Ob sie zum Oktoberfest wiederkomme, wird sie noch gefragt. Nach kurzem Stutzen sagt sie: "Mich hat ja niemand eingeladen."

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