Grafenwöhr:"Ohne Militär wäre der Naturreichtum hier längst Vergangenheit"

"Natur und Militär sind kein Gegensatz", sagt Förster Maushake. "Im Gegenteil: Ohne Militär wäre der Naturreichtum hier längst Vergangenheit." Wenn die Soldaten hier abzögen, wäre es schnell vorbei mit den Naturschätzen. Das Gelände würde zuwuchern. Schon in wenigen Jahrzehnten stünde hier ein dichter Wald. Die bayerische Serengeti wäre verschwunden. Dass sie überhaupt erhalten geblieben ist, hat mit der Geschichte des Truppenübungsplatzes zu tun.

Am 3. Dezember 1906 unterzeichnete Prinzregent Luitpold das Dekret für den Bau eines Schießplatzes in Grafenwöhr. Hier in der kargen Oberpfalz sollte künftig das III. Bayerische Armeekorps üben. Am 30. Juni 1910 fiel aus einer Haubitze der erste Schuss auf dem Schießplatz. Ein Kanonier namens Michael Kugler feuerte ihn ab. Damals war der Truppenübungsplatz nicht einmal halb so groß wie heute. Die Nationalsozialisten erweiterten ihn auf die jetzige Fläche. 1945 übernahm die US-Army Grafenwöhr. Heute ist es ihr größtes Trainingsgelände außerhalb der USA.

107 Jahre Truppenübungsplatz Grafenwöhr, das sind nicht nur 107 Jahre Schießen. Sondern 107 Jahre, in denen Natur und Landschaft hier tabu waren für alle möglichen Entwicklungen der Moderne. Vor allem für die Umbrüche in der Landwirtschaft. Denn Landwirtschaft findet hier nicht statt. Das heißt: In Grafenwöhr wurde nie Kunstdünger ausgebracht, nie Gülle und nie Pflanzenschutzmittel.

Auch Flurbereinigungen, die aus kleinen Weiden und Äckern immer größere gemacht haben und überall das Ende von wilden Waldrändern, Feuchtwiesen, Magerrasen, Hecken und Büschen samt der Tierwelt darin waren, fanden nicht statt. Stattdessen wurden die Natur und die Landschaft so erhalten, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren. Und damit ihre einzigartige Artenvielfalt.

Außerdem hat der Militärbetrieb Effekte, die in der Agrarlandschaft nicht mehr möglich sind. Die unzähligen Granaten und Geschosse, die die Soldaten abfeuern, setzen immer wieder Grasland in Brand. Bisweilen sogar Hunderte Hektar. So lange von den Feuern keine Gefahr ausgeht, lassen die Soldaten sie brennen, bis sie von selbst ausgehen. Nach kurzer Zeit setzt auf den schwarzen Böden üppigstes Wachstum ein. Und in die angekohlten Kiefern legen extrem seltene Brandkäfer ihre Eier ab. Außerhalb des Truppenübungsplatzes ist so etwas undenkbar. Bei einem Blitzschlag auf einer Wiese muss dort sofort die Feuerwehr anrücken und löschen.

Oder die tiefen Fahrspuren, die die Soldaten mit ihren Panzern in den Boden reißen. In ihnen hält sich wochenlang das Regenwasser. Die tiefen Pfützen sind optimale Laichgebiete für Gelbbauchunken und andere seltene Amphibien. Deshalb trifft man auf dem Truppenübungsplatz viele Gelbbauchunken an. Außerhalb gibt es fast nirgends mehr solche Tümpel und kaum noch Gelbbauchunken.

Mit der bayerischen Serengeti und dem Rotwild verhält es sich genauso. Die Tiere, die zu den größten frei lebenden in Mitteleuropa zählen, sind bei Bauern und Förstern nicht wirklich gern gesehen. Die einen fürchten um ihre Ernten, die anderen um den Wald. Rotwild ist gefräßig. So ein Hirsch vertilgt am Tag zehn Kilo Gras, Kräuter, feine Triebe junger Bäume und anderes Grünfutter. Damit die Fraßschäden nicht überhand nehmen, wird das Rotwild für gewöhnlich kurz gehalten.

Anders in Grafenwöhr. Hier sind die Hirsche hochwillkommen. "Denn wir dürfen die Impact Area Alpha ja auf keinen Fall zuwuchern lassen", sagt Förster Maushake. "Die Soldaten brauchen freie Sicht ins Zielgebiet." Also machen Maushake und seine Leute nur in den Wäldern des Übungsplatzes scharfe Jagd auf das Rotwild. In der Impact Area Alpha lassen sie die Tiere in Ruhe. "Schlau wie sie sind, haben sie das schnell kapiert", sagt Maushake. "Das allermeiste Rotwild bei uns lebt in der Graslandschaft." Dort kann man gut beobachten, wie es zu Hunderten Unmengen Gras vertilgt - und dafür sorgt, dass die bayerische Serengeti einzigartig bleibt.

© SZ vom 23.09.2017/mkro
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