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Geschichte:"Die Koexistenz war hart erkämpft"

Besonders gut lief es in Fürth. Der sogenannte Schulhof umfasste bald mehrere Synagogen, rituelle Bäder, ein Krankenhaus, ein Waisenhaus und eine hebräische Druckerei. "Die Koexistenz, die es gab, war hart erkämpft", sagt Töllner. Andernorts kam es Ende des 17. Jahrhunderts auch zu Pogromen, wie in Bamberg. Dort entluden christliche Bürger ihren Unmut über schlecht laufende Geschäfte plündernd an den jüdischen Bambergern. Erst rechtfertigten Christen die Unterdrückung mit der Religion, jetzt führten sie ökonomische Gründe an. Der Antisemitismus saß tief.

Und doch erarbeiteten sich jüdische Geschäftsmänner gute Beziehungen zur Oberschicht. So wie Aron Elias Seligmann, den der bayerische Kurfürst Maximilian I. Joseph 1799 als Hoffaktoren an seinen Hof rief. Denn es waren "die bayrischen Finanzen in großer Unordnung, alle Staatskassen ausgeleert und selbe überdies noch mit unerschwinglichen Rückständen belastet", wie der Kurfürst öffentlich bekannt machte. Aron Seligmann sollte das richten. Mit 14 Millionen Gulden finanzierte er den Sold der Truppen auf dem Kriegsfeld sowie Beamtengehälter und wurde dafür als Freiherr von Eichmann in den Adelsstand erhoben.

Die Mehrheit wurde weiterhin diskriminiert: Auf Reisen zahlten sie einen sogenannten Leibzoll, gesellschaftlich standen sie auf einer Stufe mit Henkern und Schindern, und sie durften in der Hauptstadt keine Kinder entbinden. Ein jüdischer Arzt aus Würzburg schrieb: "In nichts fühle ich mich als Jude mehr gekränkt als in diesem sklavischen Tribut des Leibzolls; ein Mensch soll an Menschen seinen Leib verzollen! Welcher Abscheu!"

Das sollte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts endlich ändern. Im Jahre 1806 rief eben jener Kurfürst Maximilian I. Joseph das Königreich Bayern aus. Das umschloss nun auch Teile Frankens, in denen Juden lebten. Das bayerische Judenedikt von 1813 sicherte der jüdischen Bevölkerung dann zwar eine relative Gleichstellung zu, begrenzte aber durch den sogenannten Matrikelparagrafen die Anzahl der jüdischen Familien pro Ort. Wieder kam es zu einer Massenemigration: Die Söhne wanderten zu Tausenden Richtung Amerika aus, rund 11 000 Juden verließen Bayern Mitte des 19. Jahrhunderts. Trotzdem erreichte die Zahl der jüdischen Gemeinden in Bayern nach dem Judenedikt ihren Höhepunkt.

Mit der Urbanisierung endete das Landjudentum, die Gemeinden in Städten wie München wuchsen. Immer mehr Vereine nahmen auch jüdische Mitglieder auf, Religion verlor ihren alles bestimmenden Charakter. Gemeinschaft wurde, zumindest für die nächsten hundert Jahre, möglich. Einige jüdische Gemeinden passten sich der evangelischen Kirche an, immer wieder konvertierten Juden zum christlichen Glauben, um Benachteiligungen zu entgehen. Auch wenn schon 1848 allen Staatsbürgern, wozu jetzt auch die jüdische Bevölkerung zählte, gleiche politische Rechte zugesichert wurden, war die volle Gleichstellung erst mit der Verfassung von 1871 erreicht. Endlich konnten sich auch die jüdischen Bayern voll entfalten, Gemeinden blühten auf. Viele jüdische Bayern setzten sich für ihr Land ein - 12 000 deutsche Juden fielen im Ersten Weltkrieg, der erste bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner stammte aus einer jüdischen Familie.

Doch für den Schriftsteller Jakob Wassermann war diese scheinbare Gleichstellung ein Trugbild. 1921 bezeichnete er die Situation der Juden in Bayern, als "vogelfrei". Den jüdischen Bürgern wurde die Schuld für den verlorenen Krieg gegeben, die Lehren Charles Darwins wurden gegen die jüdische Bevölkerung ausgelegt. Wassermann fühlte sich ausgeliefert, obwohl er zu den populärsten Autoren seiner Zeit zählte und im Freistaat in mehr als 200 Orten jüdische Gemeinden lebten. Dass München, wo er zwischenzeitig lebte, schon bald zur Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung wurde und besonders eifrig antijüdische Gesetze umsetze, erlebte er nicht mehr. Auch nicht, dass das erste offizielle Konzentrationslager in Dachau eingerichtet wurde. Mit den Rassegesetzen aus Nürnberg 1935 und der Reichspogromnacht 1938 endete das jüdische Leben in Bayern. Bestenfalls im Exil, meist aber in der systematischen Ermordung.

Christlich-jüdischer Dialog seit 1945

Nach dem Krieg lebte jüdisches Leben noch einmal kurz in den Lagern auf, in denen die sogenannten Displaced Persons untergebracht waren. Doch der Großteil wanderte von dort 1948 nach Israel aus. Dennoch schlossen sich in Bayern jüdische Bürger, wenn auch nur einige wenige, zu neuen jüdischen Gemeinden zusammen - verstärkt in den 1990ern durch die Kontingentflüchtlinge.

Heute gibt es in 13 bayerischen Städten jüdische Gemeinden, teils mit Kindergärten, Schulen, Altenheimen. "Die Feindseligkeit war immer wieder das dominierende Element der Beziehungen zwischen Christen und Juden. Das kann man nicht in 80 Jahren aus den Kleidern schütteln", sagt Töllner. Auch heute noch sei man schnell mit Urteilen über Juden zur Hand, selten beschäftigen sich Leute mit der Religion und dem Selbstverständnis. Doch die Juden in Bayern scheinen an das zarte Pflänzchen zu glauben, das seit 1945 im christlich-jüdischen Dialog gewachsen ist. Sie bleiben in ihrer Heimat, in der Hoffnung, dass die nächsten Generationen auf Polizeischutz verzichten können.

© SZ vom 28.07.2018
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