Süddeutsche Zeitung

Geschichte:Juden in Bayern haben ein Jahrtausend der Feindseligkeit hinter sich

Auch wenn die Politik neuerdings von einer christlich-jüdischen Wertegemeinschaft redet: In Bayern war davon einst wenig zu spüren. Juden wurden meist verfolgt, schikaniert oder gar ermordet.

Von Birte Mensing

Immer wieder wird sie bemüht, die "christlich-jüdische Wertegemeinschaft". Gerne von Politikern der Parteien mit C im Namen. Selten geht es dabei tatsächlich um Gemeinsamkeiten, vielmehr um die Abgrenzung gegenüber anderen, gegenüber Muslimen. Historisch betrachtet ist der Begriff höchst anmaßend. "Wer von christlich-jüdischer Wertegemeinschaft spricht, betreibt Geschichtsklitterung", sagt Axel Töllner, Leiter des Instituts für christlich-jüdische Studien und Beziehungen der Augustana Hochschule in Neuendettelsau. Der Begriff suggeriere, dass es historisch eine Gemeinschaft gab, doch die christliche Mehrheitsgesellschaft versagte über Jahrhunderte hinweg den jüdischen Bayern die Teilhabe an einem gemeinschaftlichen Zusammenleben. "Es war ein Kampf der Selbstbehauptung."

Mit Handelsschiffen aus dem Nahen Osten erreichten die ersten jüdischen Kaufleute auf der Donau bayerische Gebiete. Sie hatten unter anderem Salz, Wein und Pferde im Angebot. So zumindest steht es in der Raffelstetter Zollordnung, verfasst um das Jahr 900 im gleichnamigen Ort an der Donau. In Regensburg siedelten sich Händlerfamilien an und gründeten die erste jüdische Gemeinde in Bayern.

Die "fast eintausendjährige Tradition der Feindschaft", wie Töllner sagt, begann mit dem ersten Kreuzzug 1096: Juden seien Christusmörder und damit Feinde des Christentums, erklärten Prediger. Das Ziel der Kreuzfahrer: Möglichst viele Feinde ermorden und dann Jerusalem einnehmen. In Regensburg zwangen die Kreuzfahrer einen Teil der jüdischen Bevölkerung zur Taufe und töteten den Rest.

Kaiser Heinrich IV. stellte 1103 die jüdische Bevölkerung auf dem gesamten Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation unter seinen Schutz. Allerdings ließ er sich diesen Schutz etwas kosten, die Juden mussten besonders hohe Steuern zahlen. Zudem wurden sie 1215 von der Kirche verpflichtet, sich mit einem sogenannten Judenhut oder einem gelben Fleck auf der Kleidung zu kennzeichnen. Auf dieses Motiv des christlichen Antijudaismus griffen später die Nationalsozialisten zurück, als sie Juden zwangen, einen Judenstern zu tragen.

Trotz Unterdrückung brachten Regensburg, Würzburg und Rothenburg angesehene jüdische Gelehrte hervor. Der Rabbiner Meir ben Baruch, auch genannt Meir von Rothenburg, studierte in Würzburg und Paris, bevor er 1236 in Rothenburg ob der Tauber in seinem geräumigen Haus eine religiöse Schule gründete - die erste Jeschiwa in Bayern. Dort lehrte der Rabbiner, der für sein außerordentliches Gedächtnis bekannt war, Schüler aus ganz Europa den Talmud und debattierte jüdische Rechtsfragen. Er hatte als Rabbiner die richterliche Gewalt über seine Gemeinde. Nach dem Tod seines Vaters kehrte er nach Worms zurück, beschloss dann aber, nach Palästina auszuwandern - die genauen Gründe sind nicht überliefert. Doch auf dem Weg wurde er verhaftet, weil die Machthaber sich ihre Steuern nicht entgehen lassen wollten. Er starb nach sieben Jahren in Gefangenschaft.

Geld verleihen, etwas, das den Christen nicht erlaubt war

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts kochte die Stimmung gegen die jüdischen Bewohner Bayerns hoch. Den grausamen Auftakt bildeten der Brand der Münchner Synagoge mit darin eingeschlossenen Gemeindemitgliedern im Jahr 1285 und die Massaker einer Gruppe um den fränkischen Aufrührer Rintfleisch 1298. Der konstruierte Vorwurf: Hostienschändung. Die ihm folgenden Horden töteten mindestens 4000 fränkische Juden in etwa 150 Städten.

Manchmal aber wurden Juden hofiert. Denn sie durften etwas, was Christen nicht erlaubt war: Geld verleihen. Viel anderes blieb ihnen nicht übrig, Ackerbau und Handwerk waren ihnen nur für den Eigenbedarf gestattet. In den folgenden Jahrzehnten versuchten Herrscher immer wieder, jüdische Kreditgeber an ihren Hof zu locken. In Deggendorf und Straubing zum Beispiel bekamen jüdische Kaufleute erst Handelsprivilegien und wurden dann, als die Schulden der Christen zu hoch wurden, vertrieben. Ihr Geld teilten die Bürger unter sich auf.

Der Nürnberger Reformator Andreas Osiander setzte sich mit seinen jüdischen Nachbarn auseinander. Daraufhin stufte er in einem Gutachten die Ritualmord-Gerüchte, so Töllner, als "totalen Nonsens" ein. Trotzdem begann Mitte des 15. Jahrhunderts die restlose Vertreibung der Juden aus den bayerischen Städten. Immer noch lautete die Begründung: Hostienfrevel und Ritualmord. Ihnen wurde aber auch vorgeworfen, Brunnen zu vergiften und damit die Pest auszulösen. Auch in anderen Teilen des Reiches sowie in Spanien wurden die Juden ausgewiesen. 1553 schließlich verbot der Herzog den Juden, in Bayern zu wohnen, zu handeln und überhaupt bayerischen Boden zu betreten. "Das die Juden mit iren Personen im Füstentumb Bayrn nit mer wonung haben noch auch sonst darinnen Handthieren sollen." So wurde es in der Landesordnung formuliert. Viele Juden flohen daraufhin nach Böhmen, Polen und ins Baltikum. Andere retteten sich in die fränkischen Gebiete, die unter der Herrschaft einzelner Bischöfe und Reichsritter standen. Damit begann die Zeit des fränkischen Landjudentums, in der die meisten Juden verarmten. Und doch entwickelte sich ein gemeinsamer Alltag von Christen und Juden, wie er nur in wenigen Gegenden des Deutschen Reiches möglich war.

"Die Koexistenz war hart erkämpft"

Besonders gut lief es in Fürth. Der sogenannte Schulhof umfasste bald mehrere Synagogen, rituelle Bäder, ein Krankenhaus, ein Waisenhaus und eine hebräische Druckerei. "Die Koexistenz, die es gab, war hart erkämpft", sagt Töllner. Andernorts kam es Ende des 17. Jahrhunderts auch zu Pogromen, wie in Bamberg. Dort entluden christliche Bürger ihren Unmut über schlecht laufende Geschäfte plündernd an den jüdischen Bambergern. Erst rechtfertigten Christen die Unterdrückung mit der Religion, jetzt führten sie ökonomische Gründe an. Der Antisemitismus saß tief.

Und doch erarbeiteten sich jüdische Geschäftsmänner gute Beziehungen zur Oberschicht. So wie Aron Elias Seligmann, den der bayerische Kurfürst Maximilian I. Joseph 1799 als Hoffaktoren an seinen Hof rief. Denn es waren "die bayrischen Finanzen in großer Unordnung, alle Staatskassen ausgeleert und selbe überdies noch mit unerschwinglichen Rückständen belastet", wie der Kurfürst öffentlich bekannt machte. Aron Seligmann sollte das richten. Mit 14 Millionen Gulden finanzierte er den Sold der Truppen auf dem Kriegsfeld sowie Beamtengehälter und wurde dafür als Freiherr von Eichmann in den Adelsstand erhoben.

Die Mehrheit wurde weiterhin diskriminiert: Auf Reisen zahlten sie einen sogenannten Leibzoll, gesellschaftlich standen sie auf einer Stufe mit Henkern und Schindern, und sie durften in der Hauptstadt keine Kinder entbinden. Ein jüdischer Arzt aus Würzburg schrieb: "In nichts fühle ich mich als Jude mehr gekränkt als in diesem sklavischen Tribut des Leibzolls; ein Mensch soll an Menschen seinen Leib verzollen! Welcher Abscheu!"

Das sollte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts endlich ändern. Im Jahre 1806 rief eben jener Kurfürst Maximilian I. Joseph das Königreich Bayern aus. Das umschloss nun auch Teile Frankens, in denen Juden lebten. Das bayerische Judenedikt von 1813 sicherte der jüdischen Bevölkerung dann zwar eine relative Gleichstellung zu, begrenzte aber durch den sogenannten Matrikelparagrafen die Anzahl der jüdischen Familien pro Ort. Wieder kam es zu einer Massenemigration: Die Söhne wanderten zu Tausenden Richtung Amerika aus, rund 11 000 Juden verließen Bayern Mitte des 19. Jahrhunderts. Trotzdem erreichte die Zahl der jüdischen Gemeinden in Bayern nach dem Judenedikt ihren Höhepunkt.

Mit der Urbanisierung endete das Landjudentum, die Gemeinden in Städten wie München wuchsen. Immer mehr Vereine nahmen auch jüdische Mitglieder auf, Religion verlor ihren alles bestimmenden Charakter. Gemeinschaft wurde, zumindest für die nächsten hundert Jahre, möglich. Einige jüdische Gemeinden passten sich der evangelischen Kirche an, immer wieder konvertierten Juden zum christlichen Glauben, um Benachteiligungen zu entgehen. Auch wenn schon 1848 allen Staatsbürgern, wozu jetzt auch die jüdische Bevölkerung zählte, gleiche politische Rechte zugesichert wurden, war die volle Gleichstellung erst mit der Verfassung von 1871 erreicht. Endlich konnten sich auch die jüdischen Bayern voll entfalten, Gemeinden blühten auf. Viele jüdische Bayern setzten sich für ihr Land ein - 12 000 deutsche Juden fielen im Ersten Weltkrieg, der erste bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner stammte aus einer jüdischen Familie.

Doch für den Schriftsteller Jakob Wassermann war diese scheinbare Gleichstellung ein Trugbild. 1921 bezeichnete er die Situation der Juden in Bayern, als "vogelfrei". Den jüdischen Bürgern wurde die Schuld für den verlorenen Krieg gegeben, die Lehren Charles Darwins wurden gegen die jüdische Bevölkerung ausgelegt. Wassermann fühlte sich ausgeliefert, obwohl er zu den populärsten Autoren seiner Zeit zählte und im Freistaat in mehr als 200 Orten jüdische Gemeinden lebten. Dass München, wo er zwischenzeitig lebte, schon bald zur Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung wurde und besonders eifrig antijüdische Gesetze umsetze, erlebte er nicht mehr. Auch nicht, dass das erste offizielle Konzentrationslager in Dachau eingerichtet wurde. Mit den Rassegesetzen aus Nürnberg 1935 und der Reichspogromnacht 1938 endete das jüdische Leben in Bayern. Bestenfalls im Exil, meist aber in der systematischen Ermordung.

Christlich-jüdischer Dialog seit 1945

Nach dem Krieg lebte jüdisches Leben noch einmal kurz in den Lagern auf, in denen die sogenannten Displaced Persons untergebracht waren. Doch der Großteil wanderte von dort 1948 nach Israel aus. Dennoch schlossen sich in Bayern jüdische Bürger, wenn auch nur einige wenige, zu neuen jüdischen Gemeinden zusammen - verstärkt in den 1990ern durch die Kontingentflüchtlinge.

Heute gibt es in 13 bayerischen Städten jüdische Gemeinden, teils mit Kindergärten, Schulen, Altenheimen. "Die Feindseligkeit war immer wieder das dominierende Element der Beziehungen zwischen Christen und Juden. Das kann man nicht in 80 Jahren aus den Kleidern schütteln", sagt Töllner. Auch heute noch sei man schnell mit Urteilen über Juden zur Hand, selten beschäftigen sich Leute mit der Religion und dem Selbstverständnis. Doch die Juden in Bayern scheinen an das zarte Pflänzchen zu glauben, das seit 1945 im christlich-jüdischen Dialog gewachsen ist. Sie bleiben in ihrer Heimat, in der Hoffnung, dass die nächsten Generationen auf Polizeischutz verzichten können.

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Quelle:
SZ vom 28.07.2018
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