Antisemitismus Europas Rechte führen einen infamen Kampf gegen das Schächten

Jüdisches Kind beim Berliner Koscher-Fest.

(Foto: Getty Images)

Koscheres Schlachten und religiöse Beschneidung werden immer wieder infrage gestellt, gerade auch in Deutschland. Verträgt die Gesellschaft Religionsfreiheit nicht mehr?

Gastbeitrag von Maram Stern

Im schönen Land Niederösterreich hat der für Tierschutz verantwortliche Landesrat Gottfried Waldhäusl von der Freiheitlichen Partei FPÖ einen Plan vorgestellt: Gläubige Juden, die koscheres Fleisch kaufen wollen, sollen vor dem Gang zur Metzgerei erst ihre Religionszugehörigkeit nachweisen und sich in entsprechende Bezugsberechtigungslisten eintragen lassen.

Waldhäusl will sogar den Kauf geschächteten Fleisches nur jenen frommen Menschen erlauben, die in Niederösterreich ihren Wohnsitz haben. "Wir sind nicht dazu da, den Wienern geschächtetes Fleisch zur Verfügung zu stellen," sagte er. Der Landesrat weiß natürlich, dass man die in St. Pölten und Umgebung lebenden Juden, die sich koscher ernähren, an einer Hand abzählen kann, und dass die meisten österreichischen Juden in Wien leben. Es ging ihm wohl auch eher darum, muslimischen Halal-Konsumenten einen Schuss vor den Bug zu geben.

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Dennoch bleibt festzuhalten: Ausgerechnet in Österreich wird ein antisemitischer Dauerbrenner, das Schächten, aus der Mottenkiste hervorgekramt. Und ausgerechnet die sogenannten Freiheitlichen sind es, die ein Verbot anstreben. Offiziell geschieht dies im Namen des Tierschutzes - in Wahrheit aber, weil man damit schön Stimmung machen kann auf dem Rücken von Minderheiten.

Die von Kritikern des Schächtens vorgebrachten Argumente sind ebenso scheinheilig wie falsch. Ein von einem geschulten Schlachter geschächtetes Tier leidet nicht mehr als ein konventionell geschlachtetes, und es wird nach dem Schnitt betäubt. Die schon von den Nazis verbreitete Mär vom Schächten als tierquälerischem rituellen Gemetzel hält jedenfalls einem Faktencheck nicht stand.

Ob Waldhäusl, selbst ein gelernter Landwirt, die in Großmetzgereien angewandten Schlachtmethoden als "humaner" ansieht, wissen wir nicht. Fest steht aber: Der von ihm vorgeschlagene Plan, dass sowohl Schächter als auch deren Kunden ihre Religionszugehörigkeit nachweisen müssen, ist perfide. Es ist zwar ein Randthema, das in der Praxis nur wenige Menschen betrifft, aber es ist dermaßen ideologisch aufgeladen, dass es die eigene Anhängerschaft der Rechtspopulisten anfeuert.

Maram Stern, 64, wuchs in Berlin auf. Er ist stellvertretender Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses und leitet seit mehr als 30 Jahren das Europabüro der Organisation in Brüssel.

(Foto: Marco Limberg)

Die Debatte über das rituelle Schächten ist keine rein österreichische. Sie tobt genauso in anderen europäischen Ländern, beispielsweise in Belgien und den Niederlanden, und es sind keineswegs nur ultrarechte Parteien, die sie befeuern. Auch Populisten anderer Couleur fordern ein Verbot. Auch im Wahlprogramm der AfD für die bayerische Landtagswahl im Oktober steht: "Das betäubungslose Schlachten von Tieren ist aus tierschutzrechtlicher Sicht nicht mit der Ausübung des Glaubens zu rechtfertigen und strikt abzulehnen. Eine Ausnahmegenehmigung ist nicht zu rechtfertigen (...). Die AfD lehnt auch das Schächten mit vorheriger Elektrokurzzeitbetäubung ab."

Mit anderen Worten: Die AfD maßt sich die Deutungshoheit darüber an, was Teil des jüdischen Glaubens ist und was nicht - eine bizarre Form des Antisemitismus. Auch vor den christlichen Kirchen macht die Partei nicht halt. Sie fordert die Streichung aller staatlichen Leistungen für Religionsgemeinschaften. Dies beträfe dann sicherlich auch den Bundeszuschuss für die jüdischen Gemeinden.

Nicht nur das koschere Schlachten, auch die religiöse Beschneidung wird immer wieder infrage gestellt, gerade auch in Deutschland. Die Debatte aus dem Jahr 2012, als das Landgericht Köln die Beschneidung von Minderjährigen untersagte und der Bundestag eilends ein Gesetz verabschieden musste, um die Religionsfreiheit zu gewährleisten, sitzt nicht nur uns Juden noch in den Knochen. Geht es nach der AfD, soll die religiöse Beschneidung Minderjähriger als "gravierende Körperverletzung" und "Verletzung der Menschenwürde" bestraft werden.

Obwohl die Debatten über das Schächten und die über die religiöse Beschneidung nicht komplett gleich gelagert sind, gibt es Parallelen. In beiden wird undifferenziert und mit abwegigen Begriffen hantiert: archaische Methoden, Tierquälerei, Kindesmissbrauch. Es formiert sich eine unheilige Allianz zwischen rechten und linken Kräften, zwischen solchen, die nur Judentum und Islam ablehnen und jenen säkularen Kräften, die vorgeben, mit Religion nichts am Hut zu haben - aber mit heiligem Eifer Stimmung machen gegen religiöse Traditionen, weil sie sie als fremd, rückständig und nicht zu "unserem" Kulturkreis gehörig ansehen.

Die Zukunft des europäischen Judentums ist keineswegs gesichert

In diesem Zusammenhang wäre auch die ständig wiederkehrende Diskussion über das muslimische Kopftuch zu nennen. Man kann ja über dieses Stück Stoff geteilter Meinung sein, aber muss man es im Namen der Freiheit gleich verbieten?

Steht uns also ein neuer Kulturkampf bevor? Verträgt die säkulare Gesellschaft des Jahres 2018 die Religionsfreiheit nicht mehr? Wem es mit dem Tierschutz, dem Kindeswohl oder den Frauenrechten wirklich ernst ist, der sollte nicht mit dem Finger zeigen auf Juden oder Muslime. Er sollte auch keine Scheindebatten darüber führen, deren Kern doch nur altbekannte Vorurteile sind.

Wir Juden sind besonders sensibel, wenn zum angeblichen Schutz der Werte des christlich-jüdischen Abendlandes mit Verve Kampagnen geführt werden, die genau diese Werte konterkarieren. Und wenn das ausgerechnet in Deutschland und Österreich geschieht, stellt sich schnell ein Déjà-vu-Erlebnis ein.

Nicht jeder, der das Schächten oder die religiöse Beschneidung ablehnt, ist gleich ein Antisemit oder ein Feind der Muslime. Wer aber böswillig auf dem Rücken religiöser Minderheiten Wahlkampf betreibt und Menschen pauschal unterstellt, Tiere zu quälen um ihrer Religion willen, dem geht es nicht um die Sache, sondern um Stimmungsmache.

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz, der ja gemeinsam mit der FPÖ regiert, hat jetzt klargestellt, es werde keine Registrierung von Juden oder Muslimen, die geschächtetes Fleisch kaufen, geben. Sein Vize, FPÖ-Chef Strache, lässt dagegen nicht locker. Das kann nur eines bedeuten: Viele Anhänger und Wähler springen auf das Thema an.

Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen, aber wie auch immer die Sache ausgeht: Dass in Mitteleuropa 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ganz unverblümt zentrale Elemente des Judentums zur Disposition gestellt werden, ist beschämend. Es zeigt, dass die Bekenntnisse mancher Rechtspopulisten zum Judentum und zu Israel in Wahrheit nur Lippenbekenntnisse sind.

Und es zeigt auch, dass die Zukunft des europäischen Judentums keineswegs gesichert ist.

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