Bildungspolitik In Nürnberg soll eine Super-Uni entstehen

Ein Professor soll an der neuen TU in Nürnberg nur 25 Studierende betreuen.

(Foto: dpa)
  • Nürnberg soll eine neue Technische Universität bekommen.
  • Sie soll 2025 fertig sein, 1,2 Milliarden Euro kosten und besser ausgestattet sein als alle anderen Hochschulen in Bayern.
  • Die Präsidenten anderer Hochschulen wollen eine Kannibalisierung verhindern - und fordern eine Mission für die TU.
Von Anna Günther

Festgeschrieben ist bisher nur der Beschluss im Kabinett: Nürnberg soll eine neue Technische Universität bekommen, die moderner und besser ausgestattet sein soll als alle anderen Hochschulen Bayerns. Dafür arbeiten Ministerium und Gründungskommission um den Münchner TU-Präsidenten Wolfgang Herrmann seit Monaten an einem Konzept, das dem des Massachusetts Institute of Technology (MIT) an der amerikanischen Ostküste gleichkommen soll.

Dass Joachim Hornegger und Michael Braun, die Präsidenten der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und der Technischen Hochschule Nürnberg (THN) nicht in die Entwicklung der neuen, unmittelbar benachbarten Uni einbezogen werden, hatte zuletzt Irritationen ausgelöst - zumal einiges, von der Staatsregierung als bahnbrechend beschrieben, längst an THN und FAU umgesetzt werden. Die enge Zusammenarbeit der technischen Studiengänge mit den Geisteswissenschaften etwa oder der Fokus auf interdisziplinäre Projekte.

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Am Mittwoch im Landtag waren alle um Harmonie bemüht. Neben Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) waren Herrmann, Hornegger und Braun in den Wissenschaftsausschuss gekommen. Allein Ministerin Marion Kiechle ließ sich kurzfristig entschuldigen. Sie hatte die Eckpunkte der Uni bereits im Juli vorgestellt: Die TU soll 2025 fertig sein, 1,2 Milliarden Euro kosten und neben technischen Studiengängen wie Biological Engineering, Computer Science & Engineering oder Mechatronic Engineering auch Geistes- und Sozialwissenschaften anbieten. 5000 Studenten sollen sich mit Mobilität, Umwelt, Klima und nachwachsenden Ressourcen befassen. Auf einen Professor sollen 25 Lernende kommen. An anderen Universitäten ist dagegen ein Verhältnis von eins zu 70 üblich - und durch bundesweite Rahmenbedingungen vorgeschrieben.

Getan hat sich seit Juli wenig. Zwar gibt es laut Ministerium ein detailliertes Konzept, das Mitte Oktober dem Wissenschaftsrat vorgestellt wird. Den Fraktionen und Hochschulpräsidenten aber sei es nicht zugeschickt worden, kritisierten THN-Chef Braun, Grüne und SPD. Ein Detail ist eine Abrechnung mit der Bologna-Reform: "Wir sind nicht der Ansicht, dass ein Bachelor-Studium berufsbefähigend ist, daher wird es an der neuen Uni ein integriertes fünfjähriges Curriculum geben", sagte Herrmann. Zwar sei überlegt worden, alle Ressourcen auf den Master zu richten, aber die Bachelorstudenten wollte die Kommission nicht anderen Hochschulen überlassen. "Wir wollen die jungen Leute lieber im interdisziplinären Geist der neuen Uni prägen", sagte Herrmann.

Für Nürnbergs OB Maly ist es ein Glücksfall, dass Ministerpräsident Markus Söder in seiner Heimat die neue Uni baut. "Das ist eine Chance für die Stadt, die immer noch unter dem Wetterleuchten des Strukturwandels leidet", sagte Maly. Die Stadt sei bereit: Die U-Bahn fahre ohnehin unter dem Campus-Gelände durch, im Süden könnte ein Bahnhof gebaut werden und im Norden eine Straßenbahnhaltestelle. Über den Hauptbahnhof sei die neue TUN an Erlangen angebunden. Maly könne sich einen autofreien Campus vorstellen. Außerdem seien eine Ganztagsgrundschule und ein Kinderhaus geplant.

Der interdisziplinäre Geist der neuen Uni

Dass Studenten der neuen Uni den Vorzug geben könnten, beschäftigt nicht nur die Opposition - auch wenn die Hochschulpräsidenten sich bedeckt halten und lieber auf die Spitzenpositionen in den Rankings verweisen. "Wir Franken werden niemandem den Gefallen tun, uns gegenseitig zu bekämpfen", sagte FAU-Chef Hornegger. Aber es sei wichtig, dass die bestehenden Hochschulen nicht geschwächt oder vernachlässigt werden.

Er erinnerte an den fünf Milliarden Euro teuren Sanierungsstau bei den Hochschulen. Der FAU wurden gerade 1,5 Milliarden Euro zugesagt. Um eine Kannibalisierung zu verhindern, forderte THN-Kollege Braun eine Mission für die TU: Der Großraum Boston/Cambridge sei ähnlich groß wie der Großraum Nürnberg, sagte Braun, nur kämen sich die Hochschulen dort durch unterschiedliche Missionen nicht in die Quere. Dass die neue TUN verstärkt internationale Studenten ansprechen will, sei ein Anfang.

Verena Osgyan (Grüne) und Michael Piazolo (Freie Wähler) reichte das nicht, sie fordern einen Masterplan für alle bayerischen Hochschulen, in den die Innovationen einfließen müssen. Helga Schmitt-Bussinger (SPD) mahnte, den Sanierungsstau nicht aus den Augen zu verlieren und mit FAU und THN zu kooperieren. Details könne man auch in der neuen Legislaturperiode besprechen, sagte Oliver Jörg (CSU).

Herrmann, Hornegger und Braun sprachen mehrmals die Balance zwischen Kooperation und Konkurrenz an. Noch schien letztere zu überwiegen: Der FAU-Präsident betonte wieder, dass er beim Aufbau mithelfen würde. Herrmann ging nicht darauf ein. FAU und THN seien intensiv beteiligt worden, sagte der Abteilungsleiter im Ministerium, Michael Mihatsch. Über die Intensität gingen die Ansichten auseinander. Hornegger berichtete von 90 Minuten Vorsprechen. Und während Herrmann das MIT im Ausschuss noch als Vorbild rühmte, informierte die FAU über einen "Schulterschluss für die Forschung": Eine engere Kooperation der FAU mit dem MIT.

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