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Großfamilien:Grundlos unter Hamster-Verdacht

Coronavirus - Göppingen

Was nach Hamsterkauf aussieht, ist nicht zwingend ein solcher. Familien mit vielen Kindern müssen viel einkaufen.

(Foto: Tom Weller/dpa)

Kinderreiche Familien brauchen viele Nudeln, viel Milch, viel Klopapier. Doch ihre regelmäßigen Großeinkäufe stoßen vielerorts auf Unverständnis.

Mit einem Liter Milch oder zwei Paketen Spaghetti kommt man nicht weit, mit einer Stange Toilettenpapier sowieso nicht, weiß Helmut Magis. Es ist vor allem dann nicht viel, wenn zu Hause eine Kinderschar versorgt werden will. Nun ist Magis, Rechtsanwalt von Beruf, offenbar noch in einer halbwegs passablen Situation, er hat "nur" fünf Kinder und wohnt in einer kleinen Gemeinde im Speckgürtel um München; da kennt man sich, und die Leute im Supermarkt wissen womöglich, dass in dem Fall ein Großeinkauf tatsächlich für eine Großfamilie gedacht ist.

Anders ist es wohl in Städten, und zumal bei höherer Kinderzahl. Magis kennt Beispiele, entsprechende E-Mails und Onlinepostings laufen dieser Tage bei ihm ein. Er ist Landesvorsitzender des Verbands kinderreicher Familien und spricht damit für eine Gruppe in der Bevölkerung, die schon im Normalfall und in der Corona-Krise besonders vor Herausforderungen steht.

Mit drei Kindern ist man laut Definition des Verbands kinderreich beziehungsweise Mehrkindfamilie, weil das grob das Doppelte des Durchschnitts sei und sich mit jener Haushaltsgröße in der Regel die Infrastruktur ändern müsse, von der Wohnung bis zum Familienauto. Gut 140 000 Familien fallen im Freistaat laut Sozialministerium in diese Kategorie. Aber Verbandsmitglieder haben durchaus sechs, sieben oder bis zehn Töchter und Söhne, einige wenige haben sogar die Elf einer Fußballmannschaft voll.

Corona-bedingte Klagen solcher Familien landen mittlerweile bei Magis und Mitstreitern, im Landes- wie im Bundesverband. Von "Unverständnis, Misstrauen oder sogar direkter Aggression bei notwendigen Einkäufen", berichtet auch Bundesvorsitzende Elisabeth Müller. Es geht um Einkäufe, die nur den Bedarf einiger Tage decken, aber auf andere Kunden wirken wie üble Hamsteraktionen. Und um böse Blicke, die den Gang durch die Regalreihen im Laden gefühlt zu einem Spießrutenlauf machen.

Auf der Facebookseite des Verbands schreiben kinderreiche Väter und Mütter: "Die haben ja keine Ahnung, dass das alles nach zwei, spätestens drei Tagen wieder alle ist." Oder: "Man wird angeguckt, wie ein Aussätziger, wenn man für sechs Personen einkaufen muss." Die sogenannte haushaltsübliche Menge Reis, wirft eine Mutter ein, reiche bei ihr daheim nicht mal zum Abendessen für alle. Als wachsendes Problem erweist sich die Rationierung von Waren, die aus Angst vor Hamsterkäufen in vielen Geschäften üblich ist: Nur ein Artikel pro Haushalt, heißt es auf Schildern an den Regalen oder spätestens am Kassenband, betroffen sind Klopapier und Küchenrolle, aber längst gilt das mancherorts auch für Nudeln, Mehl oder Konserven. "Es gibt Fälle, wo unsere Mitglieder ihre Pastatüten wieder zurückstellen mussten", erzählt Helmut Magis.

Der Verband stellt Ausweise aus, mit denen Mitglieder die Haushaltsgröße beweisen sollen; amtliche Dokumente sind das jedoch nicht, es entscheidet die Kulanz der Händler. Gleiches gilt für "erweiterte Meldebescheinigungen", die Kommunen auf Antrag anfertigen. Diese sind offiziell, verpflichten allerdings ebenfalls zu nichts. "Das Problem ist", sagt eine Mutter, "dass Supermärkte und ihre Mitarbeiter Anweisungen haben, nicht mehr als geringe Mengen rauszugeben. Hier bedarf es dringend Anweisungen an die Filialen durch die Handelsketten." Eine Frau berichtet: "Mir wurde unterstellt, dass sich jeder so einen Wisch schreiben könnte und ich musste drei von vier Litern Milch tatsächlich wieder wegräumen."

Magis erinnert zudem an das für große Familien heikle Thema Wohnraum - also ausreichenden und bezahlbaren -, dessen Relevanz sich in der Krise zeige. Sein Verband betreibt Lobbyismus für gesellschaftliche Wertschätzung und politische Unterstützung Kinderreicher und kämpft gegen Vorurteile. Medial komme man ja meist nur vor, wenn es um arabische Clans geht oder im Privatfernsehen um soziale Schieflagen. Abseits derzeitiger Sorgen sieht Magis, dass das Modell Mehrkindfamilie in der Krise "Robustheit" aufweise, es sei aufeinander Verlass. Beispiel Home-Schooling, Lernen und Ersatzunterricht zuhause: Bei mehreren Geschwistern sei im Grunde immer jemand da, der prima helfen könne, weil der Stoff bei ihm nicht allzu lange her sei.

© SZ vom 01.04.2020/vewo
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