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Artenschutz:Damit es in Bayern wieder mal Nacht wird

Lichtverschmutzung in Bayern: Die Winklmoos-Alm bei Nacht

Die ganze Pracht des Nachthimmels lässt sich auf der Winklmoos-Alm beobachten - vorausgesetzt, das Wetter spielt mit.

(Foto: Sebastian Voltmer/oh)
  • Scheinwerfer, Laternen, Werbeschilder: Die sogenannte Lichtverschmutzung ist ein Problem für viele Tiere.
  • Das Chiemgauer Projekt "Paten der Nacht" will nun bei Firmen, Kommunen und Privatleuten dafür werben, nachts weniger leuchten zu lassen.
  • Am Ende könnte er sich sogar ein Volksbegehren vorstellen, sagt der Initiator Manuel Philipp.

Wenn es im Herbst und Winter schon nachmittags dämmert, dann schalten die meisten Menschen ganz selbstverständlich Lampen, Scheinwerfer und Laternen an. Sie stören sich an der Dunkelheit. Manuel Philipp stört sich hingegen am Licht. Denn viele Lichtquellen brennen die ganze Nacht, obwohl "kein Mensch das braucht", sagt der Physiker und Astronom.

Seit fünf Jahren führt Philipp Menschen durch die Nacht, erklärt ihnen Sternbilder und Planeten. Im Mai 2018 wurde auf seine Initiative hin der Sternenpark Winklmoos-Alm gegründet. Der Park ist der einzige Sternenpark der Alpen und der vierte offiziell anerkannte in Deutschland. Bei gutem Wetter und klarer Sicht können Besucher dort oben Millionen Sterne beobachten, ohne dass sie durch andere Lichtquellen abgelenkt werden.

"Es ist kein Bewusstsein dafür da, was Licht anrichten kann", sagt Philipp. "Wenn ich in München bin, dort nicht mal 150 Sterne am Nachthimmel sehe und dann zum Chiemsee fahre und dort 3000 Sterne sehe, dann stimmt da doch was nicht." Lichtverschmutzung ist das Problem, also künstliches Licht, das die Umgebung unnötig stark erhellt und die Dunkelheit vertreibt. Dagegen will Philipp mit seinem neuen Projekt "Paten der Nacht" vorgehen.

Unternehmen, Kommunen und Privatleute sollen sich über die Beleuchtung ihrer Gebäude und Flächen Gedanken machen. Nach dem Motto "schützt die Nacht, rettet die Nacht" spricht Philipp die Firmen direkt an, informiert über seine Initiative, verteilt Flyer. "Was fehlt, das ist ein Sprachrohr, um die Menschen aufzuklären." Gemeinden, Gewerbetreibende oder Vereine können eine Patenschaft für die Nacht übernehmen.

Dafür müssen sie ihr Licht wenigstens um die Hälfte reduzieren, durch geringere Wattzahl oder kürzere Beleuchtungszeit. Nach einer Überprüfung werden sie auf der Webseite des Projekts als Paten aufgeführt. Philipp und sein Team unterscheiden zwischen verschiedenen Kategorien. Die Paten können als Sponsoren einsteigen, als Unterstützer selbst Flyer verteilen; sie können als Umrüster nach den Empfehlungen der Initiative etwas an ihrem Licht verändern. Oder sie sind Vorreiter und haben auch ohne Aufforderung ihre Beleuchtung vorbildlich eingestellt. "Es ist erstaunlich, wie positiv das ankommt, was wir da machen", freut sich Philipp. "Den meisten ist gar nicht bewusst, was sie der Natur mit ihrer Beleuchtung antun." 40 Firmen und Gemeinden haben schon eine Patenschaft übernommen.

Licht bietet Schutz und Orientierung, sorgt für Sicherheit und Wohlbefinden. "Aber auch wenn man die Nacht nicht mag, man vielleicht Angst im Dunkeln hat, ist es trotzdem notwendig, sie zu schützen." Nicht nur, weil man sonst die Sterne am Himmel nicht mehr sieht. Für Insekten, Vögel, Fledermäuse, Pflanzen und den Menschen selbst ist Lichtverschmutzung eine Gefahr. "Das ganze Ökosystem ist davon betroffen", sagt Philipp. "Licht wird als Problem völlig ausgeblendet."

Manuel Philipp ist Astronom und Physiker. Er liebt die Dunkelheit.

(Foto: Harald Frater/oh)

Mehr als 60 Prozent der Lebewesen sind nachtaktiv. Durch den übermäßigen Einsatz von Kunstlicht wird ihr Hell- und Dunkelrhythmus gestört. Mit fatalen Folgen: das Verhalten von Tieren ändert sich, die komplexen Beziehungen zwischen Räubern und Beute werden gestört und Lebensräume verschwinden. Insekten werden von Lichtquellen angezogen. Stundenlang umkreisen Mücken, Fliegen und Falter die Strahler von Lampen oder Straßenlaternen. "Da ist der Tod programmiert", sagt Philipp. Die Insekten sterben an Übermüdung, verbrennen oder fallen Vögeln und anderen Fressfeinden zum Opfer. Schließlich werden sie ihnen dort "wie auf dem Silbertablett serviert". Und nach den Insekten trifft es dann die Pflanzen. "Über 90 Prozent der 3000 Schmetterlingsarten, die bei uns leben, sind nachtaktiv. Werden sie in der Nacht von Licht abgelenkt, findet keine Bestäubung mehr statt", sagt Philipp. "Das Problem zieht sich dann durch alle Ökosysteme und trifft am Ende uns Menschen."

Seit August gelten in Bayern zwei Gesetze, die dazu beitragen sollen, die Lichtverschmutzung zu reduzieren. Aber "das meiste ist eher eine Luftnummer", findet Philipp. "Die Masse an Lichtverschmutzern trifft es nicht, aber es ist schön, dass es überhaupt so etwas gibt." Das Gesetz verbietet Beleuchtung und leuchtende Werbetafeln im Außenbereich. Also nicht in Städten oder Gewerbegebieten, sondern nur weit draußen. Beispielsweise auf Feldern, Wiesen und in Wäldern. Dort sei es aber ohnehin dunkel, sagt der 49-Jährige. Immerhin sei es den Gemeinden durch das Gesetz verboten, öffentliche Gebäude nach 23 Uhr anzustrahlen. "50 bis 60 Prozent haben aber nach wie vor ihre Kirchen beleuchtet", sagt Philipp. "Es ist kein Bewusstsein dafür da, was das Licht macht. Es gibt massenhaft zu tun."

Jeder einzelne könne viel gegen Lichtverschmutzung tun, sagt Initiator Manuel Philipp

Um sein Projekt auch über die Grenzen Bayerns hinaus zu verbreiten, sucht er Mitstreiter, "die Interesse haben, für unsere Erde etwas zu tun". Wenn die Zahl der Unterstützer groß genug ist, will Philipp sogar über ein Volksbegehren nachdenken. Zunächst laufen aber die Planungen, die gesamte Gegend um den Chiemsee zu einer Sternenregion zu machen. Dafür brauche es klare Regeln von der Politik und "nicht so nebulöses Zeug", sagt Philipp.

"Wir reden über Klimaerwärmung, Elektromotoren und erneuerbare Energien, aber Lichtverschmutzung hat niemand auf dem Schirm." Dabei ist das ein Problem, "an dem jeder sehr schnell selbst etwas ändern kann". Zum Beispiel, indem man Lampen mit geringer Wattzahl und gelblicher Farbe einsetzt, Bewegungsmelder und Zeitschaltuhren verwendet, Lampen nach unten ausrichtet und nach 22 Uhr ganz ausschaltet. Außenbeleuchtung, wie Weihnachtsdekoration oder Wandleuchten, "kann man doch ausmachen, wenn man ins Bett geht", findet Philipp. "Das Wohnzimmerlicht lässt man ja auch nicht an."

Grundsätzlich aber gilt: Ein perfektes Licht gibt es nicht. "Das beste Licht ist das, was gar nicht an ist."

© SZ vom 31.10.2019/kast
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