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Mitten in Bayern:Ein Tag zum Heulen

Ein bayernweiter Warntag hätte der 10. September werden sollen, am Ende war es eher ein großer Lachtag. Weil so viele Alarmgeräte nicht funtioniert hatten. Beziehungsweise schon längst nicht mehr funktionieren. Das führt nun zu interessanten Entwicklungen in der Sirenen-Branche

Glosse von Johann Osel

Die Häme über den bundesweiten "Warntag" am 10. September, der vielerorts gar keiner war, ließ nicht lange auf sich warten. Auch in Bayern sollten ja mit diesem landesweit einheitlichen Probealarm überall für eine Minute die Sirenen aufheulen - im Ernstfall einer Katastrophe müsste die Bevölkerung dann ihre Rundfunkgeräte einschalten und auf Durchsagen achten. Doch neben Ärger mit einer entsprechenden App zeigte sich an diesem Tag: Viele Kommunen oder Ortsteile sind heute längst sirenenfreie Zonen. Sie haben ihre Systeme nach Ende des Kalten Krieges vernachlässigt oder gar abgebaut. Die Folge eben: viel Spott über den Flop. Mitunter recht originell, wie vom Deutschen Gehörlosenbund: "Also, wir haben nix gehört."

Nun aber scheint, als eine Konsequenz aus der misslichen Causa, ein Umdenken in Stadt- und Gemeinderäten eingesetzt zu haben - zur Neuanschaffung von Sirenen. Genaue Zahlen dazu kann auch das Innenministerium nicht liefern, gleichwohl gebe es zwei Sonderprogramme zur Sirenenförderung beziehungsweise Umrüstung. Ein Indiz für den Wandel findet sich etwa bei den Fachherstellern, die akut nicht nur vermehrt Anfragen aus Bayern erhalten, sondern seit jenem Septembertag quasi aus ganz Deutschland. Ein Anruf in Freudenberg in der Oberpfalz, beim Sirenenbauer Fischer. Bereits wenige Tage nach dem mancherorts ausgebliebenen Alarm ging dort ein Boom an Anfragen los. "Jeder wollte der Erste sein, wir hatten noch nie so viele Aufträge wie jetzt", heißt es bei der Firma. Normalerweise übernehme das Verfassen von Angeboten eine Mitarbeiterin - mittlerweile seien es vier Leute, die ausschließlich damit befasst sind. Manche Kommunen seien zudem recht ungeduldig und fragten rasch nach. Der Hersteller in der Nähe von Amberg tut sein Bestes, dem neuen Interesse nachzukommen, beim Abarbeiten des Anfragen-Staus sowie in der Produktion.

Etwa in Ingolstadt - wo es reibungslos funktionierende Sirenen gab, aber angesichts der Größe in der City offenbar zu wenige - prüft die Stadt jetzt noch weitere Standorte, wie der Donaukurier berichtet. In aller Ruhe und Gründlichkeit, die Sache pressiere nicht; weil die spezialisierten Firmen, so heißt es, ohnehin nun zu sehr mit Aufträgen eingedeckt seien.

© SZ vom 27.10.2020
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