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Bildungspolitik in Bayern:Die Lehrer sollten mit anpacken, statt sich zu ereifern

Lehrer sollen Lehrermangel mit Mehrarbeit auffangen

Sieben Wochen vor der Kommunalwahl können weder Freie Wähler noch CSU Frust an den Schulen gebrauchen. Aber das nächste Schuljahr muss geplant werden.

(Foto: dpa)

Der bayerische Schulminister Michael Piazolo will, dass Lehrer an Grund- und Mittelschulen künftig mehr arbeiten. Das ist nicht so schlimm, wie jetzt manche tun.

Bayerns Grund- und Mittelschullehrer sind frustriert und wütend, seitdem Schulminister Michael Piazolo (Freie Wähler) verkündete, dass sie künftig mehr arbeiten müssten. Der Lehrermangel sei anders nicht zu bewältigen, 1400 Stellen blieben im Herbst sonst unbesetzt. Die Wütenden tangiert das freilich nicht. Die Lehrerverbände rufen zu Demonstrationen auf, die Oppositionsparteien stimmen ein; in sieben Wochen ist in Bayern Kommunalwahl, und Grundschulen stehen in fast jedem Dorf.

Aber statt sich zu ereifern, sollten die Lehrer mit anpacken. Immerhin sind sie Beamte und genießen Vorteile, von denen Angestellte in der freien Wirtschaft nur träumen können: individuelle Arbeitszeit, großzügigen Erziehungsurlaub, einen krisenfesten Job. Der Dienstherr, das Ministerium, kann sie in die Pflicht nehmen. Das war in Bayern lange nicht nötig, jetzt aber musste Piazolo handeln. Das zeigt schon der Zeitpunkt: Sieben Wochen vor der Wahl können weder Freie Wähler noch CSU diesen Frust an den Schulen gebrauchen. Aber das nächste Schuljahr muss geplant werden. Die Zeit drängt.

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Und so schlimm, wie Lehrerverbände und deren Claqueure in den sozialen Medien tun, sind die angekündigten Einschnitte nicht. Grundschullehrer sollen vorübergehend eine Stunde mehr pro Woche unterrichten. Diese Mehrarbeit wird in fünf, sechs Jahren über ein Arbeitszeitkonto ausgeglichen. Längere Sabbaticals werden nicht mehr genehmigt, die Mindeststunden bei Teilzeit leicht erhöht, vorzeitiger Ruhestand ist erst mit 65 möglich.

Piazolo hätte stärker durchgreifen können und müssen, um den Lehrermangel abzupuffern. Denn die Mehrarbeit reicht nicht aus. Das Ministerium hofft auch auf freiwilliges Engagement. Natürlich kann man den Frust der Lehrer verstehen, gerade an den Volks- und Förderschulen ist die Arbeitsbelastung hoch. Dort treffen Kinder aller Milieus aufeinander, Lehrer sollen Inklusion schaffen, Migranten integrieren und jeden Schüler individuell fördern. Dass nun ausgerechnet dort Mehrarbeit droht, mag unfair erscheinen.

Aber was wäre die Alternative? Dass Kinder sich selbst beschäftigen oder Ganztagsunterricht abgeschafft wird? Dass Klassen auf 40 Schüler anwachsen, wodurch Unterrichten und Lernen strapaziöser würde? Dass Stundenpläne gekürzt und Schulen geschlossen werden? Das würde viel mehr Lehrerstunden freigeben. Verlierer aber wären Lehrer und Kinder gleichermaßen. So weit will die bayerische Regierung nicht gehen, sie gewährt sogar noch großzügige Ausnahmen: Nur ein Fünftel der 30 000 Grundschullehrer muss im Herbst mehr arbeiten. Härtefälle und ältere Lehrer sind ausgenommen. Die Teilzeit-Regel gilt nicht, wenn Kinder oder Verwandte betreut werden. Die Mehrheit bleibt also verschont.

Statt sich zu verweigern oder mit Krankmeldungen zu drohen, könnten die Lehrer jetzt diese Chance nutzen, um der Staatsregierung Zugeständnisse für die Zukunft abzutrotzen. Damit langfristig genügend Lehrer an Grund-, Mittel- und Förderschulen unterrichten, muss der Job attraktiver werden. Der einfachste Schritt: Das Gehalt zu erhöhen, und zwar auf ein Niveau, das in anderen Schularten und anderen Bundesländern längst üblich ist. Der Kultusminister ist dafür, die CSU sperrt sich. Dabei verkündete Söder gerade erst wieder Milliardeninvestitionen. Das Geld ist da, die Staatsregierung sollte bei den Lehrern nicht knausern.

© SZ vom 27.01.2020/amm
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