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Schule in Bayern:Lehrer müssen mehr arbeiten

Leerer Klassenraum

Klassenzimmer bleiben auch wegen Lehrermangels leer.

(Foto: Monika Skolimowska/dpa)
  • Kultusminister Michael Piazolo hat am Dienstag Maßnahmen gegen den Lehrermangel bekannt gegeben.
  • Dazu gehören zum Beispiel eine erhöhte Stundenanzahl für Grundschullehrer oder ein späteres Eintrittsalter in den Vorruhestand.
  • Lehrervertreter und die Opposition kritisieren die Maßnahmen.

Von Anna Günther

Der Lehrermangel ist nun auch in Bayern so groß, dass Grund-, Mittel- und Förderschullehrer künftig mehr arbeiten müssen. Das gab Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) am Dienstag bekannt. 1400 Vollzeitstellen könnten unbesetzt bleiben, weil Lehrer fehlen. Um das abzufangen, müssen Grundschullehrer vom kommenden Schuljahr an eine Stunde mehr, also 29 Stunden pro Woche unterrichten. Über ein Arbeitszeitkonto soll dies in einigen Jahren ausgeglichen werden. Pädagogen, die älter sind als 58, sind ausgenommen. Grund-, Mittel- und Förderschullehrer dürfen künftig erst mit 65 vorzeitig in den Ruhestand gehen, ein Jahr später als bisher. Außerdem wird das Sabbatjahr gestrichen und die Mindestarbeitszeit für Lehrer in Teilzeit um drei Stunden auf 23 Stunden an Förder- und 24 Stunden an Volksschulen angehoben. Der Protest der Lehrer und der Opposition fiel erwartungsgemäß groß aus.

Die Maßnahmen seien nur vorübergehend, betonte Piazolo. Wenn die 700 neuen Grundschullehramtsstudenten in einigen Jahren an die Schulen kommen, sollte sich zumindest dort die Lage entspannen. Zwar gibt es Lehrerbedarfsprognosen, aber sie sind seit Jahren umstritten. Überraschend kommt Piazolos Ankündigung nicht. Seit Wochen schon waberten Gerüchte, dass der Kultusminister Einschnitte bei den Lehrern verkünden muss. Händeringend sei nach anderen Lösungen gesucht worden, um den Ärger zu vermeiden, hört man. Aber um das kommende Schuljahr planen zu können, muss im Frühjahr klar sein, wie viele Lehrer bereitstehen. Die Zeit drängt.

Und in Zeiten des Wahlkampfes sind wütende Eltern und Lehrer das Letzte, was ein Politiker braucht. Im März stehen die Kommunalwahlen an - und nach den Jahren des Streits ums G 8 tat die Staatsregierung zuletzt viel für die Ruhe an den Schulen. Entsprechend betonte Piazolo am Dienstag, dass trotz der angeordneten Mehrarbeit auch Entlastungen geschaffen wurden, etwa durch mehr Verwaltungszeit oder Freiraum für Schulleiter. Damit die Einschnitte für alle Volks- und Förderschullehrer nicht zu groß werden, appellierte er eindringlich an alle Lehrer als "Solidargemeinschaft", eine "gemeinsame Kraftanstrengung" zu leisten, um den Unterricht sicherzustellen. Volksschullehrer in Teilzeit oder kurz vor der Pension sollen freiwillig mehr arbeiten. Die Schulleiter müssen nun die Lehrer davon überzeugen.

Dass Freiwilligkeit nicht reiche, zeige aber die Erfahrung, sagte Piazolo. Er hofft, dass die Erhöhung der Teilzeit-Mindeststunden 400 sogenannte Vollzeitkapazitäten (VZK) bringt, die Aufschiebung des Antragsruhestands 470 VZK und das Arbeitszeitkonto weitere 170 VZK. Effizientere Lösungen wie die Erhöhung der Schülerzahl in Klassen, die Kürzung der Stundentafel oder drastischere Eingriffe in die Arbeitszeit lehnt Piazolo ab.

Bayern versuchte bisher, den Lehrermangel an Volksschulen abzufangen, ohne die Arbeitszeit anzutasten. 1400 Realschul- und Gymnasiallehrer schulten um, 1200 sind derzeit im Programm. Aber das Interesse hat stark nachgelassen. Das Problem liegt ohnehin tiefer, sagt einer, der sich gut auskennt. Die Lehrer seien verwöhnt, viele großzügige Wünsche seien in den vergangenen Jahren zugelassen worden. Das falle dem Ministerium jetzt auf die Füße. Lehrer können sich etwa bis zu 15 Jahre beurlauben lassen, um ein minderjähriges Kind oder pflegebedürftige Angehörige zu betreuen. Und ein echter Mangel besteht für den Insider auch nicht. "Tatsache ist, dass wir genügend Lehrer haben, aber die sind nicht im Unterricht." Würden alle Grund- und Mittelschullehrer Vollzeit arbeiten, hätte man schon jetzt 6200 zusätzliche VZK zu Verfügung, bestätigt das Ministerium. Sogar viele Berufsneulinge beginnen ihren Job in Teilzeit, die wenigsten seien bereit, Vollzeit zu unterrichten, sagt der Insider. Dass das ein Problem ist, gibt auch Piazolo zu. Aber familienfreundliches Arbeiten sei der Regierung wichtig. Dementsprechend sind Eltern und pflegende Angehörige in "familienpolitischer Teilzeit", die immerhin 5200 VZK bringen würden, von der neuen Mindestzahl ausgenommen.

Als Grund für die aktuelle Situation nennt Piazolo deutlich gestiegene Geburtenzahlen und weit mehr Zuzug als erwartet. Dagegen warf Simone Fleischmann, Präsidentin des bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, dem Ministerium "massive Versäumnisse" vor. Seit Jahren habe sie auf die Unterversorgung an den Schulen hingewiesen und viele Vorschläge gemacht. "Dass nun die Lehrer büßen sollen, akzeptieren wir nicht", sagte sie und nannte Piazolos Maßnahmen "unerträglich". Anna Toman (Grüne) forderte eine flexiblere Lehrerbildung, Simone Strohmayr (SPD) hielt Piazolos Weg für "völlig verfehlt und demotivierend". Sie forderte mehr Gehalt für alle Volksschullehrer. Ein Ziel, das Piazolo als Oppositionspolitiker auch hatte. Er werde auch weiter "in diese Richtung marschieren", sagte er, aber die Bezahlung würde an der aktuellen Situation nichts ändern.

© SZ vom 08.01.2020/wean
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