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Bayern:Ministerin Huml wusste früh von Corona-Testpannen

Pressekonferenz mit Melanie Huml

Huml am 12. August: Sie hatte die eilig einberufene Pressekonferenz damit begründet, wie wichtig es sei, dass die positiv Getesteten ihre Ergebnisse so schnell wie möglich bekämen.

(Foto: dpa)

Eine interne E-Mail zeigt: Schon am Montag soll das bayerische Gesundheitsministerium über die großen Probleme benachrichtigt worden sein - und damit zwei Tage früher als von Melanie Huml dargestellt.

Von Andreas Glas und Christian Sebald

Melanie Huml saß in einem gläsernen Raum, das sollte ja auch die Botschaft ihres Auftritts sein: Transparenz. Es war der Mittwoch der vergangenen Woche, 16.40 Uhr, im Foyer des Gesundheitsministeriums. Der Tag, an dem Huml diese gewaltige Panne publik machte. 44 000 Menschen, die seit Tagen auf ihr Testergebnis warten, darunter 900 Infizierte. Da saß Huml also und da waren Fragen: Wieso wurde die Panne in ihrem Ministerium nicht früher bemerkt? Hunderte Menschen, unwissend und ansteckend. Warum informierte Huml (CSU) erst jetzt darüber? Sie habe das erst "heute früh erfahren", sagte die Ministerin. Sie sagte das viermal in ihrer Pressekonferenz. Erst wenige Stunden zuvor, am Mittwochmorgen, sei ihr die "Problematik in dieser Art und Weise bekannt geworden".

Nun, knapp eine Woche später, sind da wieder Fragen. Sie haben mit einer E-Mail zu tun, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Die Mail passt ausgedruckt auf zwei DIN-A4-Seiten - und stammt nicht etwa vom Mittwoch der vergangenen Woche, sondern vom Montag davor. Absender ist der Geschäftsführer des Laborunternehmens Eurofins, das die freiwilligen Corona-Tests für Urlaubsrückkehrer auswertet, die der Freistaat an drei Autobahnen und zwei Hauptbahnhöfen anbietet. Was der Eurofins-Geschäftsführer schreibt, ist beunruhigend.

Er berichtet von mehr als 40 000 Tests, die noch nicht übermittelt werden konnten, darunter 338 positive Fälle, Stand: Sonntag, 9. August. Der Adressat dieser Nachricht, das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), leitete die Mail direkt am Montag, 10. August, 12.30 Uhr, an den Amtschef und einen Abteilungsleiter im Gesundheitsministerium weiter - und an Humls Ministerbüro. Zwei Stunden später, um 14.36 Uhr, schickte das LGL die E-Mail nach SZ-Informationen an weitere zwei hochrangige Mitarbeiter des Ministeriums. Im LGL stufte man die Mail wohl als so wichtig ein, dass man sie gleich doppelt verschickte. Doch im Ministerium haben die darin enthaltenen Zahlen offenbar niemanden beunruhigt. Oder wie ist es zu deuten, dass Huml erst am Mittwoch, zwei Tage später, erfahren haben will, wie dramatisch die Fehler bei den Corona-Tests waren?

54 Stunden. Das ist die Zeit, die nach Eingang der Mail im Ministerium verstrichen ist, bis Huml die Öffentlichkeit über die Testpanne informierte. Obwohl sich die Panne in der Mail vom Montag bereits deutlich abzeichnete. Obwohl Huml in ihrer Pressekonferenz am Mittwoch davon sprach, wie wichtig es doch sei, die positiv getesteten Personen so schnell wie möglich zu informieren. Und jetzt? Könnten die bis dato 338 Infizierten das Virus auch deshalb verbreitet haben, weil das Gesundheitsministerium offenbar erst reagierte, als die Zahl der unwissentlich Infizierten 54 Stunden später auf mehr als 900 Personen gestiegen war. Huml jedenfalls kündigte beim Presseauftritt am Mittwoch an, man werde sich "dahinterklemmen", um die Positiven endlich zu informieren.

Was die E-Mail noch offenbart: Wie sehr die Tests für Reiserückkehrer alle Beteiligten bereits überforderten. "Die größte Herausforderung", schreibt der Eurofins-Geschäftsführer, bestehe "weiterhin in der Erfassung der handschriftlichen Papierdokumente", die Reiserückkehrer ausfüllen mussten, bevor es gelang, ein digitales System zu installieren. Man habe 60 000 per Hand ausgefüllte Testanträge erhalten, das seien "dreimal so viele" wie bis zu diesem Zeitpunkt maximal kalkuliert, klagt der Eurofins-Geschäftsführer. Er schreibt von 20 385 offenen Proben, deren Erfassung "selbst mit massivstem Ressourceneinsatz noch mindestens eine Woche" dauern werde. Und davon, dass in dieser Zahl weitere 23 000 "extrem schlecht" lesbare Testformulare "des vergangenen Wochenendes noch nicht einkalkuliert sind (!)." In fast schon resigniertem Ton fährt der Eurofins-Chef fort und schreibt, dass alleine für diese Tests bei einer "mittleren Bearbeitungszeit von 3-5 Minuten pro (2-seitigem) handschriftlichen Dokument ein Personalbedarf von >200 Mann-Tagen notwendig" wäre.

Es hieß ja zuletzt öfter, dass Testergebnisse auch deswegen nicht zugeordnet werden konnten, weil Reiserückkehrer ihre Testanträge schlampig ausgefüllt hätten. Aber kann es wirklich sein, dass insgesamt 23 000 Menschen ihre Kontaktdaten "extrem schlecht" lesbar hinkritzeln, wie der Eurofins-Geschäftsführer in seiner E-Mail schreibt? Diese hohe Zahl legt zumindest den Verdacht nahe, dass es vor allem an den Qualität der Scans lag, dass es hinterher so schwer fiel, die Adressen und Telefonnummern zu entziffern.

Huml lässt an diesem Dienstag die Anfragen der SZ zunächst unbeantwortet. Am Nachmittag räumt sie dann ein, dass ihr Haus die alarmierende E-Mail am vorvergangenen Montag erhalten hat. Huml bleibt aber bei ihrer Aussage, dass, "die Gesamtsituation" der Testprobleme erst zwei Tage später deutlich geworden sei - obwohl schon am Montag feststand, dass fast 340 positiv getestete Personen zunächst nicht informiert wurden. Noch am Montag habe Eurofins in jener Mail die Hoffnung geäußert, eine rasche Lösung für die Probleme zu finden, sagt Huml außerdem. Doch erst am Mittwoch habe sich diese Hoffnung zerschlagen. Als klar gewesen sei, "dass all die Versuche von Eurofins nicht gefruchtet haben", habe man sich entschieden, "selbst einzuschreiten". Zugleich betont die Gesundheitsministerin: "Es gibt nichts, wo man irgendwas verschleiern oder verzögern wollte."

An diesem Mittwoch muss sich Huml in einer Sondersitzung des Gesundheitsausschusses den Fragen der Opposition stellen. Statt "die Öffentlichkeit zu informieren, ist wertvolle Zeit verloren gegangen", sagt Katharina Schulze (Grüne) nach den neuesten Erkenntnissen. "Getestete Personen wurden durch das Nicht-Handeln weiter im Unklaren gelassen, das ist brandgefährlich. Anstatt den Schaden zu begrenzen, setzen Söder und Huml eine Verschleierungsmaschinerie in Gang." Die Grünen fordern, dass auch Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im Gesundheitsausschuss auftreten müsse. "Wenn die Ministerin die Öffentlichkeit belogen hat, ist sie nicht länger tragbar", sagt Martin Hagen (FDP). In der vergangenen Woche hatte Söder zwei Rücktrittsgesuche Humls abgelehnt. Söder war am Dienstag zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

© SZ.de/fema/kast/mmo
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