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Wasserstofffabrik in Wunsiedel:Das "Role model aus Bayern"

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In Wunsiedel haben die Bauarbeiten zu einer der größten Wasserstofffabriken in Deutschland begonnen. Beim Spatenstich am Freitag waren unter anderem Ministerpräsident Markus Söder und Staatsminister Hubert Aiwanger vor Ort.

(Foto: obs)

In eine Fabrik, die nun in Wunsiedel entsteht, setzt die Staatsregierung große Hoffnungen. Doch kann Wasserstoff in der Praxis wirklich zu einer klimafreundlicheren Zukunft beitragen?

Von Maximilian Gerl, Wunsiedel

Baustart für ein Musterprojekt: In Wunsiedel haben die Bauarbeiten zu einer der größten Wasserstofffabriken in Deutschland begonnen. Vereinfacht soll die Anlage einmal überschüssig produzierte Energie aus erneuerbaren Quellen per Elektrolyse in Wasserstoff umwandeln. Dieser soll dann zur Nutzung zurück in die Region fließen. "Role model aus Bayern", twitterte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) anlässlich des Spatenstichs am Freitagmittag: "Grüner Wasserstoff für die Zukunft."

Tatsächlich könnte das Projekt im Fichtelgebirge Vorzeigecharakter entfalten. Theoretisch lässt sich Wasserstoff aus regenerativen Energien - sogenannter grüner Wasserstoff - klimafreundlich nutzen, in der Industrie oder im Verkehrssektor. Bund und Freistaat pumpen deshalb Milliarden in die Entwicklung neuer Anwendungen. Wie groß diese Hoffnungen sind, lässt sich auch daran ermessen, dass zum Spatenstich neben Söder auch Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und Umweltminister Thorsten Glauber (beide FW), also gleich drei Vertreter der Staatsregierung angekündigt waren.

Wie Wasserstoff in der Praxis zu einer klimafreundlicheren Zukunft beitragen kann, ist noch mit Fragezeichen versehen. Unklar ist zum Beispiel, unter welchen Bedingungen seine Produktion in industriellen Maßstäben gelingt. Die neue Fabrik in Wunsiedel könnte hierbei Hinweise geben. Zunächst ist eine Produktion von 1350 Tonnen Wasserstoff geplant. Für das Projekt kooperieren Siemens, der Gaslieferant Rießner Gase und die Stadtwerke Wunsiedel. Letztere haben den "Wunsiedler Weg" entwickelt: ein Versorgungskonzept, das auf Dezentralität, Strom aus erneuerbaren Quellen und sektorenübergreifende Energienutzung setzt.

Wunsiedel ist aktuell nicht das einzige Wasserstoff-Pilotprojekt in Bayern - was vielleicht auch daran liegt, dass das Element mit dem Kürzel H₂ als Aiwangers Liebling im Periodensystem gelten darf. Auch die Industrie sucht nach Wegen, grüner zu werden. So will Bosch in Bamberg Brennstoffzellen in großem Stil fertigen und MAN in Augsburg arbeitet an einem Lastwagen mit Wasserstoffantrieb.

Die Staatsregierung hat sich zudem im Frühjahr beim Bund für ein Wasserstoff-Kompetenzzentrum in Pfeffenhausen bei Landshut beworben, eine Entscheidung wird demnächst erwartet. Und am Montag will Aiwanger Bayerns ersten Probebetrieb mit einem Wasserstoffzug vorstellen. Das Projekt soll 2024 starten, der Zug wird ebenfalls ein Siemensprodukt sein.

Inwieweit Wasserstoff die Erwartungen überhaupt erfüllen kann, ist eine andere Frage. Raimund Kamm, Sprecher der Landesvertretung Bayern des Bundesverbandes Erneuerbare Energie, sieht den Nutzen des Elements vor allem als Energielieferant für industrielle Prozesse, etwa in Stahlwerken.

Um langfristig die Versorgung mit grünem Wasserstoff sicherzustellen, sei der Aufbau einer heimischen Produktion nötig - und damit mehr Investitionen in Wind- und Solarenergie. Beide seien "die Arbeitspferde der Energiewende", doch statt sie "galoppieren zu lassen", bliebe ihr Ausbau hinter den Zielen zurück. Kamm empfindet daher "das Reden von Wasserstoff" auch als Ablenken: Die Staatsregierung müsse zuerst ihre Hausaufgaben erledigen.

© SZ vom 10.07.2021/kafe
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