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Bayern-Ei-Skandal:Staatsanwaltschaft durchsucht Eierfabrik

  • Die Eier einer niederbayerischen Hühnerfarm sollen einen europaweiten Salmonellen-Ausbruch ausgelöst haben. Nun hat die Staatsanwaltschaft die Geschäftsräume von Bayern-Ei durchsucht.
  • Der Tatverdacht richtet sich gegen den Geschäftsführer. Möglicherweise geht es bei den Ermittlungen sogar um den Vorwurf der fahrlässigen Tötung.
  • Die Landtags-Opposition spricht von einem "unglaublichen Skandal" - und lädt das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) vor.
  • Der Tierschutzbund fordert ein sofortiges Verbot der Haltung von Legehennen in Kleingruppenkäfigen.

Von Frederik Obermaier, Christian Sebald und Wolfgang Wittl

Acht Monate waren ins Land gezogen, doch auf einmal ging alles ganz schnell: Am Dienstag durchsuchte die Staatsanwaltschaft Regensburg die Geschäftsräume von Bayern-Ei - jenem Großproduzenten von Eiern, die einen europaweiten Salmonellen-Ausbruch ausgelöst haben sollen. Die Ermittler beschlagnahmten mehrere Kisten Akten sowie EDV-Material an den betroffenen Standorten in Ettling und Aiterhofen bei Straubing, wo sich auch der Hauptsitz des Unternehmens befindet.

Eine Henne steigt in einem Bayern-Ei-Stall über den Kadaver einer Artgenossin hinweg. Die Aufnahme stammt aus diesem Frühjahr.

(Foto: Soko Tierschutz)

Möglicherweise geht es auch um fahrlässige Tötung

Der Tatvorwurf richte sich gegen den Geschäftsführer der Firma, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Gegen Stefan Pohlmann also. Er steht unter Verdacht, verseuchte Lebensmittel verkauft zu haben. Sollte sich herausstellen, dass der Tod zweier Menschen - eines Engländers und eines Österreichers - auf belastete Eiern aus Niederbayern zurückzuführen sind, geht es sogar um fahrlässige Tötung.

Am Mittwochabend war der Fall publik geworden - nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des Bayerischen Rundfunks. Nun fordert die Landtagsopposition in München eine umfassende Aufklärung der Vorwürfe. Die Grünen-Politikerin Rosi Steinberger sprach von einem "unglaublichen Skandal".

Landesamt für Gesundheit muss zum Rapport im Landtag

Zusammen mit ihrem Parteifreund Christian Magerl setzte sie durch, dass das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) dem Landtag am 11. Juni Rede und Antwort steht. Der SPD-Abgeordnete Florian von Brunn nannte den Salmonellen-Ausbruch einen "unglaublichen Vorgang". Sollte sich der Verdacht gegenüber der Firma Bayern-Ei bestätigen, hätten "die bayerischen Behörden eklatant versagt". Dies dürfe nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Der Deutsche Tierschutzbund forderte ein sofortiges Verbot der Haltung von Legehennen in Kleingruppenkäfigen, wie sie bei Bayern-Ei Praxis ist. Tierschutzbund-Chef Thomas Schröder verlangte außerdem ein Tierhaltungsverbot für Bayern-Ei-Geschäftsführer Stefan Pohlmann. Dies tat auch Friedrich Mülln vom Verein "Soko Tierschutz". "Der Name Pohlmann ist wie kein anderer in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland mit schlimmsten Zuständen in der Geflügelhaltung verbunden", erklärte Mülln. Die Pohlmann-Legeställe seien "in Beton gegossene Tierausbeutung".

Die Staatsanwaltschaft erklärte indes, zwar gebe es "bisher keine gesicherten Erkenntnisse", ob durch Bayern-Ei-Eier tatsächlich Menschen zu Schaden gekommen seien. Aber vieles deutet darauf hin, dass sich die Verdachtsmomente erhärten. So sehen Experten in Großbritannien und Österreich eine klare Verbindung der Todesfälle in ihren Ländern zur Firma Bayern-Ei und berufen sich dabei auf eine Rekonstruktion der Lieferwege und eine Art genetischer Fingerabdruck der Bakterien. Dieser ist den Wissenschaftlern zufolge nahezu identisch mit den Proben, die bei Bayern-Ei genommen wurden.

Welche Ungereimtheiten es bei der Arbeit der Behörden gibt

Die Auswertung der am Dienstag bei Bayern-Ei beschlagnahmten Unterlagen werde nun aber erst einmal einige Wochen in Anspruch nehmen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Man ermittele in alle Richtungen, heißt es. Womöglich auch bald gegen bayerische Behörden?

Ungereimtheiten gäbe es jedenfalls genug. So erfuhr die Regensburger Staatsanwaltschaft beispielsweise erst durch einen österreichischen Journalisten von den Salmonellen und einem Toten. Die zuständigen Landratsämter und das LGL hatten sie schlichtweg nicht informiert.

Salmonellen im Stuhl eines Stallarbeiters

Und dann ist da noch die Sache mit dem Stallarbeiter: In der Stuhlprobe eines Bayern-Ei-Mitarbeiters wurden Ende Juli 2014 Salmonellen gefunden. Am 1. August stand auch fest, dass er an Salmonellen genau jenes Typs - nämlich LT14b - erkrankt war, der auch bei zahlreichen Erkrankten in Österreich und Großbritannien gefunden wurde und der eigentlich in Bayern nicht sehr häufig ist.

Zu diesem Zeitpunkt waren im Ausland bei mehreren Salmonellose-Patienten bereits Packungen oder Eier von Bayern-Ei gefunden worden. In Warnmeldungen war von "serious risk" die Rede, von ernstem Risiko also, da kann jede Information wichtig sein. Dennoch informierte das LGL die Experten im Ausland erst mit mehr als zwei Wochen Verspätung über den Befund des Stallarbeiters.

Weshalb wurde die Öffentlichkeit nicht informiert?

Eine der entscheidenden Fragen in diesem Lebensmittelskandal lautet: Weshalb wurde die Öffentlichkeit über Monate nicht über die Risiken informiert? Das LGL verteidigte sich damit, dass es für eine öffentliche Warnung vor den Bayern-Ei-Eiern zu keinem Zeitpunkt die fachlichen und rechtlichen Voraussetzungen gegeben habe. Eine öffentliche Warnung in Bayern setze eine andauernde Gesundheitsgefahr für bayerische Verbraucher voraus. Dazu müssten gesundheitsgefährdende Lebensmittel in den Verkehr gelangt sein und sich noch beim Verbraucher befinden. Dies sei aber nach den Ermittlungserkenntnissen der bayerischen Behörden nicht der Fall gewesen.

Verbraucherministerin Ulrike Scharf wollte keine Stellungnahme zu der Sache abgeben. Ein Sprecher ihres Hauses verwies darauf, dass die zuständigen Behörden nach bisherigem Kenntnisstand alle erforderlichen amtlichen Maßnahmen zum Schutz der Verbraucher durchgeführt hätten. Landwirtschaftsminister Helmut Brunner erklärte, "Vorfälle, wie sie bei Bayern-Ei jetzt im Raum stehen, bringen die gesamte Land- und Ernährungswirtschaft in Bayern in Misskredit". Er hoffe sehr, dass die "Hintergründe rasch aufgeklärt werden". Missstände müssten mit aller Schärfe des Gesetzes geahndet werden.

Mehr als eine Million Hühner

Die Firma Bayern-Ei ist der größte Eier-Produzent in Bayern. Ins Handelsregister wurde die Bayern Ei GmbH & Co. KG - wie das Unternehmen offiziell heißt - im Jahr 1993 eingetragen. Geschäftsführer ist der 44-jährige Stefan Pohlmann, dem das Unternehmen über ein verschachteltes Gesellschafter- und Kommanditisten-Konstrukt auch gehört. Die deutschen Eierfabriken der Firma stehen in den niederbayerischen Ortschaften Aiterhofen, Aholming, Mamming und Ettling. Insgesamt hält die Bayern-Ei in ihren Stallungen mehr als eine Million Hühner, die meisten davon in Ettling. Dort werden nach Behördenangaben derzeit 460 000 Legehennen gehalten. Der Standort Ettling wurde in den vergangenen Jahren stetig ausgebaut. Im Jahr 2008 genehmigten die Behörden die Erhöhung von 192 000 Legehennen auf 390 000, 2009 auf 487 500.

Bayern-Ei hält seine Legehennen in der sogenannten Kleingruppenhaltung - der derzeit umstrittensten Haltungsform in Deutschland. Dutzende Hühner leben zusammen in einem Käfig, jedes Tier hat kaum mehr als ein Din-A4-Blatt Platz für sich. Die Spur der europaweiten Salmonellenfälle im Sommer 2014 führt zu den Bayern-Ei-Ställen in Ettling und Aiterhofen. Sie beziehen ihre Junghennen nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) von einer Aufzuchtfarm im tschechischen Čáslav sowie betriebseigenen Aufzuchtfarmen in Mamming und im tschechischen Kdyně. Dort, so mutmaßen Insider, sei wohl der Ursprung der Salmonellen zu suchen. Dies würde erklären, warum in zwei Ställen von Bayern-Ei, die mehrere Kilometer voneinander entfernt sind, fast gleichzeitig Salmonellen ausgebrochen sind. fo

© SZ vom 22.05.2015/sekr
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