Impfgipfel der Staatsregierung:"Eine gewisse Müdigkeit beim Impfen"

Coronavirus - Impfgipfel der bayerischen Staatsregierung

Ministerpräsident Markus Söder und Gesundheitsminister Klaus Holetschek (links) gehen nach dem Corona-Impfgipfel zur Pressekonferenz.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Ministerpräsident Söder und Gesundheitsminister Holetschek werben für die Immunisierung, doch offenbar lässt das Interesse nach. Nun soll es schneller und flexibler gehen - sonst könnte der Sommer zum Problem werden.

Von Andreas Glas

Welches Problem sich da gerade auftut, konnte Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) quasi aus der Nähe beobachten. In Memmingen, Holetscheks Heimatstadt, hatte das Impfzentrum am vergangenen Wochenende zu einer Sonderaktion gerufen. 1800 Impfungen, rund um die Uhr, ohne Termin. Spontan vorbeischauen, Piks abholen, fertig. Die Aktion hätte von Freitagabend bis Sonntagfrüh laufen sollen. Doch am Samstagabend, nach 180 Impfungen, war Schluss. Mangels Nachfrage. 1620 Impfdosen blieben liegen. "Wir kommen in den Bereich rein, in dem die Impfbereitschaft abnimmt", sagt Holetschek.

"Wir spüren beim ein oder anderen eine gewisse Müdigkeit beim Impfen", das sagt auch Markus Söder (CSU), als er am Montag neben Holetschek steht. Der Ministerpräsident und der Gesundheitsminister haben zur Pressekonferenz nach dem zweiten bayerischen Impfgipfel mit Vertretern der Impfzentren, Ärzte und Apotheken geladen. Wie lässt sich das Impftempo beschleunigen? Wie die Impfwilligkeit hoch halten? Das sind die zentralen Fragen des Gipfels gewesen. Doch bevor es um die Lösungswege geht, formuliert Söder erst mal Ziele. Bis zu den Sommerferien sollen 70 Prozent der Menschen in Bayern die erste Spritze bekommen haben und 50 Prozent die zweite. Zur Einordnung: Am Montag wies das Robert-Koch-Institut (RKI) für den Freistaat knapp 51 Prozent Erstimpfungen aus und gut 35 Prozent Zweitimpfungen. "Wir müssen jetzt vor dem Sommer viel impfen", sagt Söder.

Hinter Söders Eile steckt die Sorge, dass es "eine Delle" bei den Impfzahlen geben könnte, sobald in Bayern die Sommerferien beginnen. Dann werden ja viele Menschen in den Urlaub fahren, darunter natürlich auch Ärzte. Um das Impftempo bis zu den Ferien zu erhöhen, fordert Söder mehr Impfstoff vom Bund. Er beschwert sich über die "Verteilgerechtigkeit" und sagt, dass der Freistaat weniger Dosen bekomme, als ihm zustehe. Nur am Bund liegt es allerdings nicht, dass das Impftempo nicht so hoch ist, wie es sein könnte. Die Lücke zwischen gelieferten und tatsächlich verimpften Dosen ist in Bayern höher als in den meisten übrigen Bundesländern. Laut Söder bleiben in Bayern etwa 13 Prozent aller Dosen liegen. Bei der Quote der Zweitimpfungen liegt Bayern im Mittelfeld, bei den Erstimpfungen sogar auf dem vorletzten Platz in der Ländertabelle.

In einem Flächenland sei die Impflogistik eben komplizierter als "in Hamburg oder Bremen", sagt Söder. Er sagt aber auch, dass sich Bayern "nicht zufrieden" gebe mit einem Platz im hinteren Feld der Impfranglisten. Die Statistiken "gefallen uns nicht und die müssen einfach verbessert werden". Damit das gelingt, sollen Apotheken, Haus- und Betriebsärzte übrig gebliebene Dosen künftig an die Impfzentren melden. Es sei wichtig, dass mehr Flexibilität in die Impfungen komme, damit kein Impfstoff mehr übrig bleibe, sagt Söder. Das Gesundheitsministerium müsse hier "mehr Scharnierfunktion" bekommen und "mehr Freiräume" bei der Koordinierung des Impfstoffs. Man darf das als deutlichen Auftrag an Minister Holetschek verstehen.

Einen weiteren Schub beim Impftempo wollen Söder und Holetschek auslösen, indem sie die Priorisierung in den bayerischen Impfzentren noch in dieser Woche freigeben. Bislang durften ja nur die niedergelassenen Haus- und Fachärzte ihre Patienten losgelöst von der Impfreihenfolge impfen. Derzeit seien noch 275 000 Menschen auf der Warteliste, die zu den priorisierten Gruppen gehören, "nicht mehr sehr viele", sagt Söder, weshalb nun der richtige Zeitpunkt sei für das Ende der Priorisierung. Die Impfzentren komplett auflösen, will die Staatsregierung aber weiterhin nicht. Dies wäre "ein großer Fehler", sagt Söder. Die Zentren seien "hervorragend geeignet, um dort Auffrischungsimpfungen zu machen".

Um schneller impfen zu können, würde sich Söder zudem wünschen, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre nur eingeschränkte Empfehlung für Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren überdenkt. Für Bayern versprach Söder erneut spezielle Impfangebote für Studenten und kündigte an, dass die Impfungen für Schüler in Abschlussklassen in dieser Woche beginnen. Vom Bund fordert Söder zudem eine klare Aussage, inwieweit Kreuzimpfungen möglich sind - also Erst- und Zweitimpfungen mit unterschiedlichem Impfstoff.

Durch Kreuzimpfungen verspricht sich Söder kürzere Abstände zwischen erster und zweiter Spritze. Insbesondere beim Vakzin von Astra Zeneca ist das Intervall zwischen den Impfungen mit zwölf Wochen relativ hoch - weshalb Söder für eine Verkürzung auf acht oder sogar sechs Wochen wirbt. "Das erhöht auch die Bereitschaft für Astra Zeneca generell", sagt er über den britisch-schwedischen Impfstoff, der als relativ unbeliebt gilt. Der Impfstoff von Astra Zeneca war auch bei der Impfaktion in Memmingen angeboten worden - nur an der Impfmüdigkeit muss es also nicht gelegen haben, dass die Sache floppte. Bei einer ähnlichen Aktion, Ende Mai, waren 1800 Impfdosen von Johnson&Johnson angeboten worden. Der Andrang soll groß gewesen sein.

Nach dem Impfgipfel erneuert Söder dann noch die Forderung, die am Wochenende Minister Holetschek geäußert hatte: Der Bund müsse prüfen, wie Urlaubsrückkehrer auf Impfausweise und Negativtests kontrolliert werden könnten. Was es laut Söder nicht geben wird: einen bayerischen Sonderweg. "Ich glaube nicht, dass es praktikabel ist, dass wir jetzt wieder reihenweise Teststationen aufstellen", was im vergangenen Jahr bekanntlich im Chaos endete. Beim Impfen soll es besser laufen. Die angepeilten 70 Prozent Erst- und 50 Prozent Zweitimpfungen halte "das Gesundheitsministerium für realistisch. Und nach den Erfahrungen des letzten Jahres frage ich zuerst immer, was für realistisch gehalten wird", sagt Söder.

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