Kultur in Corona-Pandemie:25 Prozent Auslastung, 100 Prozent Belastung

Lesezeit: 3 min

Kultur in Corona-Pandemie: Die Betreiber des Kinos Neues Maxim protestieren auf ihre Weise gegen die Einschränkung des Kulturbetriebs.

Die Betreiber des Kinos Neues Maxim protestieren auf ihre Weise gegen die Einschränkung des Kulturbetriebs.

(Foto: Neues Maxim)

Die Staatsregierung verschiebt Lockerungen in der Kultur vorerst um eine Woche. Derweil laufen Veranstalter, Verbände und Opposition Sturm gegen die Benachteiligung.

Von Michael Zirnstein

Gehen wir davon aus, dass die "50 Prozent" kommen. Dass also relativ bald sogar in Kinos, Theatern, Konzerthäusern und Kabarettbühnen nicht nur ein Viertel, sondern die Hälfte aller Sitze schachbrettartig belegt werden dürfen. Was wird das bringen? In einer Videoschalte mit Kulturvertretern vom Staatsoper-Intendant Serge Dorny über Musikrats-Präsident Helmut Kaltenhauser bis zum niederbayerischen Kleinkunst-Versorger Roman Hofbauer am vergangenen Mittwoch hatten die fünf bayerischen Minister Florian Herrmann, Klaus Holetschek, Judith Gerlach, Michael Piazolo und Bernd Sibler die "Sorgen in der Branche" zur Kenntnis genommen. Wohl auch deren Forderung nach einer 75-prozentigen Füllung der Konzert-, Theater- und Kinosäle, ohne die private Veranstalter faktisch handlungsunfähig sind.

Eine Lockerung stand im Raum. Nach einem Wochenende mit vielen SMS, Telefonaten und besorgten Blicken auf erneut steigende Ansteckungszahlen beschloss das bayerische Kabinett in seiner Sitzung am Montag dann aber weder 75, noch 50 Prozent, sondern: gar nichts. "Weder Lockerungen, noch Verschärfungen" gab Staatsminister Florian Herrmann in einer Pressekonferenz bekannt. Wegen der drohenden "Omikron-Wand" müsse man die Lage weiter genauestens beobachten. Man habe eine "hohe Sensibilität" für die Belastungen in den besonders eingeschränkten Bereichen und wolle "Kunst, Kultur, Kino" Perspektiven bieten. Wenn sich die Lage in den Krankenhäusern nicht verschlechtere, kündigte Herrmann an, könne man sich "eventuell in der nächsten Woche Lockerungen vorstellen", also konkret "von 25 auf 50 Prozent wechseln".

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Aber wäre halb voll die Lösung? "Besser als nichts", sagen private Veranstalter wie Axel Ballreich vom Konzertbüro Franken zähneknirschend, "eigentlich hilft das der Staatsoper und nicht uns." Die Auslastungsquote sei eben nur das eine Problem. Gerade für Veranstalter von Rock- und Pop-Konzerten oder ähnlichem ohne feste Sitzplätze funktioniere aber nur eine Regelung "ohne Abstände, wenn nötig mit Masken". Nur so könne er wieder mit regionalen und deutschen Bands in den nächsten Monaten ein Programm aufbauen, international sei derzeit eh das meiste abgesagt: "'23 ist da das neue '22."

"Kosmetischen Quotenerhöhungen"

Bernd Schweinar, Rock-Intendant und Geschäftsführer des bayerischen Veranstalterverbandes VP.By, fordert nach dem "willkürlichen 25-Prozent-Quatsch" endlich komplett mit "kosmetischen Quotenerhöhungen" aufzuhören. Stattdessen solle die Regierung für Veranstalter verlässliche mittelfristige Lösungen für die Zeit nach der Omikron-Welle erarbeiten. Ihm schwebt etwa vor: "Zugang nur für Geboosterte, keine Tests, kein Mindestabstand und Spielen unter Volllast. Privatveranstalter können sich ihr Publikum aussuchen, der Gesetzgeber muss ihnen diese Freiheiten für eine kostendeckende Durchführung ab April oder Mai einräumen - und für die Open-Air-Festivals im Sommer ohnehin!"

Eines bleibt, ob nun 25, 50, 75 oder 99 Prozent, bestehen: Die Ungleichbehandlung der Kultur gegenüber anderen Bereichen des öffentlichen Lebens. Speziell fühlen die Kreativen sich der Gastronomie gegenüber schlechter gestellt. Die Wirte dürfen auch nach den neuesten Beschlüssen der Staatsregierung ihre Restaurants und Dinner-Shows bis zum letzten Platz füllen, ohne die Gäste nach Test- oder Booster-Nachweisen fragen zu müssen. Dagegen läuft die Landtags-Opposition Sturm: "Es kann nicht sein, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird", sagt Wolfgang Heubisch, kulturpolitischer Sprecher der FDP und Kunstminister a.D.: "Die strengeren Regeln im Kulturbereich stoßen bitter auf. Da trösten auch die warmen Worte und Sympathiebekundungen von Kunstminister Bernd Sibler nicht. Dass er immer nur verspricht, zu Runden Tischen lädt, am Ende aber nichts dabei herauskommt, ist armselig."

Volkmar Halbleib, SPD, kritisiert die Ungleichbehandlung "scharf und kann absolut verstehen, dass die Kulturveranstalter den Kurs der Staatsregierung (...) als Geringschätzung ihrer Arbeit sehen." Sanne Kurz von den Grünen hält die "Gängelung der Kultur" für eine "Dreistigkeit": "Das ist einzigartig in allen Bundesländern und absurd. Die Kultur ist in Bayern der einzige Lebensbereich, der so benachteiligt ist. Was ist denn das für eine Botschaft an das Publikum?" Die Grünen wollen einen Antrag gegen die Benachteiligung stellen.

Das ist auf lokaler Ebene in München bereits passiert. Hier fordert die Regierungskoalition Oberbürgermeister Dieter Reiter auf, sich beim Freistaat für die Kulturbranche einzusetzen. Denn das Ansteckungsrisiko in der Kultur sei auch wegen "funktionierender Hygiene- und Lüftungskonzepte" nicht größer, so Julia Schönfeld-Knor, SPD/Volt. Reiter drückte am Montagnachmittag sein Bedauern über die Entscheidung der Staatsregierung aus: "Es ist auch bei steigenden Infektionszahlen nicht nachvollziehbar, warum Theater, Kinos und andere Kultureinrichtungen, die über sehr gute Hygienekonzepte verfügen, weiter einer strengen 2-G-plus Regelung unterliegen und dazu nur maximal 25 Prozent der Zuschauerkapazität nutzen dürfen, in der Gastronomie aber 2G ohne weitere Auflagen gilt."

David Süß, Grüne/Rosa Liste, sagt mit Blick auf das Frühjahr: "Dem Virus ist es egal, ob es auf einem Open Air oder einem Biergarten, einem Kino oder einem Restaurant an der Verbreitung gehindert wird." Bei Florian Herrmann fruchten solche Vergleiche allerdings noch nicht: Er verstehe das "subjektive Gefühl" der Benachteiligung, es gebe aber "keine logische Verknüpfung zwischen den Bereichen".

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