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Umstieg auf E-Autos:Im Zweifel doch lieber Verbrenner

Prämie für den Kauf klimafreundlicher Autos

Eine Studie zeigt, bei der Entscheidungen für oder gegen batterie-elektrische Fahrzeuge geht es nicht nur um die Kosten.

(Foto: dpa)

Die Zurückhaltung beim E-Autokauf liegt nicht nur am Preis und der Reichweite, zeigt eine neue Studie.

Zu teuer, zu wenig Reichweite: Das sind immer noch die Hauptargumente, warum Autofahrer den Umstieg auf ein Elektroauto scheuen. Zumindest die Gesamtkostenrechnung fällt dank der neuen Kaufprämien mittlerweile fast durchgehend zu Gunsten der Stromer aus. Eine Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW), die der SZ exklusiv vorliegt, zeigt jedoch, dass offenbar in vielen Fällen nicht nur die Kosten entscheiden.

Die Studie stützt sich zum einen auf die Umfrage "Mobilität in Deutschland 2017" des Verkehrsministeriums. Zum anderen nutzten die Wissenschaftler Buchungsdaten der stationsbasierten Carsharing-Anbieters Flinkster aus den Jahren 2014 bis 2016. Die Forscher verglichen das Nutzungsverhalten privater Autofahrer mit dem der Carsharing-Kunden. Bei Privatfahrzeugen unterschied sich die jährliche Fahrleistung von Benzin- und Elektroautos kaum, lediglich Dieselfahrer legten deutlich mehr Kilometer zurück.

Doch betrachteten die Wissenschaftler das Nutzungsverhalten der Kunden des Carsharing-Anbieters Flinkster, schnitten Elektroautos deutlich schlechter ab. Obwohl Preise und Verfügbarkeit sich glichen, griffen die Kunden deutlich öfter zum Verbrenner. Die Fahrleistungen der Stromer, die ganzjährig verfügbar waren, waren um 79% geringer. Daraus schließen die Studienmacher: Es muss andere Gründe für das Festhalten an Verbrennern geben als rein monetäre Aspekte. Eine mögliche Erklärung sehen die Forscher in der so genannten Status-quo-Verzerrung. Das bedeutet, dass Nutzer den gegenwärtigen Zustand übermäßig bevorzugen und resistent gegenüber Veränderungen sind. Man fährt also lieber den gewohnten Benziner als die neue Elektro-Version. Zudem spiele offenbar die Reichweitenangst, also die Sorge unterwegs mit leerer Batterie zu stranden, immer noch eine wichtige Rolle.

Doch ist diese Sorge im Alltag berechtigt? Auch das untersuchte das ZEW in seiner Studie. Dabei rechneten die Wissenschaftler mit Elektroautos unterschiedlicher Reichweite und verglichen diese mit den Strecken, die die Autofahrer täglich zurücklegten. Das Ergebnis: Selbst bei sehr ungünstigen Annahmen zu Reichweite und Lademöglichkeiten könnten zwischen 82 und 92 Prozent der täglichen Fahrten auch mit E-Autos bewältigt werden. "Bei moderaten Annahmen nähert sich der Anteil sogar 99 Prozent", so Studienleiter Martin Kesternich.

Natürlich gilt das aber nur, wenn der Autofahrer den Wagen auch zuverlässig laden kann. Deshalb sehen die Studienautoren auch einen wichtigen Hebel im Ausbau der Ladeinfrastruktur. Zwar ist dieses Vorhaben auch im neuen Konjunkturpaket der Bundesregierung enthalten. Kurzfristig sollen es da aber Kaufanreize richten. "Vor dem Hintergrund dieser Befunde ist es daher derzeit fraglich, ob die Erhöhung der Förderprämien der E-Mobilität durch zusätzliche Nachfrage zum Durchbruch verhelfen kann", schreiben die ZEW-Forscher.

Zudem bräuchte es mehr Impulse für bestimmte Sondersituationen. Viele Menschen kaufen ihren Wagen immer noch nach dem Maximalbedarf - also auch für wenige lange Fahrten in den Urlaub oder zu Verwandten. Auch für diese Sonderfälle gäbe es laut den Mannheimer Wissenschaftlern Lösungen: Eine bestünde zum

Beispiel darin, E-Auto-Fahrern Gutscheine für Langstreckenfahrten mit der Bahn anzubieten. Darüberhinaus sei es auch denkbar, das zeitlich begrenzte Leihen von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor in solchen Fällen mit besonderen Konditionen zu fördern.

© SZ vom 10.06.2020
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