Wintertourismus in der Schweiz Mehr Skijacken statt Pelzmäntel für St. Moritz

Nicht alles Gold, was glänzt: St. Moritz im Oberengadin, Schweiz.

(Foto: Switzerland Tourism)

Weil die Gästezahlen sinken, will der Skiort auch für Normalzahler attraktiver werden - zur Freude von Einheimischen und zum Entsetzen mancher Hoteliers.

Von Matthias Schmid, St. Moritz

Die Mottenbekämpfung ist so eine Geschichte in St. Moritz. Es gibt in der Via Maistra einen Laden, der in großen gelben Lettern auf blauem Grund für die Pelzübersommerung im Kühlhaus wirbt. "Wir bieten die ideale Sommerpflege für Ihre Pelz- und Lammfell-Garderobe ..." steht da. "Mottenbekämpfung ohne Chemie", versteht sich. Und: "In vollklimatisierten Räumen" sowie: "Tiefkühlung bei -20 Grad Celsius".

Wenn Pia Ochsner das Plakat sieht, ähneln die Furchen auf ihrer Stirn den Gletscherspalten des Piz Corvatsch, der sich im Hintergrund erhebt. "Solche Probleme sollte ich mal haben", sagt Ochsner: "Das ist doch genau das St. Moritz, das wir nicht zeigen wollen. Aber das in den Köpfen all der Touristen aus Deutschland existiert, die viel Privatfernsehen schauen."

Pia Ochsner ist in der 5500-Einwohner-Gemeinde geboren und aufgewachsen, sie ist Hausfrau und Mutter einer dreijährigen Tochter, sie trägt Jeans, Turnschuhe und eine rote Ski-Jacke. Die 34-Jährige ist der Gegenentwurf zur Geld-Fürstin im Pelzmantel, die in den Luxusboutiquen in der Via Serlas shoppen geht und sich von RTL2 interviewen lässt. Sie schwärmt von einem anderen St. Moritz: von diesem malerischen Ort im Oberengadin, von der wilden Natur, der guten Luft, den Seen, den Bergen ringsherum.

Sie spricht nicht über Pferderennen. Oder über Schauspieler, die hier Champagner trinken und in Hotels einchecken, die aussehen wie eine Mischung aus Burg und Schloss und in denen nur eine Nacht 18 000 Franken kosten kann. Ochsner kennt zwar all das Abgehobene in ihrem Heimatort, aber sie findet es entsetzlich: die Hybris der Superreichen, das Künstliche, die Gier der Hoteliers nach der Maximierung ihres Gewinns. "Viele wissen gar nicht, wie schön es hier im Engadin ist", sagt Ochsner und erzählt, wie für sie ein perfekter Nachmittag aussieht: "Mit den Langlaufskiern von Pontresina das Val Roseg hochlaufen."

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So die Seitentäler zu entdecken oder über die schneebedeckten Seen zu gleiten, ist im Winter auch bei Touristen beliebt. Deshalb wirbt Hugo Wetzel für "die Gesamtheit des Wintersports im Engadin". Wer einen Aktivurlaub erleben möchte, kann neben Langlaufen und Skifahren auf der Corviglia auch mit dem Schlitten oder einem Bob die Natureisbahn in Celerina hinabsausen. Dieser weitere Fokus soll dem Direktor der Tourismusorganisation Engadin/St. Moritz helfen, neue und jüngere Touristen ins Hochtal zu locken.

St. Moritz muss man sich leisten können - nicht nur bei den Hotels

Wetzel kennt sich mit Wintersport aus: Bei der alpinen Ski-Weltmeisterschaft 2017 in St. Moritz war er Chef des Organisationskomitees. Die unterschiedlichen Sichtweisen zwischen den Hoteliers und Ladenbesitzern auf der einen Seite und Einheimischen wie Pia Ochsner auf der anderen sind ihm nicht verborgen geblieben. Er hofft, dass es der WM nachhaltig gelingt, "Pelzmantel und Skijacke zu versöhnen". Denn St. Moritz hat an Anziehungskraft verloren.

Seit 2005 zählte St. Moritz insgesamt 192 000 Übernachtungen weniger, knapp 20 Prozent. Allein 2015 gab es einen Rückgang von etwa sieben Prozent. Das könnte man mit der Schwäche des Schweizer Franken erklären und auch ein wenig mit Russen, die lieber in Sotschi am Schwarzen Meer Ski fahren als in Europa. Aber: Andere Skiorte, auch in der Schweiz, gewinnen Hotelgäste hinzu. Mit einfallsreichem Marketing und Crowdfunding-Aktionen reagieren sie auf den starken Rückgang von Übernachtungen und verkauften Skipässen. Zum Beispiel Davos, das allein im Januar mehr als 6000 zusätzliche Übernachtungen verzeichnen konnte, ein Plus von fast sieben Prozent.

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Den Glanz des sonst so mondänen St. Moritz trüben die tristen Bilder geschlossener Ladenlokale. Die Quadratmeterpreise betrage exorbitante Summen, die sonst nur bei Monopoly gefordert werden. 25 diese Ladenlokale stünden leer, hat im Sommer die Engadiner Post gemeldet. Stirbt der Nobelskiort St Moritz?, fragte das Nachrichtenportal Watson.