Reise-Rekordsommer Invasion der Touristen

Eine Gruppe von Kreuzfahrttouristen vor der Kathedrale von Palma de Mallorca.

(Foto: AFP)

Barcelona, Berlin, Palma, Venedig: In beliebten Urlaubsorten wehren sich immer mehr Einheimische gegen Touristen. Die kommen in Massen - und benehmen sich daneben.

Von Jochen Temsch

Die Wanne ist voll. Die Sommerurlauber haben sich in diesem Jahr in wenigen Ländern geballt. Weil die Türkei, Tunesien und Ägypten als Urlaubsziele für viele nicht mehr infrage kommen, gab es einen Massenansturm auf Orte im westlichen Mittelmeer. Spanien ist ausgebucht und bricht alle Rekorde. Bereits im ersten Halbjahr reisten 36,3 Millionen Ausländer an, so viele wie nie zuvor, noch einmal zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Da prallten allein auf den Balearen-Inseln Mallorca, Menorca, Ibiza, Formentera und Cabrera 13 Millionen Touristen auf 1,1 Millionen Einwohner. Der Tourismusminister der Balearen, Biel Barceló, mahnte schon im Juni: "Wir haben keinen weiteren Platz mehr für Touristen." Aber selbst dieser Sommer der Superlative ist auf Mallorca im Endspurt noch steigerungsfähig.

Erstmals in dieser Saison lagen am vergangenen Wochenende fünf riesige Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig im Hafen von Palma. Die schwimmenden Hotelanlagen entließen zusammen 20 000 Passagiere zum Landgang in die Altstadt. Café- und Souvenirshopbesitzer freuten sich über die Flut potenzieller Kunden. Weniger glücklich waren Umweltschützer, etwa vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu), der immer wieder auf die Gesundheitsgefahren durch ungefiltertes Schweröl hinweist, das die Kreuzfahrtschiffe verbrennen. Mitte August hatte der Nabu die Feinstaubbelastung im Hafen Palmas gemessen: Durch die Ankunft von nur zwei Schiffen hatte sich die Anzahl der Partikel pro Kubikzentimeter Luft fast verfünfzigfacht.

"Ist das der rüpelhafteste Sommer aller Zeiten?", fragt der Corriere della Sera

Kritik am Massentourismus ist so alt wie das Urlaubmachen selbst. Der Publizist Hans Magnus Enzensberger beschrieb bereits 1958 in seinem Aufsatz "Vergebliche Brandung der Ferne", dass die Flucht aus der industriellen Arbeitswelt ins Traumreich des Urlaubs schon deshalb zum Scheitern verurteilt sei, weil der Tourismus selbst industriell organisiert ist.

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Heute steht oft das schlechte Benehmen der Urlauber im Fokus. In Italien fragte die Tageszeitung Corriere della Sera: "Ist das der rüpelhafteste Sommer aller Zeiten?" Vorausgegangen war eine landesweite Erregung über Kirchenbesucher in Bikini und Flipflops, Kopfsprünge in die Kanäle von Venedig und Nacktbader im Trevi-Brunnen in Rom.

Solche Klagen werden in Zukunft wohl kaum weniger werden. Die Reisebranche feiert ein Rekordjahr nach dem anderen, besonders kräftig legen Städte- und Kurzreisen sowie Kreuzfahrten zu. Die Welttourismusorganisation UNWTO zählt 1,2 Milliarden Reisen weltweit pro Jahr, bis zum Jahr 2030 sollen es 1,8 Milliarden werden.

Neu ist jedoch, wie der Widerstand gegen die Urlauber an beliebten Orten wächst. In Palma gingen Hunderte Mitglieder der Bürgerinitiative "Ciutat per a qui l'habita, no per a qui la visita" ("Stadt für die Bewohner, nicht für die Besucher") auf die Straße, um gegen den Ausverkauf ihrer Heimat zu demonstrieren. Die Organisation veröffentlichte ein Manifest. Darin kritisiert sie, wie Souvenirläden und Franchise-Ketten die Tante-Emma-Läden für den täglichen Bedarf verdrängten und die Menschen in Angst davor lebten, aus Wohnung und Nachbarschaft vertrieben zu werden. In Venedig kann man längst besichtigen, wohin die Entwicklung schlimmstenfalls führt: 54 000 Einwohner harren noch im historischen Zentrum aus und werden pro Jahr von 25 bis 35 Millionen Touristen überrannt, die Wellen der Kreuzfahrtschiffe rütteln an den Fundamenten der Stadt.

1,84 Millionen

Urlauber hielten sich im Juli 2016 auf der etwa 880 000 Einwohner zählenden Insel Mallorca auf, so das balearische Statistikinstitut. Es war die höchste Anzahl Touristen, die dort je in einem Monat gezählt wurde. Erste Statistiken der aktuellen Urlaubssaison weisen darauf hin, dass 2017 auch übers ganze Jahr gesehen einen neuen Rekord bringen könnte.

Für Antje Monshausen, die Leiterin der "Tourism Watch" des Hilfswerks "Brot für die Welt", die sich für nachhaltigen Tourismus einsetzt, ist der friedliche Protest der Einheimischen Notwehr. Sie sagt: "Die Zivilgesellschaft organisiert sich, um wieder mitreden zu können." Der Massentourismus entwickle sich zu schnell für Entscheidungen auf politischer Ebene - bevor vernünftige Rahmenbedingungen geschaffen würden, stünden die Menschen bereits vor vollendeten Tatsachen.

Die Wut darüber radikalisiert aber auch manche. Mitte Juli protestierte eine linke Jugendorganisation mit Bengalos in einem Restaurant in Palma. Ähnliche Szenen gab es - vor dem Anschlag - in Barcelona, wo 1,6 Millionen Einwohner pro Jahr mit acht Millionen Besuchern klarkommen müssen. Das sind dreimal mehr als Anfang der Neunzigerjahre. In der Altstadt hängen Bettlaken mit der Aufschrift "Tourist go home" von den Balkonen des strandnahen, ehemaligen Arbeiterviertels Barceloneta, das bei Touristen besonders beliebt ist. Einwohner bildeten eine Menschenkette am Strand und hinderten Touristen am Zugang zum Meer. Vermummte stoppten einen Sightseeing-Bus, zerstachen die Reifen und sprühten auf die Windschutzscheibe: "Tourismus tötet die Stadtviertel."

An den Grenzen der Gastfreundschaft

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Schädlich für die Umwelt, tödlich für die Stadtviertel, zum Davonlaufen für die Einwohner - das bezeichnet der in diesem Sommer häufig gefallene Begriff "Overtourism". Billigflieger und Vermieter privaten Wohnraums, die Portale wie Airbnb nutzen, sind als Hauptübeltäter ausgemacht. Durch sie kommen Besuchermassen in die Städte, die Mieten steigen und werden für die Einheimischen unerschwinglich, die Viertel verändern sich.

Ausgerechnet die scheinbaren Individualisten, die gerne auf Pauschaltouristen herabschauen, in Privatwohnungen absteigen und sich davon authentische Erlebnisse erhoffen, stören das Alltagsleben. Stadtforscher wie der Spanier Paolo Russo sagen, die Probleme zwischen Besuchern und Besuchten entstünden erst durch das alltägliche Zusammenleben. Touristenzentren, etwa an der Costa Brava oder auf den Kanaren, hätten dagegen Zonen geschaffen, in denen die Touristen unter sich blieben - und niemanden störten. Das Leben der Einheimischen findet anderswo statt. Dort, wo jetzt die zahlungskräftigen Kurzmieter einziehen. Der Tourismusforscher Jeroen Oskam sagt: "In Berlin haben 2016 eine Million Airbnb-Besucher geglaubt, nicht Teil einer Masse zu sein." Tourismuskritiker bekommen immer wieder zu hören, man dürfe nicht die Hand beißen, die einen füttert. Allein in Barcelona hängen 120 000 Arbeitsplätze am Fremdenverkehr. Doch die Einnahmen sind ungleich verteilt, die Jobs oft saisonal und prekär.

Politische Entscheidungen zur Eindämmung des Overtourism wirken hilflos: Es gibt strengere Regeln bei der Vermietung von Privatwohnungen, Bußgelder, Baustopps. Auch skurrile Maßnahmen: Nachdem Touristen im Jahr 2014 so viele Liebesschlösser am historischen Pont des Arts in Paris angebracht hatten, krachte ein Teil der Brücke zusammen. Heute verunziert sie Plexiglas - zum Schutz vor Schlössern.

Die Urlaubslaune vergeht dabei kaum jemandem. Drei Tage nach dem Rekordbesuch der fünf Kreuzfahrtschiffe in Palma legten diese Woche erneut Schiffe an: wieder fünf auf einmal.

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