Kanzlerin fliegt zur WM Merkels Eigentor in Kapstadt

Ihr Kandidat Wulff gewann nach Verlängerung und ihre Mannschaft ist kein Team. Mit WM-Jubelbildern will Kanzlerin Merkel gegensteuern, doch der PR-Coup scheint ein Eigentor zu werden.

Von M. König und B. Vorsamer

Eigentlich hat sie schon qua Geschlecht keine Ahnung von Fußball, unsere Kanzlerin, die bekanntermaßen eine Frau ist. Schon bevor sie 2005 ins Amt kam, lästerte der Spiegel, die Kandidatin Angela Merkel sei zwar eine passionierte Bergwandererin, habe jedoch in ihrem Leben noch nie Fußball gespielt.

Bei der WM im eigenen Land 2006 konnte sie jedoch beweisen, dass das überhaupt keine Rolle spielt. Ihre Spielprognosen ("Diese Mannschaft glaubt an sich. Die kann noch eine ganze Menge erreichen. Und ich glaube auch daran.") waren mindestens so professionell, vage und daher zutreffend wie die von Fußballkaiser Franz Beckenbauer.

Merkel lernt eben schnell - unter anderem, dass Erfolge der Nationalmannschaft prima von politischen Misserfolgen ablenken. Von denen hatte sie in letzter Zeit reichlich. Die Schlappe ihres Präsidentschaftskandidaten Christian Wulff, der erst nach drei Wahlgängen und fast zehn Stunden eine Mehrheit bekam, war womöglich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Dass gerade WM in Südafrika ist, fiel der Kanzlerin auch schon während der Bundespräsidentenwahl ein, weswegen sie beherzt zur Fußballmetapher griff: "Ich habe eine herzliche Bitte: Lassen Sie uns im dritten Wahlgang ein kraftvolles Symbol abgeben", sagte sie bei der Sitzung der Unionsfraktion. "Wir haben jetzt das Serbien-Spiel gehabt, jetzt kommt das England-Spiel. Lasst uns das richtig machen!"

Und so fliegt Angela Merkel am Samstag nach Kapstadt, um beim Viertelfinale der deutschen Nationalmannschaft gegen Argentinien mitzufiebern. Im Gegensatz zu Frankreich, Italien und Großbritannien ist Deutschland zumindest im Fußball keine Krisennation. Und angesichts der mitreißenden Leistung im Achtelfinale gegen England (4:1) ist es zumindest nicht ausgeschlossen, dass die Natonalelf auch Argentinien aus dem Turnier wirft.

Weil Fußballgucken ohne Gesellschaft bekanntlich langweilig ist und die Kanzlermaschine reichlich Platz bietet, hat Merkel etwas richtig Nettes getan und den politischen Gegner zum Mitfliegen eingeladen. Der jedoch nutzt das zum Kontern. Das Angebot käme ihnen viel zu früh, teilten die Fraktionschefs Renate Künast und Jürgen Trittin der Süddeutschen Zeitung mit. "Wir setzen auf Sieg und nicht auf Niederlage", ließen sie wissen: Die Nationalmannschaft habe noch Halbfinale und Endspiel vor sich.

Die Grünen finden es aus Kostengründen unangemessen, gleich dreimal innerhalb einer Woche nach Südafrika zu reisen, ans andere Ende der Erdkugel, weswegen sie der Kanzlerin rieten, für den 11. Juli nach Johannesburg umzubuchen. Dann ist Finale. Die anderen Bundestagsfraktionen nahmen Merkels Angebot an.

Der Bund der Steuerzahler hält den Flug für Verschwendung. Präsident Karl Heinz Däke hat Angela Merkel aufgefordert, auf den Besuch des WM-Viertelfinales zu verzichten. Eine Flugstunde mit der Regierungsmaschine koste den Steuerzahler 10.000 Euro, rechnete der Steuerzahlerbund vor. In Zeiten der Wirtschaftskrise sei es ein falsches Signal, innerhalb einer Woche mehrmals zwischen Südafrika und Deutschland hin- und herzufliegen, nur wegen eines Viertel- oder Halbfinales. "Eine solche Reise ist nur bei einem Endspiel gerechtfertigt", so Däke.

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