Gauck-Rede zur Auschwitz-Befreiung "Die meisten Deutschen sprachen sich selbst frei"

Bundespräsident Gauck geißelt in seiner Rede zum Holocaust-Gedenktag die Verdrängung der NS-Verbrechen in Westdeutschland - und in der DDR. Die Linke bringt er mit einem Kniff auf seine Seite - und für die Pegida-Anhänger hat er eine klare Botschaft.

Von Oliver Das Gupta

"Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war. Selbst eine überzeugende Deutung des schrecklichen Kulturbruchs wäre nicht imstande, mein Herz und meinen Verstand zur Ruhe zu bringen."

Mürbe klingt die Stimme von Joachim Gauck, als er diese Sätze vor dem Bundestag ausspricht. Die meisten Abgeordneten applaudieren, auch Abgeordneten der Linkspartei, mit denen sich der Bundespräsident oft (und gerne) anlegt.

Das vorweg: Eine gelungene, ja eine große Rede hält Gauck in dieser Gedenkstunde des Parlaments zur Auschwitz-Befreiung. Und das liegt nicht nur an den persönlichen Passagen (hier die Rede im Wortlaut).

Das Ende des Holocaust

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Würdig erinnert das Staatsoberhaupt an die meist jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Was nicht selbstverständlich ist: Dass der Kommunisten so kritisch gegenüberstehende Gauck auch die kommunistischen NS-Opfer erwähnt. Der Bundespräsident, der seine Gegnerschaft zu seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin offen zur Schau stellt, stellt heraus, dass 231 Rotarmisten bei der Befreiung des KZ Auschwitz getötet wurden. Vor ihnen, den sowjetischen Soldaten, "verneigen wir uns auch heute in Respekt und Dankbarkeit". Die Abgeordneten des Bundestages klatschen an dieser Stelle zum ersten Mal.

Gauck erinnert an den glühenden Patriotismus des Willy Cohn, der im Ersten Weltkrieg für sein deutsches Vaterland kämpfte und dafür das Eiserne Kreuz erhielt. Ein Patriot, der sich angesichts des beginnenden Mordens an Juden an seine staatsbürgerlichen Loyalität hielt. Gauck zitiert Cohn mit den Worten: "Ich liebe Deutschland so." Wenig später wurde die jüdische Familie Cohn von der SS ermordet.

Gauck macht da weiter, wo manch anderer Gedenkredner aufhört. Beim Verdrängen und Klittieren der NS-Geschichte in West- und Ostdeutschland. Gauck geißelt diesen Unwillen der Aufarbeitung der eigenen Verstrickung mit den Worten des jüngst verstorbenen Schriftstellers Ralph Giordano: eine "zweite Schuld".

"Hölle von Hass und Gewalt"

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Der Präsident zerlegt die deutsche Nachkriegspsyche. Lapidar stellt er etwa fest: "Die Bevölkerung der jungen Bundesrepublik kannte wenig Mitgefühl mit den Opfern nationalsozialistischer Gewalt."

Gauck weist auf den gängigen Reflex der (alten und neuen) Geschichtsverdränger hin: "Die meisten Deutschen sprachen sich selbst frei, indem sie Schuld und Verantwortung einer kleinen Zahl von Fanatikern und Sadisten zuschoben." Und er freut sich, dass junge Menschen selbst die Geschichten von Tätern und Opfern, von Verwandten und Unbekannten recherchieren.

Um am Ende bei Menschen, die Juden in der NS-Zeit retteten nicht nur moralische Vorbilder zu sehen, "sondern auch den Gegenbeweis zur alten These: Man hätte ja doch nichts tun können!". Erst die durch den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (hier ein Porträt des Juristen) initiierten Frankfurter Auschwitz-Prozesse machten das Ausmaß des NS-Mordwahns sichtbar. Doch "umfassende Betroffenheit" stellte sich nicht ein, sagt Gauck.

Im Schatten des Grauens

Etwa eine Million Touristen besuchen jährlich das Museum des ehemaligen KZ Auschwitz. Die Stadt daneben, Oświęcim, sehen die meisten davon nur im Vorbeifahren. Der Tourismusverband will das ändern, denn es fehlen Arbeitsplätze und Perspektiven für junge Menschen. Von Nadia Pantel mehr... Reportage

Die kritische Selbstreflektion habe später begonnen, forciert durch die Arbeiten von Alexander und Margarete Mitscherlich (hier ein SZ-Interview mit der Psychoanalytikerin). Doch erst die US-Fernsehserie "Holocaust" habe die Deutschen in Ost und West tief berührt.