Zum Tod von Ralph Giordano Er suchte noch im Elend nach Erlösung

Mahner und Kämpfer: Ralph Giordano ist im Alter von 91 Jahren gestorben.

(Foto: dpa)

Ralph Giordano wurde von den Nazis verfolgt und machte den Kampf gegen Rechts zu seiner Lebensaufgabe. Er stritt gegen das Unrecht - und am Ende gegen den Islam.

Von Willi Winkler

Die Herzensbildung der Kulturnation zeigte sich bereits auf dem Schulhof. Von einem Tag auf den anderen gehörte er nicht mehr dazu: Ralph Giordano, Sohn eines Pianisten und einer Klavierlehrerin, war plötzlich kein Deutscher mehr, sondern Jude. Das Johanneum, Hamburgs sogenannte Gelehrtenschule in bester protestantischer Tradition, hatte ihn zwar aufgenommen, doch als sich die Welt drehte und lieber dem Führer folgte, wurde der "Mischling" von seinen lieben Mitschülern ausgeschlossen. Das war aber nur der Anfang: Als Jüdin musste seine Mutter jederzeit mit der Deportation rechnen. Die Familie tauchte unter, überlebte den Feuersturm der "Operation Gomorrha" und harrte bis zur Befreiung in einem Kellerloch aus. So einer kann gar nicht anders, er muss Kommunist werden.

Die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland war lang ein großes Abenteuer. Wer wie Giordano Anfang der Fünfziger nach drüben wollte, zu den Freunden in Ostberlin oder in Leipzig, der sprang hinter Lüneburg vom Zug, schlug sich am Bahndamm entlang durchs Gebüsch und überwand so die Grenze, an der damals noch nicht geschossen wurde. Die Polizei jagte das "Kommunistenpack", schließlich hatten es die besten Kräfte in den Jahren davor so gelernt.

Vom Kommunisten zum Anti-Kommunisten

Der junge Giordano glaubte mit der Inbrunst des Überlebenden an eine bessere Welt, für die er als Journalist, als Schriftsteller, als deutscher Jude kämpfen wollte. Das Impressum der ersten Spiegel-Ausgabe 1947 weist ihn als Mitarbeiter zwischen kaum geläuterten Nazis aus, und als er zwei Jahre später in einem Hamburger Gericht erlebt, wie der "Jud Süß"-Regisseur Veit Harlan gefeiert wird, ruft er empört: "Es sind nur Antisemiten im Saal!" Bei einer gewalttätigen Demonstration der Freien Deutschen Jugend in Essen erschießt die Polizei 1952 den Münchner Arbeiter Philipp Müller. "Wir hatten einen Märtyrer." Das waren die Goldenen Fünfziger.

Nach Stalins Tod, nach Chruschtschows Rede brach Giordano mit dem Kommunismus, aber nicht mit seinem Glauben an eine bessere Welt. Er mochte jetzt leidenschaftlicher Antikommunist sein, wie er in seinem Buch "Die Partei hat immer recht" (1961) darlegte, er blieb gläubig. Als Dokumentarfilmer bereiste er die hiesige, irdische Welt und suchte noch im größten Elend nach Erlösung. Er berichtete früh über den Völkermord an den Armeniern, beschäftigte sich mit der ungesühnten Nazi-Justiz und widmete sich in einem Porträt Camilo Torres, dem katholischen Priester, der sich den Guerilleros in Kolumbien angeschlossen hatte.

Er schrieb über die "Zweite Schuld" (1987), darüber, dass die Nazis von gestern in der Gegenwart womöglich in noch bessere Ämter kamen und in Würde altern durften. Weit populärer wurde er mit den "Bertinis", der kaum literarisierten Geschichte seiner Familie, mit der er, zumal nach der Verfilmung als TV-Serie, von der ganzen deutschen Familie ans Herz gedrückt wurde.

Mahner und Kämpfer

Dieser Ruhm genügte ihm keineswegs, und so entwickelte sich Giordano nach seinem Abschied vom WDR zum großen Mahner. Umkränzt von einer prachtvollen Mähne, wurde er der bedeutendste Stolen-Träger diesseits des Vatikans, und ähnlich kategorisch wie der Papst urteilte er über Recht und Unrecht. Mit dem gleichen Eifer, der ihn seit Kriegsende umgetrieben hatte, prangerte er nach den Anschlägen von Hoyerswerda und Rostock den längst nicht überwundenen Rechtsradikalismus an und kritisierte unermüdlich den Umgang mit Ausländern. Er hatte am eigenen Leib und knapp bewahrten Leben mitgemacht, was Diskriminierung bedeuten konnte.

Umso überraschender war das Hobby, das sich der alte Giordano mit seinem ewig jugendlichen Feuer wählte: Mit dem Pathos eines Orakels erklärte er bei jeder Gelegenheit, dass der Islam auf keinen Fall zu Deutschland gehöre, das aber wahrscheinlich erst auf ihn hören werde, wenn "wieder Blut fließen" würde. In Köln führte er mit dieser Botschaft sogar ein Fähnlein von Fanatikern an, die den Bau einer großen Moschee verhindern wollten. Sein Urteil in dieser Sache suchte er allerdings mit der Zeit ein wenig abzumildern. Am Mittwoch nun ist der nimmermüde Kämpfer Ralph Giordano im Alter von 91 Jahren in Köln gestorben.