Ehemaliges KZ Auschwitz Im Schatten des Grauens

Leben neben dem einstigen Todeslager: Normalität behauptet sich nicht leicht in der Nähe der KZ-Gedenkstätte. Vieles in Oświęcim ist ein Trotzdem.

(Foto: Danny Ghitis)

Etwa eine Million Touristen besuchen jährlich das Museum des ehemaligen KZ Auschwitz. Die Stadt daneben, Oświęcim, sehen die meisten davon nur im Vorbeifahren. Der Tourismusverband will das ändern, denn es fehlen Arbeitsplätze und Perspektiven für junge Menschen.

Von Nadia Pantel, Oświęcim

Die Touristeninformation liegt gleich neben dem Parkplatz des Auschwitz-Museums, eingeklemmt zwischen Pizzeria und Souvenirshop. Das erste deutsche Wort, das Krzysiek Kamiński hier lernte, ist "kostenlos". Er sagt es, wenn die deutschen Besucher in ihren Wetterjacken zu den "Raus-ins-Grüne"-Broschüren greifen und ihn mit fragendem Blick anschauen: "Ja, bitte. Kostenlos!" Kaminskis Aufgabe ist es, die mehr als eine Million Touristen, die pro Jahr das Museum des ehemaligen Konzentrationslagers besuchen, in die Altstadt von Oświęcim umzuleiten. Es läuft eher mittelmäßig.

"Oschwientschim" - damit muss Kamiński beginnen. Mit dem geduldigen Vorsprechen des Stadtnamens, der außerhalb Polens so wenig wahrgenommen wird, wie die Stadt selbst. "Einen Staat im Staat" nennen die Menschen, die hier leben, Auschwitz". Eine internationale Blase aus Grauen, Erinnern und Tourismus, die die meisten Besucher mit Shuttlebussen direkt aus Krakau erreichen. Von der 40 000-Einwohner-Stadt Oświęcim sehen sie im Vorbeifahren nur das neue Shoppingcenter. Seit vier Jahren aber können sie die polnischen Nachbarn des deutschen Lagers zwei Tage lang hören. Ende Juni feiert die Stadt das "Life Festival". Für "Leben, Frieden und Musik" und, um "den Bann zu brechen, der über der Stadt liegt", wie der Radiomoderator Darek Maciborek es nennt, der in Oświęcim geboren wurde und das Festival in seine Heimatstadt holte. Wer am 28. Juni 2014 Auschwitz besuchte, hörte zwischen den Baracken, wie Eric Clapton "Layla" anflehte. Musikfetzen, herübergeweht aus dem Fußballstadion, in dem Tausende dem Stargast zujubelten.

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Vieles in Oświęcim ist ein Trotzdem. Manchmal ein trotziges. Die bekannteste Band der Stadt heißt "Krzywa Alternatiwa", schräge Alternative. In ihrem Lied "Miasto moje" singen sie: "Meine Stadt, du trägst keine Schuld, bist verletzt, verkrüppelt, deine Augen sind traurig." Der Text liest sich bitter, das Lied klingt beschwingt. Im zugehörigen Musikvideo baut die Band Schlagzeug und Verstärker im Kieselstrand der Soła auf, die zwischen der Stadt und dem Lager fließt, im Hintergrund pflücken Kinder Löwenzahn.

"Es ist eine schöne Stadt", sagt Krzysiek Kamiński und zählt auf: die gothische Klosterschule, das Hochufer am Fluss und der frisch renovierte Marktplatz. Kamiński ist in Oświęcim geboren, sein Vater ist Hobbyhistoriker. Als kleiner Junge war er mindestens einmal pro Woche im früheren Lager Auschwitz. Er habe immer gespürt, dass es ein "sehr ernster Ort" ist. Aber erst mit 16 habe er wirklich verstanden, was dort passiert war. Zwei Jahre lang arbeitete der 28-Jährige am Einlass des Auschwitz-Museums, jetzt ist er beim Tourismusverband der Region Kleinpolen angestellt. Das gefällt ihm besser. Die Menschen sind nicht so in Eile, es werden nicht mehr jeden Tag so unfassbar viele Gesichter an ihm vorbeigeschleust. Und er darf sich offiziell für den Ort begeistern, den er am besten kennt: Oświęcim.

Am Rande der Altstadt nutzen Kinder den ersten Schnee des Jahres, um in Richtung Fluss zu rodeln. Kamiński zeigt auf die freie Fläche, auf der die Schlitten zum Stehen kommen: "Dort war mal die Wodka-Fabrik von Jakob Haberfeld." 1939 stellte sie ihren Betrieb ein. Haberfeld war gerade in New York, um neue Wodka-Käufer zu akquirieren. Die Invasion der Wehrmacht hielt den Juden ab, in die Heimat zurückzukehren.

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Die Nationalsozialisten haben Oświęcim nicht nur den Schatten von Auschwitz hinterlassen, sie haben der Stadt auch den Großteil der Einwohner geraubt. Vor dem Zweiten Weltkrieg trug Oświęcim den Beinamen "Kleines Jerusalem". Es war eine mehrheitlich jüdische Stadt. Nach 1945 durchschlummerte sie den Sozialismus als ausgehöhlter Rest. In der Synagoge wurde ein Möbelgeschäft eingerichtet. Haberfelds Fabrik, sie war einer der wichtigsten Arbeitgeber, verfiel.

Die Hoffnung, dass eine Brücke Besucher herüberbringen könnte

In diesen Tagen, in denen die Welt erneut auf Auschwitz schaut und mit Besuchern, Zeitzeugen, Politikern, Kamerateams und Absperrzäunen in die Stadt drängt, schaut Oświęcim auf die eigene jüdische Geschichte. Im gesichtslosen Großkino im neuen Einkaufszentrum hatte im Januar der Film "Berührung eines Engels" Premiere. Ein Dokumentarfilm, in dem sich der Auschwitz-Überlebende Henryk Schonker an sein Leben erinnert, das in Oświęcim begann. Der Film konzentriert sich weniger auf die Entmenschlichung in Auschwitz, als auf die Hoffnung, für die Oświęcim stand. Schonkers Vater versuchte, die kleine Stadt zur Schaltzentrale der Emigration nach Palästina zu machen. Schonker scheiterte. Heute hat die 2000 wiedergeöffnete Synagoge von Oświęcim vor allem Gäste aus Israel und den USA.

Gedenken an die Befreiung

Mit einer großen Gedenkfeier wird an diesem Dienstag an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee vor 70 Jahren erinnert. Auschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager. Innerhalb von vier Jahren wurden hier 1,1 Millionen Menschen getötet. Die größte Gruppe der Opfer waren europäische Juden. Zu dem Festakt, der am Nachmittag vor dem Tor von Auschwitz-Birkenau beginnt, sind Überlebende des Lagers und Politiker aus aller Welt eingeladen. Aus Deutschland wird unter anderem Bundespräsident Joachim Gauck anreisen. Russlands Präsident Wladimir Putin wird bei der Feier fehlen. Er sei nicht förmlich eingeladen worden. Die Vorbereitungen der Feierlichkeiten wurden daher von einem politischen Konflikt zwischen Polen und Russland begleitet. Anstelle von Putin wird nun der russische Präsidialamtschef Sergej Iwanow an der Gedenkfeier teilnehmen. Nadia Pantel

Im Café nebenan wird Deutsch gesprochen. Ein paar Touristen haben es von Auschwitz nach Oświęcim geschafft. Damit das immer mehr Besuchern gelingt, setzt sich Kamiński dafür ein, eine Fußgängerbrücke über die Soła zu bauen. Dann können Besucher ihr Auto auf dem Auschwitz-Parkplatz lassen und durch den Wald, am Fluss entlang, zu den Cafés in Oświęcim laufen. Manche befürchten, so eine Brücke könnte viel zu teuer werden. Doch alle treibt die Frage um, woher neue Arbeitsplätze kommen können.

Die meisten jungen Menschen ziehen weg. Die Zeche, in der noch viele Ältere arbeiten, soll nach Plänen von Polens Ministerpräsidentin Ewa Kopacz geschlossen werden. Die Einzigen, die hier zur Zeit expandieren sind Spektakel-Betreiber: 19 Kilometer von Oświęcim entfernt liegt "Energylandia" - Polens größter Freizeitpark. Er soll zum größten Osteuropas werden. "Viele Familien machen einen Doppelausflug. Die Älteren gehen nach Auschwitz, die Kinder schicken sie nach Energylandia", sagt Kamińiski. Er lacht, guckt zugleich traurig. In Oświęcim gibt es vieles, das schwer zu verstehen ist. Krzyzek Kamiński geht das auch nach 28 Jahren noch so.

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