Bundespräsident Gaucks Rede im Wortlaut "Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz"

Bundespräsident Joachim Gauck spricht zum Gedenken an die Befreiung von Auschwitz im Bundestag.

(Foto: dpa)

Bundespräsident Joachim Gauck gedenkt am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz der Opfer des Nationalsozialismus. Das Verschweigen tilge nicht die offenkundige Schuld, sagt er bei seiner Rede im Bundestag - und mahnt ein Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen an.

Bundespräsident Gauck hielt am 27. Januar 2015 im Bundestag eine Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und den 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz.

Das gesprochene Wort:

"Heute vor 70 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch Soldaten der Roten Armee befreit. Vor bald 20 Jahren versammelte sich der Bundestag erstmals, um mit einem eigenen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Die Erinnerung dürfe nicht enden, forderte damals Bundespräsident Roman Herzog. Und er sagte: "Ohne Erinnerung gibt es weder Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft."

Viele prominente Zeitzeugen haben seitdem hier vor dem Hohen Haus geredet - Überlebende aus den Konzentrationslagern, aus den Ghettos und dem Untergrund, auch Überlebende belagerter, ausgehungerter Städte. In bewegenden Worten haben sie uns teilhaben lassen an ihrem Schicksal. Und sie haben gesprochen über das Verhältnis zwischen ihren Völkern und den Deutschen, in dem nach den Gräueltaten der Nationalsozialisten nichts mehr so war wie zuvor.

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Erlauben Sie mir bitte, dass ich auch heute zunächst einen Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, einen Zeitzeugen allerdings, der den Holocaust nicht überlebt hat. Seine Tagebücher aber sind überliefert und veröffentlicht, wenn auch erst 65 Jahre nach seinem Tod.

Ich spreche von Willy Cohn. Er stammte aus einer gut situierten Kaufmannsfamilie und unterrichtete an einem Breslauer Gymnasium. Er war ein orthodoxer Jude, tief verbunden mit deutscher Kultur und Geschichte, im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz. Unter dem NS-Regime verlor Cohn seine Arbeit, er verlor Freunde und Verwandte durch Selbstmord und Ausreise. Er ahnte das Ende, als ihn Nachrichten von der Errichtung der Ghettos im besetzten Polen erreichten und von Massenerschießungen in Lemberg. Doch obwohl er all dies wusste, bewahrte sich Cohn eine nahezu unerschütterliche Treue zu dem Land, das ihm das seine schien. "Ich liebe Deutschland so", schrieb er, "dass diese Liebe auch durch alle Unannehmlichkeiten nicht erschüttert werden kann. [...] Man muss loyal genug sein, um sich auch einer Regierung zu fügen, die aus einem ganz anderen Lager kommt."

Cohns Loyalität, deren Unbedingtheit uns heute fast unheimlich erscheint, weil wir den weiteren Verlauf der Geschichte kennen, Cohns Loyalität wurde auf das Allerbitterste enttäuscht. Am 25. November 1941 verluden willige Helfer seine Familie in einen der ersten Züge, die Juden aus Breslau in den Tod deportierten. Tamara, die jüngste Tochter von Willy Cohn, war gerade drei Jahre alt. Vier Tage später hielt der SS-Standartenführer Karl Jäger fest, dass 2.000 Juden im litauischen Kaunas mit Maschinengewehren erschossen worden seien.

Der deutsch-jüdische Schriftsteller Jakob Wassermann, der in den 1920er Jahren zu den meistgelesenen Autoren zählte, hatte bereits Ende des Ersten Weltkrieges desillusioniert geschrieben: Es sei vergeblich, unter das Volk der Dichter und Denker zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. "Sie sagen", schrieb er, "was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit? Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: er ist Jude."

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Der Jude der Antisemiten, das war j kein Wesen aus Fleisch und Blut. Er galt als das Böse schlechthin und diente als Projektionsfläche für jede Art von Ängsten, Stereotypen und Feindbildern, sogar solchen, die sich gegenseitig ausschließen. Allerdings ist niemand in seinem Judenhass so weit gegangen wie die Nationalsozialisten. Mit ihrem Rassenwahn machten sie sich zu Herren über Leben und Tod.

Diese sogenannten "Herrenmenschen" schreckten auch nicht davor zurück, angeblich "unwertes" Leben zu vernichten, Menschen zu sterilisieren und den politischen Gegner auszuschalten. Sie alle wurden Opfer des nationalsozialistischen Säuberungswahns: Sinti und Roma, die slawischen Völker, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, widerständige Christen, Zeugen Jehovas und alle anderen, die sich dem staatlichen Terror widersetzten.