BND Deutschland brauchte den Zugang zu Nowitschok

Das Nervengift Nowitschok wurde im März bei dem Mordversuch am Doppelagenten Sergej Skripal und seiner Tochter im britischen Salisbury eingesetzt.

(Foto: AP)

Nach dem Ende des Kalten Kriegs hat der Bundesnachrichtendienst eine Probe des tödlichen Kampfstoffs Nowitschok nach Europa geholt. Das zu tun, war seine Pflicht.

Kommentar von Georg Mascolo

Durfte es sein, dass der Bundesnachrichtendienst (BND) eine der tödlichsten je erfundenen Chemiewaffen nach Europa bringen lässt? So geschah es in den 90er-Jahren: Durch einen Wissenschaftler aus Russland kam eine Probe einer neuartigen Klasse von Kampfstoffen hierher - Nowitschok, das ist jenes Gift, das im März dieses Jahres bei dem Mordversuch an dem Doppelagenten Sergej Skripal und seiner Tochter Julia im britischen Salisbury verwendet wurde. Der Vorfall löste eine diplomatische Krise zwischen Russland und dem Westen aus, die bis heute nicht aufgeklärt ist.

Der BND durfte nicht nur, er musste so handeln. Dies ist keine zweite Plutonium-Affäre, die dem Dienst einmal zu Recht einen Untersuchungsausschuss des Bundestages einbrachte. 1994 waren BND-Agenten als Agents Provocateurs aufgetreten, hatten in Russland viel Geld für Nuklearmaterial angeboten. Schließlich kam hochgiftiges Plutonium in einer Lufthansa-Maschine nach München. Damals hatten der BND und andere westliche Geheimdienste erst mit Lockvogelangeboten jenen Markt geschaffen, den sie anschließend bekämpfen wollten. Als dieser gefährliche Unsinn endete, endete auch der Schmuggel.

BND beschaffte Nervengift "Nowitschok" in den 90er Jahren

Bei einer Geheimoperation gelangte der deutsche Nachrichtendienst bereits Mitte der 90er Jahre durch einen Überläufer aus Russland an den gefährlichen chemischen Kampfstoff. Von Georg Mascolo und Holger Stark mehr ...

Im Fall Nowitschok war es - nach allem was man bisher weiß - anders. Schon die Sowjetunion verheimlichte trotz aller gegebenen Abrüstungsversprechen und unterzeichneten internationalen Verpflichtungen ihre Arbeit an dieser neuen Form von Chemiewaffen. Es wurde gelogen. Herauszufinden, was sich in den Arsenalen der damals zerfallenden Supermacht befand, wie gefährlich solche Waffen im Kriegsfall oder in den Händen von Terroristen sind, ob und wie man die eigenen Soldaten und die Bevölkerung gegen sie schützen kann, ob sie ihren Weg nach Syrien oder Nordkorea finden könnten, war die Pflicht des deutschen Auslandsgeheimdienstes. Das Kanzleramt schaltete sich ein und auch das Verteidigungsministerium - man wollte eben keinen zweiten Fall Plutonium. Ja, der Transport nach Europa war riskant. Aber das Geheimnis von Nowitschok zu entschlüsseln, war das Risiko wert.

Nowitschok zu entschlüsseln war das Risiko wert, das der deutsche Geheimdienst einging

Bleibt die Frage, ob man mit den neuen Erkenntnissen nun einer Lösung des Falls Skripal näherkommen kann. Vermutlich nicht. Die damalige Operation des BND ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass Russland bis heute nicht offenlegt, woran einst geforscht, was getestet und vermutlich auch produziert wurde. Es wird noch immer gelogen, diesen Vorwurf kann man der russischen Regierung nicht ersparen. Manches Moskauer Statement klingt nach wie vor, als habe man noch nie von Nowitschok gehört. Ein Wille zur Aufklärung des Falls ist nicht zu erkennen.

Zugleich aber beweist die BND-Operation auch, dass die britische Premierministerin Theresa May voreilig handelte. Sie erklärte bereits kurz nach dem Mordversuch, dass entweder Russland direkt verantwortlich sei oder aber eben die Kontrolle über das Todesgift verloren habe. Kein anderes Land als Russland kommt auch nur theoretisch als Herkunftsort von Nowitschok infrage, war Mays Botschaft. Dabei wusste es die britische Regierung besser: Nowitschok ist schon lange kein Geheimnis mehr, dies gilt spätestens seit der BND in den 90er-Jahren die Probe beschaffte und seine Erkenntnisse auf Weisung des damaligen Bundeskanzlers mit seinen engsten Partnern teilte. Die Briten gehörten dazu.

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