bedeckt München

Fall Nawalny:So entwickelte die Sowjetunion Nowitschok-Nervengifte

Russland: Oppositionsführer Nawalny in einem Krankenhaus in Omsk

Das Krankenhaus im russischen Omsk, in das der Oppositionelle Nawalny nach seiner Vergiftung eingeliefert wurde. Nach Erkenntnissen der Bundesregierung wurde er mit Nowitschok attackiert.

(Foto: dpa)

Nach Ansicht der Bundesregierung wurde der Oppositionelle Nawalny mit einem Präparat aus der Nowitschok-Gruppe vergiftet. Die Entstehungsgeschichte der Kampfstoffe.

Von Paul-Anton Krüger

Am 10. Oktober 1991 veröffentlichte Wil Mirsajanow in der in Moskau erscheinenden Zeitung Kuranty einen Artikel unter dem Titel "Inversion". Es war eine Anspielung auf einen Prozess, bei dem sich die Eigenschaft der Produkte einer chemischen Reaktion gegenüber den Ausgangsstoffen ins Gegenteil verkehren.

Mirsajanow bezog sich auf eine neue Generation binärer chemischer Kampfstoffe: Zwei an sich ungiftige Ausgangsstoffe verwandeln sich in ein tödliches Nervengift, wenn sie zusammengefügt werden. Der promovierte Chemiker enthüllte das geheime Nowitschok-Programm der Sowjetunion, ohne dessen Namen zu erwähnen - der übersetzt etwa "Neuling" oder "neuer Typ" bedeutet.

Seitdem die Bundesregierung am Mittwoch mitteilte, nach ihren Erkenntnissen sei der russische Oppositionelle Alexej Nawalny mit einem Kampfstoff aus der Nowitschok-Gruppe vergiftet worden, ist die Aufmerksamkeit für diese Substanzen wieder besonders groß. Ähnlich war es im März 2018, als der russische Doppelagent Sergej Skripal und dessen Tochter in Großbritannien vergiftet wurden, ebenfalls mit Nowitschok. Daher lohnt es sich, einen Blick auf die Entstehungsgeschichte der Stoffe zu werfen.

Mutmaßlich seit den Siebzigerjahren, gesichert von Mitte der Achtzigerjahre an arbeitete die Sowjetunion und nach deren Zusammenbruch Russland daran, extrem giftige Chemiewaffen zu entwickeln und herzustellen. Ziel war es, dem amerikanischen VX etwas entgegenzusetzen. Die Stoffe sollten die gängigen Detektions-, Schutz- und Abwehrmaßnahmen der Nato-Armeen unterlaufen - und später auch die Regelungen der Chemiewaffenkonvention. Das war, so schreibt es Mirsajanow in seiner Biografie, einer der entscheidenden Punkte für ihn, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Zwischen der Sowjetunion und den USA herrschte zwar vor allem in den Armeen und den Geheimdiensten weiter ein Klima des Misstrauens, allerdings gab es pragmatische Ansätze zur Zusammenarbeit. Die Amerikaner wollten verhindern, dass Know-how und gefährliche Substanzen aus den sowjetischen Waffenlabors meistbietend an dunkle Regime verkauft werden. Die Sorge galt vor allem den Atomwaffen, Nordkorea hat sich offenbar zu dieser Zeit Raketenantriebe verschafft, Iran einen Wissenschaftler aus einer Atomwaffenschmiede angeheuert.

Offiziell aber standen Rüstungskontrolle und Abrüstung auf der politischen Agenda. Michail Gorbatschow und nach ihm auch Boris Jelzin hatten angekündigt, die sowjetischen Chemiewaffen aufzugeben und der Chemiewaffen-Konvention beizutreten. Eine entsprechende Willenserklärung war bereits 1990 zwischen Sowjets und US-Amerikanern in Wyoming unterzeichnet worden.

Grenzwerte um das Dutzendfache überschritten

Das stand im direktem Gegensatz zu dem, was Mirsajanow aus seiner Arbeit im Staatlichen wissenschaftlichen Forschungsinstitut für organische Chemie und Technologie wusste, ein harmlos klingender Tarnname für ein Chemiewaffenlabor: Er war dort 1985 zum Leiter der Abteilung für technische Spionageabwehr aufgestiegen. Er sollte sicherstellen, dass niemand durch Nachweise in der Umgebung von Chemiewaffen-Einrichtungen Rückschlüsse über die Aktivitäten dort ziehen konnte - deswegen erhielt er Zugang zu allen Unterlagen, auch über geheime Entwicklungsprojekte. Er musste ja wissen, wonach er suchen sollte.

Bei seinen Messungen außerhalb der Anlagen stellte er aber mittels Gaschromatografie fest, dass die Grenzwerte toxischer Substanzen um das Dutzendfache überschritten wurden - auch bei solchen Anlagen, die an Nowitschok-Kampfstoffen arbeiteten. Auch das bewog ihn, seine Erkenntnisse zu publizieren.

Mirsajanow später wegen Verrats angeklagt

Es handelt sich dabei um verschiedene Substanzen einer Gruppe, die wie das amerikanische VX und die früheren Nervenkampfstoffe Sarin, Tabun und Soman zu den organischen Phosphorverbindungen zählen. Sie verhindern die Leitung von Impulsen in den Nervenbahnen und führen dadurch zu schwersten Lähmungserscheinungen. Der Tod tritt durch Herz- und Atemstillstand ein.

Manche der Nowitschok-Kampfstoffe sind laut Mirsajanow bis zu achtmal giftiger als VX - davon wirken fünf Milligramm oral aufgenommen in der Hälfte aller Fälle beim Menschen tödlich. Auch hinterlassen die Nowitschok-Kampfstoffe schwere bleibende Schäden, wenn die Opfer überleben. Bekannt ist mindestens ein Unfall damit in einem Labor der früheren Sowjetunion.

Nach Ansicht von Mirsajanow, der heute in den USA lebt, kann nur der russische Staat das Gift herstellen. Denkbar wäre noch der Fall eines rogue scientist - eines Kollegen Mirsajanows, der sein Wissen weiterverkauft hat. Allerdings sind über die Strukturformeln hinaus die Prozesse der Synthese bis heute, anders als bei den meisten anderen Kampfstoffen, nicht öffentlich bekannt - den Geheimdiensten und westlichen Armeen dagegen vermutlich schon.

Die Synthese der beiden Binär-Komponenten dürfte noch mit überschaubarem Risiko möglich sein, nicht aber die Herstellung der eigentlichen Substanz und der Umgang mit ihr. Auch im Zusammenhang mit Chemiewaffen-Angriffen in Syrien geäußerte Behauptungen, Sarin lasse sich "in der Badewanne herstellen", ist laut Experten, die selbst Umgang mit solchen Stoffen hatten, ein "ahnungsloses Märchen".

Die Nowitschok-Kampfstoffe basieren allerdings auf Grundstoffen, die in der Industrie weit verbreitet sind, etwa bei der Herstellung von Insektengiften für die Landwirtschaft. Auch VX war bei der Suche nach Pflanzenschutzmitteln entdeckt worden. Kollegen Mirsajanows publizierten entsprechende Aufsätze in wissenschaftlichen Fachzeitschriften.

Zugang zu weiteren geheimen Unterlagen

Das hatte für die Sowjetunion den großen Vorteil, dass es von den Grundstoffen her nicht auffallen würde, dass sie ein geheimes Chemiewaffenprogramm weiterbetrieb - es gab ja legitime zivile Anwendungen und überdies waren die Grundstoffe, anders als bei VX, nicht in den einschlägigen Anhängen zur Chemiewaffenkonvention aufgelistet. Bei der Deklaration des Chemiewaffenprogramms im Zuge des Beitritts zur Chemiewaffenkonvention unterschlug Russland die entsprechenden Angaben.

Wil Mirsajanow, schon aus seiner Position gefeuert, veröffentlichte deswegen zusammen mit seinem Kollegen Lew Fedorow im Herbst 1992 einen weiteren Artikel in der Wochenzeitung Moskowskije Nowosti, diesmal unter dem Titel "Vergiftete Politik", auch wandte er sich an den damaligen Büroleiter der Baltimore Sun in Moskau, Will Englund, der basierend auf Mirsajanows Angaben an jenem Tag einen Artikel über das geheime Chemiewaffenprojekt veröffentlichte, an dem Russland der Chemiewaffenkonvention beitrat.

Mirsajanow wurde später wegen Verrats angeklagt - und bekam im Zuge des Prozesses Zugang zu weiteren geheimen Unterlagen, die als Belastungsmaterial gegen ihn vorgebracht wurden. Sie belegten weiter die Existenz des Nowitschok-Programms, und der Wissenschaftler fertigte Abschriften davon ab. Diese nahm der 1935 geborene Chemiker mit, als er 1996 in die USA auswanderte.

Hinweis: Dieser Text erschien erstmals am 13. März 2018 auf SZ.de und wurde am 3. September 2020 von der Redaktion aktualisiert.

© SZ.de/bepe/cat
Zur SZ-Startseite
Oppositionsführer Nawalny

MeinungAnschlag auf Nawalny
:Berlin kann sich nicht mehr mit bloßer Kritik begnügen

Das Mittel, mit dem der russische Oppositionelle Nawalny vergiftet wurde, weist auf den Kreml. Das muss eine Zäsur in der europäischen Außenpolitik bewirken. Deutschland muss sich dafür einsetzen.

Kommentar von Daniel Brössler

Lesen Sie mehr zum Thema