Klimawandel im Oberland Der Tourismus schmilzt

Eine dünne Schneeschicht, doch zu viel Wiese: Am Brauneck würde man zwar gerne die Skisaison eröffnen, aber die Betreiber trauen sich nicht.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die Zahl der Übernachtungen am Brauneck sinkt seit den Achtzigerjahren dramatisch. Dafür kommen mehr Münchner und andere Tagesgäste.

Von Pia Ratzesberger

Die Kanonen haben den künstlichen Schnee bereits auf die Hänge geschleudert, doch dazwischen schimmert noch immer das Grün. Drei Tage waren die Schneemaschinen am Brauneck vergangene Woche in Betrieb, zu dieser Zeit war es kalt genug. Hoch oben, auf 1500 Metern Höhe, bedeckt der Naturschnee aus diesen Tagen noch immer den Boden, etwa 20 Zentimeter dick. Doch der Regen lässt die weiße Decke dünner werden, vier Grad hat es nun am Berg. Großflächig auf der Piste verteilen wollen die Betreiber der Brauneckbahn die künstlichen Kristalle aus den Kanonen deshalb nicht - zu groß die Gefahr, dass wegen des Tauwetters alles wieder wegschmilzt.

Schon lange ist nicht mehr sicher, dass im Winter genügend Schnee für die Skifahrer fällt, auch die künstliche Beschneiung wird immer schwieriger. Weltweit ist die Temperatur in den vergangenen 100 Jahren um rund ein Grad Celsius gestiegen - der Alpenschutzkommission zufolge in den Bergen aber um fast zwei Grad. Das schadet dem Wintertourismus, auch im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen.

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Bis zu einem Drittel weniger Übernachtungen

Daten des Landesamtes für Statistik, die der Bayerische Rundfunk aufbereitet hat, zeigen, dass in vielen Gemeinden die Zahl der Übernachtungen seit den 80er-Jahren signifikant abgenommen hat. Kochel am See etwa zählte im vergangenen Jahr zwischen November und April rund 25 200 Übernachtungen, vor mehr als dreißig Jahren aber, 1982, waren es noch mehr als 31 800. Ein Minus von 21 Prozent.

In Bad Heilbrunn musste man im gleichen Zeitraum sogar einen Einbruch von 30 Prozent hinnehmen, in Bad Tölz ist die Zahl der Übernachtungen um 25 Prozent auf 127 200 gesunken. Lenggries hatte 2014 zwar ein ziemlich gutes Jahr, mit mehr als 67 300 Übernachtungen. Das aber scheint eine Ausnahme zu sein, wenn man sich die übrigen Werte ansieht: In den vorigen vierzehn Jahren nämlich zählte die Gemeinde im Winter nie mehr als 55 500 Übernachtungen, in den meisten Fällen waren es sogar deutlich unter 50 000.

Tendenz zum Kurzaufenthalt

Im Landkreis zeichnet sich zudem eine Tendenz ab: Zwar steigt in den meisten Orten die Zahl der Gäste - aber sie bleiben immer kürzer. In Bad Tölz etwa verbrachten Touristen im vergangenen Jahr durchschnittlich 4,6 Tage, Anfang der 80er-Jahre dauerte der Urlaub in der Kurstadt im Schnitt noch zwei Wochen. Das mag nicht allein mit der Schneesicherheit zusammenhängen, im Fall Tölz ist der Rückgang sicher auch auf das ausgestorbene Kurviertel zurückzuführen.

So sinkt die Schneesicherheit Beim UN-Klimagipfel in Paris diskutieren die Staats- und Regierungschefs der Welt über Strategien gegen den Klimawandel, im Alpenraum zeigen sich dessen Auswirkungen schon jetzt: Dort sind die Temperaturen im vergangenen Jahrhundert doppelt so stark gestiegen wie im Tal. Einer Studie der Universität Innsbruck und des Deutschen Alpenvereins zufolge ist es am Blomberg schon bei einem weiteren Temperaturanstieg von 0,5 Grad ohne künstliche Beschneiung überhaupt nicht mehr möglich, dass hier 100 Tage im Jahr Schnee liegt. Das Gleiche gilt für den Herzogstand. Am Brauneck sind der Untersuchung nach immerhin 21 Prozent der Pistenfläche bei einer Zunahme von 0,5 Grad "schneesicher", also ausreichend mit Naturschnee bedeckt. Doch wird es wärmer, schrumpfen die Flächen: Bei einem Grad plus sind es nur noch vier Prozent, bei 1,5 Grad ist auch am Brauneck keinerlei Schneesicherheit mehr gegeben. Dass die Temperaturen so stark steigen, ist nicht unrealistisch. Der Studie zufolge könnte es schon innerhalb der nächsten fünfzehn Jahre, bis 2030, soweit sein. Bei solch einem Anstieg wäre selbst mit Kunstschnee am Brauneck nur noch die Hälfte der Pisten schneesicher. Bei plus zwei Grad gar keine mehr. ratz

"Bei uns spielt sich mittlerweile auch viel im Tagestourismus ab, die Leute aus München darf man nicht vergessen", sagt Andreas Wüstenfeld, Leiter des Tölzer Land Tourismus mit Sitz im Landratsamt. Die Tendenz zum Kurzaufenthalt zeigt sich in vielen Gemeinden, auch in Lenggries oder Kochel, in beiden Orten bleiben die Gäste nur noch etwa drei Tage. Dabei ist der Wintertourismus wichtig für den Kreis und die Wirtschaft, die Übernachtungen in den kalten Monaten machen etwa ein Drittel der Gesamtübernachtungen eines Jahres aus.

Wird Bayerns Ski-Tourismus schlechtgeredet?

Wüstenfeld stört vor allem, "dass der oberbayerische Wintertourismus permanent schlechtgemacht wird". Beschneite Pisten wolle man zu Hause nicht, fahre dann aber viele Kilometer weiter nach Österreich - das sei nicht nachhaltiger, zumal auch dort beschneit werde, oft noch viel aggressiver als in Bayern.

Kleine Skigebiete wie in Lenggries versuchen dennoch mitzuhalten mit der österreichischen Konkurrenz, es wird immer noch investiert: Kürzlich hat der Gemeinderat befürwortet, dass das Milchhäusl am Brauneck neu gebaut wird. Der Betreiber der Stie-Alm will noch vor Saisonbeginn einen neuen, kleinen Lift anbringen, der Idealhang und Schneebarlift verbinden soll.

Bis die Skifahrer auf die Piste können, wird es aber wohl noch dauern, der Wetterbericht kündigt für die nächsten Tage bis zu sieben Grad an. Im vergangenen Jahr konnte man die Saison erst am 29. Dezember starten. Vorher war es zu warm.

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