Sexismus und Sprache Gewalt gegen Frauen ist Gewalt von Männern

In der Debatte um sexuelle Übergriffe und Diskriminierung erscheint "Gewalt gegen Frauen" wie ein Frauenproblem. Das ist falsch. Sexuelle Gewalt ist sehr wohl ein Männerproblem.

(Foto: Stefano Pollio/Unsplash.com)

Frauen werden in der Öffentlichkeit sexualisiert und als Opfer marginalisiert. Der Fall Weinstein zeigt, wie die Sprache frauenfeindliche Strukturen in unserer Gesellschaft verfestigt.

Kommentar von Julian Dörr

Es mag vielleicht unpassend klingen, aber wir müssen über Sprache reden. Ja, vielleicht gibt es sogar gerade kein wichtigeres Thema als Sprache. Der Fall Weinstein hat eine Debatte losgetreten, eine Debatte über den gesellschaftlichen Umgang mit sexueller Gewalt, über Strukturen und Systeme, in denen Frauen ausgenutzt, diskriminiert und missbraucht werden. Diese misogyne Kultur ist das Ergebnis von ungleicher Machtverteilung, von gewachsenen Abhängigkeiten. Sie ist aber auch und vor allem eine Folge dessen, wie wir als Gesellschaft mit sexueller Gewalt umgehen.

Die Art und Weise wie wir sprechen, prägt unsere Sichtweise auf die Welt, die Muster, in denen wir denken und wahrnehmen. Sprache schafft - Phrase, aber trotzdem wahr - Bilder im Kopf, sie liefert einen Rahmen, in dem wir reflektieren und unsere Meinungen entwickeln. Ein "Flüchtender" ist immer auf der Flucht, nirgendwo zu Hause. Ein "Geflüchteter" ist geflohen und dann irgendwo angekommen. Hinter diesen Begriffen steckt eine Weltsicht, eine Wahrnehmung und Interpretation der Realität, die letztendlich in einer politischen Haltung resultiert. Wer immer und immer wieder vom "Flüchtlingsstrom" hört, der wird bald selbst das Gefühl haben, überschwemmt zu werden. Sprache schafft gesellschaftliche Realität. So ist es auch im Fall Weinstein.

Man kann sich gar nicht genug empören

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Wie wir als Gesellschaft über sexuelle Gewalt reden, sei sie physisch oder psychisch, trägt einen gewichtigen Teil zu den frauenfeindlichen Strukturen in unserer Gesellschaft bei. Man kann dem gerade sehr gut in der medialen Berichterstattung nachspüren. In vielen Texten, auch in der Süddeutschen Zeitung, war und ist die Rede von einem "Sex-Skandal". Weinstein selbst wird als "Sex-Täter" beschrieben, seine Übergriffe als "Sex-Attacken". Diese Sexualisierung und Boulevardisierung von Gewalt ist ein Problem. Dadurch, dass sie in die Sphäre der Sexualität gezogen wird, erhält sie eine animalische, urtriebhafte Komponente.

Anstatt mit der harten Realität von Missbrauch zu konfrontieren, zieht einen der Begriff "Sex-Skandal" in den Kosmos der seichten Unterhaltung, des Voyeurismus. Allein die Assoziationen, die das Wort "Sex-Skandal" auslöst: Da triefen die Körperflüssigkeiten, das klingt nach Rotlicht, nach Zwielicht, nach Begierde und Verlangen, nach Triebbefriedigung, nach einem natürlichen Bedürfnis, das gestillt wird. Als ob es hier um einen Mann ginge, der sich nun einmal einfach schlecht im Griff hätte. Der einer Sucht nachgeben würde. Was "Sex-Skandal" nicht heißt: Gewalt. Weinstein sei jetzt in einer "Sex-Reha-Klinik", schreibt die Bild-Zeitung. Ihren Text betitelt sie mit der Überschrift: "Wird Hollywood jetzt keusch?" Als wäre die Abwesenheit von sexueller Gewalt gleich Keuschheit.

Sexismus, das ist der Triumph alter Rollenmuster über den Fortschritt

Diese dämliche Frage untermauert die klischeebeladene und sexistische Narration von der lockeren, liberalen Filmstadt, in der junge, hübsche Frauen nur alten, reichen Männern gefallen müssen, um in der sozialen Hierarchie aufsteigen zu können. Am Ende geht es nicht mehr um Gewalt, sondern um Sex, der meist einvernehmlich und manchmal eben - der bedauernswerte Sonderfall - nicht einvernehmlich ist. Aber Sexismus hat nichts mit Sex zu tun.

Sexismus, das ist der Triumph alter Rollenmuster über den Fortschritt. Rollenmuster vom starken und schwachen Geschlecht. Vom sexuell aktiven Mann, der die sexuell passive Frau erst überwältigen muss. Was zu einem weiteren Problem mit der Art und Weise führt, wie wir über sexuelle Gewalt sprechen. Es geht dabei um die Opferrolle und das kleine, aber sehr bedeutende Wörtchen "gegen".

In der Debatte um Harvey Weinstein werden Frauen sexualisiert und als Opfer marginalisiert.

(Foto: dpa)

Wenn wir von sexueller Gewalt gegen Frauen reden, dann lässt die Formulierung diese Gewalt wie einen Deus ex Machina erscheinen, der aus dem Nichts auftaucht und wie ein böses Schicksal über die Frauen hereinbricht. Die Formulierung "Gewalt gegen Frauen" macht sexuelle Übergriffe und Diskriminierung zu einem Frauenproblem. Ein Problem, das Männer nichts angeht und aus dem sie sich besser raushalten. Das ist falsch. Denn sexuelle Gewalt ist sehr wohl ein Männerproblem. Weil Gewalt gegen Frauen meist Gewalt von Männern ist. Weil überhaupt Gewalt meist von Männern ausgeht. Nicht nur gegen Frauen. Auch gegen andere Männer, gegen Kinder, gegen sich selbst.

"Gewalt gegen Frauen" kann erst dort beginnen zu beschreiben, wo die Gewalt schon passiert ist. "Gewalt von Männern" hingegen hat die Chance, ihre Entstehung und ihre Auslöser zu ergründen. Denn Gewalt gegen Frauen fängt im Mann selbst an. Sie ist das Resultat eines überkommenen Verständnisses von Männlichkeit. Eine gesellschaftliche Sozialisation, die Männer lehrt, ihre Gefühle zu unterdrücken. Und die Gewalt als wichtigen und zentralen Teil des Mannseins akzeptiert. Gewalt gegen andere, in der ehrenhaften Kneipenschlägerei, im Krieg. Und gegen sich selbst, im männlichen Ideal des Mutes, sich selbst in gefährliche Situationen zu begeben.

Die britische Schauspielerin Emma Thompson gab der BBC in der vergangenen Woche ein Interview von beeindruckender Klarheit. Darin beschreibt sie ein System der Belästigung, der Herabwürdigung und der Schikane. Ein System, für das Harvey Weinstein steht, das aber nicht bei ihm aufhört und nicht bei ihm begonnen hat. "Worüber wir reden müssen", sagt Thompson, "ist die Krise der Männlichkeit, die Krise dieser extremen Männlichkeit."

Die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft über sexuelle Gewalt gesprochen wird, entlässt Männer aus der Verantwortung. Weil sich die Debatte immer wieder auf die Opferrolle der Frau fixiert. Das sorgt dafür, dass sich frauenfeindliche Strukturen in den Köpfen und in der Welt erhalten. Und dafür, dass wir hier immer noch über Frauen reden. Und nicht über Männer.

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