Deggendorf Wie die AfD im schwarzen Stammland siegte

Die Idylle trügt in Deggendorf. Die Kleinstadt war ein Schauplatz der Flüchtlingskrise, immer noch gibt es eine Erstaufnahmeeinrichtung.

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In einem Wahlbezirk in Deggendorf holte die AfD mit 31,5 Prozent das bayernweit beste Ergebnis. Bei der Frage nach dem Warum kommt immer wieder ein Thema auf: die Flüchtlinge.

Reportage von Johann Osel, Deggendorf

Als wäre nichts gewesen. In den Straßen um die Sankt-Martin-Kirche geht das Kleinstadtleben seinen Gang. Angestellte in der Mittagspause, Bürger kaufen ein, Autos donnern vorbei, Kindergeschrei aus der Grundschule. Im Deggendorfer Wahllokal St. Martin überholte die AfD am Sonntag mit 31,5 Prozent die CSU, die nur auf 24,4 Prozent kam, die Rechtspopulisten bekamen im Wahlkreis Deggendorf bayernweit die meisten Stimmen.

Der Erfolg der AfD ist auch ein Niederbayern-Erfolg, ähnliche Resultate sind es im Wahlkreis Straubing - in einer Gegend, in der die CSU ein Abonnement auf Wählerkreuze zu haben schien. Nachfragen rund um das Wahllokal. Manche Passanten empören sich über das Ergebnis, andere sagen frank und frei, sie haben die AfD gewählt. Wieso? "Die Flüchtlinge", aber viel mehr wolle man dazu nicht sagen. "Jetzt is' halt so", meint eine Frau. Es wirkt wie nach einer Party, bei der man mal richtig die Sau rausgelassen hat und jetzt verkatert-beschämt am liebsten nicht darüber reden will. Am Straßenrand hängen noch AfD-Plakate. "Bunt statt Burka", mit Dirndl. Daneben Augen hinter Burkaschlitz: "Die Freiheit der Frau ist nicht verhandelbar."

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"Wer CSU wählt, bekommt Merkel" - so warb die AfD auf Plakaten, es lässt sich als Leitmotto der Kampagne im Freistaat sehen. Im konservativen Niederbayern hat das besonders gut gefruchtet. Dass hier die AfD so stark wurde, liegt nach Einschätzung des Deggendorfer CSU-Kreisvorsitzenden Bernd Sibler auch an der Ankunft Tausender Flüchtlinge in der Region 2015. "Die Menschen haben mit dem Wahlzettel ein deutliches Zeichen gesetzt." Zu sehen sei dies vor allem im Stimmbezirk Sankt Martin, mit der Erstaufnahmeeinrichtung. Ein weißer Betonklotz beim Bahnhof, ein paar Afrikaner gehen ein und aus.

Ende 2015 war Deggendorf im Ausnahmezustand. Hunderte Flüchtlinge kamen da an manchen Tagen über die österreichische Grenze, Zelte waren nötig. Ein Krisentreffen von Ministerpräsident Horst Seehofer mit Landräten fand hier statt. "Die Stimmung kippt", stellte Deggendorfs Landrat Christian Bernreiter damals fest. Und der Kreischef des Sozialverbands VdK registrierte wachsenden Unmut: "Meist werden falsche Gerüchte in Windeseile verbreitet, weil Asylanten, wie man glaubt, unverdiente Besserstellungen als deutsche Bürger erhalten." Gerüchte wie das, wonach der Nettomarkt gegenüber der Unterkunft schließen müsse - weil Asylbewerber ihn leerstehlen, ohne eine Anzeige, ohne Folgen.

Landrat Christian Bernreiter warnte 2015: "Die Stimmung kippt."

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Die Erstaufnahme ist aktuell nicht voll, vor allem Migranten aus Afrika sind hier, einige Hundert Asylbewerber sind es im ganzen Landkreis. Im Netto sind die Regale voll, waren es immer. Ums Eck liegt das Landratsamt von Christian Bernreiter, Chef des Landkreistags, sein Wort hat Gewicht in der CSU. Er sagt, er habe geahnt, was kommen könnte zur Wahl. Die Sorgen von 2015 hätten längst keine Rolle mehr gespielt, seien aber kurzfristig hochgekocht, weil die Flüchtlinge plötzlich Wahlkampfthema waren, nach dem Kanzlerduell; weil Fragen wie Obergrenze und Familiennachzug ungelöst waren; weil das die Erinnerung an 2015 geweckt habe, weil die AfD "Verlustängste schürte". Bei den Bürgern sei der Eindruck entstanden, die CSU "habe eh nichts zu melden in der Sache", "das hat die Leute veranlasst, ein Zeichen zu setzen, das der Kanzlerin galt".

Im Viertel um St. Martin hat sich laut Bernreiter die Zusammensetzung der Bevölkerung geändert. Tatsächlich sieht man das, die Stadt mit gut 30 000 Einwohnern wirkt hier wie eine Großstadt. Von den Schülern hört man bairisch, "Ey, Mann, Alter", arabische Sprachfetzen. Gruppen von Schwarzen laufen herum, hier, aber auch im Zentrum. Natürlich die AfD, sagt ein Mann auf der Straße, Anfang 60. "Die ganze Familie, meine Frau, die Buben, und die Oma." Sonst habe er CSU gewählt, aber früher "gab's ja nix anderes". Warum jetzt AfD? Weil die CSU nichts tue gegen Flüchtlinge. Und sie werde nichts tun, "wenn die Afrikaner in Italien losrennen. Die haben nur bis zur Wahl gewartet". Frauen trauten sich abends nicht mehr aus dem Haus.

Im Zeitschriftenladen verlangt die Verkäuferin den Ausweis eines Teenagers, der Tabak will. Recht und Ordnung muss sein. Dass das außer Kraft war, "offene Grenzen, alle rein", das rege die Leute auf. Sie habe nicht AfD gewählt, man könne das aber verstehen. Nachrichten schlügen im Laden auf: Dass Flüchtlinge nur Flachbildschirme wollten und bekämen, keine normalen Fernseher. Sagt man. Dass die Afrikaner Markenunterhosen tragen, Calvin Klein, das habe sie selbst gesehen. Bei denen säßen die Jeans so weit unten. "Die Leute halten nicht viel von der AfD, sie haben sie aber jetzt gewählt. Aus Protest, dass das alles nicht so weitergehen kann."

Ein Mann kauft Zigaretten. "Die haben jetzt bunte Bilder", sagt die Verkäuferin. Mit Regenbogenflaggen wirbt der Hersteller um Toleranz für Schwule und Lesben. "Des brauch ich ned", brummt der Mann.