Menschheitsgeschichte:"Mensch ärgere dich nicht" unserer Vorfahren

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Menschheitsgeschichte: Sind diese Steinkügelchen Spielfiguren eines Brettspiels aus der Bronzezeit?

Sind diese Steinkügelchen Spielfiguren eines Brettspiels aus der Bronzezeit?

(Foto: Department of Anthropology and Archaeology, University of Bristol/CC-BY/CC-BY)

In Ruinen haben Archäologen mengenweise Steinkügelchen gefunden. Es könnten Spielsteine sein - und damit eine Spur zu den ältesten Brettspielen der Geschichte.

Von Jakob Wetzel

Was hätte man nicht alles mit diesen Kugeln anfangen können. In der Ägäis und im östlichen Mittelmeerraum haben Archäologen mengenweise Steinkügelchen aus der Bronzezeit gefunden. Die Steinchen bestehen aus unterschiedlichen Materialien, haben verschiedene Farben und sind mal größer, mal kleiner. Waren sie Wurfgeschosse für eine Schleuder? Dafür sind sie arg sorgfältig rundgeschliffen worden. Waren sie stattdessen Gewichte für eine Waage? Oder gehörten sie zu einem Abakus, waren also Rechenhilfen? Alles falsch, meinen nun Christianne Fernée und ihr Kollege Konstantinos Trimmis von der Universität Bristol. Ihrer Meinung nach handelt es sich eher um Spielsteine. Die Anthropologin und der Archäologe wären damit einem der ältesten Brettspiele der Geschichte auf der Spur.

Die beiden Wissenschaftler haben systematisch den größten Fund derartiger Steine analysiert, nämlich 746 Kügelchen, die Archäologinnen und Archäologen in den vergangenen Jahrzehnten in einer Ruinenstadt bei dem Dorf Akrotiri auf Santorin gefunden haben. In der Bronzezeit war jener Ort eine blühende Hafenstadt mit wohl mehreren Tausend Bewohnern. Im 17. oder 16. Jahrhundert vor Christus wurde die Siedlung bei einem verheerenden Vulkanausbruch verschüttet, der sogenannten Minoischen Eruption. Erst von 1967 an gruben Archäologen die Stadt wieder aus - und wunderten sich über die vielen Kugeln.

Leider stehen Brettspiele nicht im Fokus der Archäologie

Fernée und Trimmis haben die Verteilung und die Beschaffenheit der Kugeln im prähistorischen Akrotiri untersucht, auch mithilfe von Computerprogrammen. Wie sie nun im Journal of Archaeological Science Reports berichten, hatten die Menschen die Kugeln demnach einst nicht nach Material oder Gewicht, sondern nach ähnlicher Größe sortiert. Die beiden Wissenschaftler machten zwei Gruppen aus, eine mit größeren, eine mit kleineren Kugeln. Es handle sich demnach kaum um Rechenhilfen - dann hätte man mehr einzelne Gruppen in ähnlicher Zusammensetzung finden müssen. Auch die Deutung als Gewichte halten sie für unplausibel, denn dann, meinen sie, hätten sie doch innerhalb der Gruppen systematisch abgestufte Kugeln finden müssen. Die Sortierung passe aber zu Spielsteinen.

Dass es in jener Zeit bereits Brettspiele gab, ist bekannt. Die Sumerer etwa kannten bereits im dritten Jahrtausend vor Christus das "Königliche Spiel". In derselben Zeit gab es in Ägypten "Senet", das Ähnlichkeiten mit "Mensch ärgere dich nicht" hatte: Zwei Spieler mussten 30 Felder durchwandern und konnten ihre Figuren dabei gegenseitig aus dem Spiel werfen. Im Palast von Knossos auf Kreta wurde ebenfalls ein Spielbrett aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus gefunden. Und auch für die Kügelchen auf Santorin haben Fernée und Trimmis bereits mutmaßliche Spielbretter im Visier: in größerer Zahl gefundene Steintafeln mit regelmäßig eingefügten Vertiefungen.

Ganz sicher sind sie sich mit alldem jedoch nicht. Die Forschungslage ist ohnehin schwierig. Brettspiele stehen nicht im Fokus der Archäologie; es ist anzunehmen, dass einige vorzeitliche Spielsteine oder Spielbretter einfach unerkannt geblieben sind. Es ist unklar, ob die Kügelchen wirklich zu den mutmaßlichen Spielbrettern gehörten - selbst wenn es tatsächlich Spielsteine gewesen sind, sind ja auch Spiele ohne Brett vorstellbar. Und die mutmaßlichen Spielbretter könnten ohnehin auch etwas anderes gewesen sein. Denn während sich von Brettspielen wie "Senet" jeweils identische Spielbretter erhalten haben, unterscheiden sich diese Steintafeln in der Zahl der Mulden. Das wäre zumindest ungewöhnlich.

Der nächste Schritt wäre nun laut Fernée und Trimmis, die Verteilung der mutmaßlichen Spielbretter zu untersuchen. Mit diesen, meinen sie, lasse sich vielleicht auch klären, wie das Spiel einst gespielt wurde. Wenn es denn eines war.

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