SZ-Klimakolumne:Vorsicht vor der Rolle rückwärts

Die steigenden Energiekosten

Es kann momentan recht teuer kommen, die Heizung aufzudrehen.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Die Welt ist in eine Energiekrise geschlittert. Doch diejenigen, die jetzt auf den CO₂-Preis schimpfen, verkennen: Die Energiewende ist nicht schuld am Engpass - sie ist die Lösung.

Von Vivien Timmler

Diese Woche war es soweit: Ich habe die Heizung aufgedreht. Normalerweise gehöre ich zu denjenigen, die so lange mit dickem Pulli, Wollsocken und Decke auf dem Sofa sitzen und ein Bibbern unterdrücken, bis es wirklich gar nicht mehr anders geht. Dieses Jahr scheine ich kälteempfindlicher zu sein. Es ist Mitte Oktober und der Thermostat steht schon auf zwei.

Dabei gäbe es gerade diesen Winter genug Gründe, den Beginn der Heizperiode hinauszuzögern. Die Energiemärkte befinden sich in einer Art Ausnahmezustand. Öl und Gas sind so teuer wie lange nicht mehr. "Verbraucher stehen vor einem teuren Winter", warnt etwa das Vergleichsportal Verivox.

Nun könnte man sich als Mensch, dem der Zustand des Klimas Sorgen bereitet, über steigende Preise für fossile Energieträger eigentlich freuen. Je teurer Öl und Gas werden, desto größer wird im Vergleich schließlich der Wettbewerbsvorteil der erneuerbaren Energien. Und desto größer werden auch die Anreize, weniger fossile Brennstoffe zu verbrauchen, die momentan noch maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass beim Wohnen, Kochen und Duschen so viel CO₂ freigesetzt wird.

Doch die Freude währt nicht lange, schon weil steigende Kosten fürs Heizen die prekäre finanzielle Lage der Ärmeren weiter verschlimmern. Aber auch, weil die hohen Energiepreise noch zu einem ernsthaften klimapolitischen Problem werden könnten. Schon empören sich die ersten Politiker, Unternehmer und auch Journalistenkollegen, der CO₂-Preis - ach was, die deutsche Klimapolitik - ach was, der gesamte europäische Green Deal sei schuld daran, dass in diesem Winter Zehntausende Menschen daheim frieren müssten. Sie rufen nach staatlichen Eingriffen, nach Subventionen, nach einer Deckelung des Gaspreises.

Die hohen Preise dürfen nicht dazu führen, dass wieder mehr in Fossile investiert wird

Keine Frage: Die EU-Mitgliedsstaaten müssen etwas tun, um die sozialen Härten abzufedern und ihre Bürger bei den steigenden Heizkosten zu entlasten, etwa über eine Aufstockung der Sozialleistungen, dazu rät auch die EU-Kommission. Auf keinen Fall aber dürfen die hohe weltweite Energienachfrage, die kaum gefüllten Speicher, das knappe Angebot und der daher hohe Preis - so nämlich ist der Kausalzusammenhang - dazu führen, dass wieder mehr in fossile Energien investiert wird.

Das geht auch aus dem "World Energy Outlook 2021" der Internationalen Energieagentur (IEA) hervor, der ebenfalls in dieser Woche veröffentlicht wurde. "Es ist besonders wichtig, dass Energie weiterhin für alle Haushalte bezahlbar bleibt", betonen die Autoren zwar. Um das zu schaffen, müsse aber vor allem der Ausbau der erneuerbaren Energien noch viel energischer vorangetrieben werden. Die IEA kritisiert, dass im Rahmen der Wiederaufbauprogramme nach der Corona-Krise viel zu wenig in erneuerbare Energien investiert und zur wirtschaftlichen Erholung zu stark auf Kohle, Öl und Gas gesetzt wurde. So kann keine Energiewende gelingen.

Dass muss sie aber, selbst wenn die Politik auf diesem Weg Hürden wie steigende Gaspreise überwinden muss. Denn auch unabhängig von der wieder anziehenden Weltwirtschaft und der russischen Preispolitik wird der Verbrauch von Öl und Gas hierzulande tendenziell teurer statt billiger, schließlich wird auch der CO₂-Preis perspektivisch steigen, nicht fallen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist daher kein irgendwie notwendiges Übel. Er wird Deutschland und Europa langfristig unabhängiger machen von den schwankenden Weltmarktpreisen für fossile Rohstoffe. Die Energiewende ist daher auch nicht "schuld" an der Energiekrise, wie jetzt einige proklamieren. Sie ist die Lösung.

Ich wünsche Ihnen ein warmes Wochenende, an dem Sie hoffentlich noch einmal Ihre Sonnen-Speicher füllen können.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

Zur SZ-Startseite
Maledives Indian Ocean baby black tipped reef shark Carcharhinus melanopterus amongst shoal of f

SZ PlusUmwelt
:Wie das Artensterben den Menschen trifft

Eine Million Tiere und Pflanzen sind weltweit vom Aussterben bedroht. Die Folgen für das Leben auf dem Planeten könnten ähnlich drastisch sein wie die des Klimawandels.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB