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Zoologie:Hundert Jahre Langsamkeit

This image shows adult coelacanth scales

Ähnlich wie Baumringe verraten winzige verkalkte Strukturen auf den Schuppen das Alter von Komoren-Quastenflossern.

(Foto: Laurent Ballesta)

Die urtümlichen Komoren-Quastenflosser werden viel älter als gedacht. Liegt das an ihrem Lebensstil?

Von Tina Baier

Quastenflosser galten lange Zeit als ausgestorben. Weil man zwar Fossilien, aber nie lebende Exemplare fand, waren Zoologen überzeugt, dass die bis zu zwei Meter langen Tiere das große Artensterben vor etwa 65 Millionen Jahren nicht überlebt haben und gemeinsam mit den Dinosauriern verschwunden sind. Es war eine Sensation, als 1938 im Indischen Ozean vor der südafrikanischen Küste ein Quastenflosser gefangen wurde - der die Aktion allerdings nicht überlebte. Bis heute weiß man nur wenig über die seltsamen Komoren-Quastenflosser, die sich tagsüber in Gruppen in Lavahöhlen etwa 200 Meter unter dem Meeresspiegel aufhalten. Nachts gehen sie alleine auf die Jagd nach anderen Fischen und reißen dabei ihr Maul mithilfe eines speziellen Gelenks im Schädel unglaublich weit auf.

Offenbar kommt es immer noch vor, dass scheinbar gesicherte Erkenntnisse über die Tiere revidiert werden müssen: Eine Untersuchung französischer Forscher, die gerade im Fachjournal Current Biology erschienen ist, zeigt, dass die urtümlichen Fische bis zu 100 Jahre alt werden. Und nicht nur 20, wie man bisher dachte.

Der Fisch-Embryo im Mutterleib war schon fünf Jahre alt

"Das Alter der Komoren-Quastenflosser wurde um den Faktor fünf unterschätzt", sagt Kélig Mahé vom Fisheries Laboratory im französischen Boulogne-sur-mer, der die Studie geleitet hat. Mahé untersuchte mit seinem Team 27 Quastenflosser-Exponate aus einer Sammlung des Muséum National d'Histoire Naturelle de Paris. Von zwei Meter langen ausgewachsenen Exemplaren bis hin zu Embryonen, die sich noch in der Gebärmutter befanden, war alles dabei.

Um das genaue Alter der Fische zu bestimmen, verwendeten die Forscher eine neue Methode, mit der sie winzige verkalkte Strukturen auf den Schuppen der Tiere sichtbar machen konnten. Ähnlich wie die Zahl der Ringe im Stamm von Bäumen Rückschlüsse auf das Alter zulässt, könne man anhand dieser Strukturen das Alter der Quastenflosser bestimmen, schreiben die Forscher in ihrer Untersuchung.

Das älteste der untersuchten Exemplare ist demnach 84 Jahre alt geworden. "Unsere neue Einschätzung des Alters hat es uns auch ermöglicht, die Wachstumsgeschwindigkeit der Komoren-Quastenflosser neu zu bewerten", sagt Mahé. Demnach wachsen die Tiere extrem langsam. Die beiden Embryonen etwa, die sich noch im Mutterleib befanden, waren den neuen Erkenntnissen zufolge bereits fünf Jahre alt.

"Komoren-Quastenflosser scheinen sich im Vergleich zu anderen Meeresfischen extrem langsam zu entwickeln", sagt Mahé. Das betrifft den Wissenschaftlern zufolge nicht nur das Wachstum. Die Tiere führen offensichtlich grundsätzlich ein gemächliches, langsames Leben und werden beispielsweise erst im Alter von 55 Jahren geschlechtsreif. Den Nachwuchs tragen die Mütter dann mindestens fünf Jahre lang aus, wie die Altersbestimmung der Embryonen vermuten lässt.

Mit ihrem gemütlichen Lebensstil haben die Komoren-Quastenflosser eine Gemeinsamkeit mit anderen Tieren, die ebenfalls ein hohes Alter erreichen: Dem Grönlandhai beispielsweise, der älter als 500 Jahre werden kann. Nicht umsonst ist der lateinische Name dieses Tiers, das unter Arktisfischern für seine Trägheit bekannt ist, Somniosus microcephalus: "der Schläfrige mit dem kleinen Kopf".

Die Haie leben in eiskaltem Wasser und haben eine sehr niedrige Körpertemperatur. Die Stoffwechselprozesse in ihrem Körper laufen deshalb extrem langsam ab. Im Schnitt werden Grönlandhaie vier bis fünf Meter lang, wachsen im Jahr aber nur einen Zentimeter. Ihre Geschlechtsreife erreichen sie im stolzen Alter von 150 Jahren.

© SZ
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