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Zeitarbeit - Lohndumping - Burn-out:"Sobald alles läuft, bin ich überflüssig"

Sebastian Hebener, 44 Jahre

  • Arbeitet als: IT-Fachkraft im Support
  • Verdient: 2800 Euro brutto für 39 Wochenstunden
  • Ärgert sich über: Ausnutzung als Leiharbeiter und befristete Verträge

Nach ein paar Monaten wird man nicht mehr gebraucht - Leiharbeiter zu sein, fühlt sich manchmal wirklich mies an. Namhafte Unternehmen holen mich für die Installation neuer Software oder wenn auf neue Geräte umgestellt wird. Über den Zeitraum von einigen Monaten gibt es da großen Personalbedarf, der über externe Leiharbeiter abgedeckt wird. Wir machen dasselbe wie Festangestellte, aber die Differenz bei der Bezahlung ist immens - gut 1000 Euro pro Monat waren es das letzte Mal. Und sobald alles läuft, bin ich überflüssig, auch wenn ich gute Arbeit geleistet habe. Die Option auf Übernahme, die oft gerne angeführt wird, hat mit der Realität wenig zu tun. Und wenn es dann doch mal passiert, wird der Lohn gedrückt.

Ich arbeite im IT-Support, ich helfe also den Anwendern, wenn sie Schwierigkeiten haben, tausche Geräte aus, mache Reparaturen. Ich habe eine kaufmännische Ausbildung, allerdings mittlerweile mehrere Jahre Berufserfahrung im IT-Bereich und etliche Fortbildungen und Zertifizierungen, aber eben kein Studium in meinem Lebenslauf stehen. Ich kann mehr, das wird aber kaum wahrgenommen. In der Branche ist Leiharbeit nicht unüblich und als Quereinsteiger hat man es noch schwerer.

Auch zu meiner aktuellen Stelle bin ich nur über eine Leiharbeitsfirma gekommen. Ich arbeite jetzt im öffentlichen Dienst, aber nur noch bis Ende des Jahres, dann läuft mein Vertrag aus. Wie es weitergeht, ist völlig offen, bisher hält sich mein Chef sehr bedeckt. Ich strecke meine Fühler schon aus, aber das Einzige, was sich bisher ergeben hat, wäre wieder nur Leiharbeit und damit mehrere Hundert Euro weniger am Monatsende.

Es ist ein ungutes Gefühl, nicht zu wissen, was kommt. Gerade in meinem Alter möchte ich langfristiger planen, auch an Familie denken. Aber unter diesen Bedingungen ist das kaum realisierbar. Ich hangle mich seit Jahren von einer befristeten Stelle zur nächsten. Länger als zwei Jahre war ich nie irgendwo. Viele Chancen, dass sich das ändert, sehe ich im Moment nicht. Die Firmen argumentieren mit dem wirtschaftlichen Risiko, weil sie ja nicht absehen könnten, wie es konjunkturell weitergehe. Aber das Risiko verschwindet ja nicht, es wird nur auf die Arbeitnehmer abgewälzt. Ich wünsche mir nichts mehr als eine längerfristige Anstellung, am liebsten als Leiter eines kleinen Teams, das würde ich mir zutrauen.

Die Recherche zur Zukunft der Arbeit

"Zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung: Wie arbeiten wir in Zukunft?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.

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    Führungskraft in Teilzeit, Sparen für das Freizeit-Konto oder Rentnerin auf Abruf: Manche Firmen lassen ihre Beschäftigten arbeiten, wie sie wollen. Fünf Arbeitnehmer berichten.

  • Feelgood Arbeite und fühl' dich wohl

    Gerade jungen Menschen ist Freiheit und Spaß bei der Arbeit wichtiger als das Gehalt. Die Unternehmen reagieren - mit individueller Karriereplanung und "Feelgood-Managern".

  • Seyferth Der Arbeitsverweigerer

    "Arbeit ist scheiße": Mit diesem Slogan wollte Peter Seyferth politische Karriere machen. Heute ist er freiberuflicher Philosoph und verweigert noch immer die Arbeit. Zumindest im Kopf.

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    Schneller, flexibler, vernetzter: Die digitale Revolution wird unsere Arbeit komplett verändern. Zum Guten oder zum Schlechten? Fünf Zukunftsvisionen.

  • Geriatric nurse talking to age demented senior woman in a nursing home model released Symbolfoto pro Who cares?

    Leben bedeutet heute Berufsleben. Doch wer kümmert sich ums Baby, wer macht den Einkauf, wer schaut nach der dementen Tante, wenn alle so viel arbeiten? Der Care-Bereich blutet durch die Ökonomisierung der Gesellschaft aus.

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    Tausende Flüchtlinge kommen derzeit jede Woche nach Deutschland. Viele von ihnen sind bestens ausgebildet. Doch Deutschland nutzt diese Chance nicht. Wir stellen sechs Menschen vor, die nichts lieber tun würden, als hier zu arbeiten.

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