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Zeitarbeit - Lohndumping - Burn-out:"Eine Fehlleistung wird markiert und ist für alle sichtbar"

Jochen Minge, über 40 Jahre alt

  • Arbeitet als: Teilzeitbeschäftigter in einem Callcenter
  • Verdient: 1100 Euro bei 33 Stunden Wochenarbeitszeit (offiziell)
  • Ärgert sich über: geringe Bezahlung, ständige Kontrolle und Druck, cholerische Kunden

Bei uns an der Wand hängt eine Tafel, vielleicht zwei auf drei Meter, die ich liebevoll den "Pranger" nenne. Dort wird in den Ampelfarben markiert, welcher Mitarbeiter über, im oder unter dem Durchschnitt liegt. Allerdings sind die Vorgaben oft nicht einzuhalten, wenn einer zum Beispiel einen schwierigen Kunden hat, bei dem das Gespräch länger dauert. Oder wenn man einen komplizierten ausländischen Namen im Gespräch nicht oft genug nennt, denn dass man Kunden mindestens drei Mal mit Namen anspricht, ist auch vorgeschrieben.

Die vermeintliche Fehlleistung ist schnell markiert und für alle sichtbar. Logge ich mich zwei Minuten zu spät ein, wird mir ein Vorgesetzter das vorhalten. Innerhalb von sechs Sekunden nach dem ersten Klingeln muss ich das Gespräch annehmen. Es sollte nicht länger als drei bis dreieinhalb Minuten dauern. Worte wie "wunderbar", "prima" oder "super" müssen dabei zwingend fallen. Nach Gesprächsabschluss habe ich sechs Sekunden, um mein Computerprogramm zu schließen und einen neuen Kunden zu begrüßen. Nicht einmal der Gang zur Toilette ist ohne kritische Blicke der Vorgesetzten möglich. Eine Überwachungszentrale, Privatsphäre gibt es nicht.

Die Arbeitsumstände bei uns im Callcenter - wir betreuen die Kunden einer großen Bank - sind aber auch darüber hinaus schwierig. Das fängt schon bei Kleinigkeiten an: Zum Beispiel sind aus Kostengründen die Wasserleitungen so eingestellt, dass kein warmes Wasser aus dem Hahn kommt. Die defekte Neonröhre flackert. Die Stühle wackeln und wir sitzen so eng, dass es unangenehm ist.

Wenn an schlechten Tagen noch Kunden hinzukommen, die sich nur beschweren, rumschreien oder einen beleidigen, frage ich mich schon manchmal, warum ich das noch mache. Aber ich habe kaum Alternativen, auch wenn ich aus dem Bereich Banken und Versicherungen komme. Ich bewerbe mich zwar regelmäßig, aber in meinem Alter bin ich nicht gerade der ideale Kandidat. Vielen Kollegen geht das ähnlich, obwohl sie eine abgeschlossene Ausbildung, ein Studium oder sogar einen Doktortitel haben. Hartz-IV-Empfänger, die aufstocken, sind aber genauso dabei.

Ich verdiene jetzt 1100 Euro brutto, durch den Mindestlohn ist es nur minimal mehr geworden. Weil unsere Vorgesetzten mit der Einführung zum Jahreswechsel die Boni an nicht erreichbare Vorgaben gekoppelt haben und die jetzt wegfallen. Dafür arbeite ich 33 Stunden in der Woche, faktisch aber mehr, knapp 40 Stunden, weil ich schon früher den Computer hochfahren und alles einrichten muss, um mit Dienstbeginn einsatzbereit zu sein. Wenn viele Anrufe kommen, ist es mein Pech, dass ich keine Pause machen kann. Und natürlich kann ich nicht einfach mit Schichtende auflegen, wenn ich einen Kunden am Telefon habe. Zeit für einen zweiten Job bleibt da nicht, das wäre mir auch zu anstrengend, die Arbeit im Callcenter ist hart genug.

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